Edgar Allan Poe: “Phantastische Geschichten – Der Mord in der Spitalgasse”

von | 28.04.2020 | Buchvorstellung

Autor(en): Poe, Edgar Allan

Was sucht Edgar Allan Poe (1809-1849), amerikanischer Schriftsteller, in einem Blog, der schwerpunktmäßig auf viktorianische Literatur ausgerichtet ist?

Nein, es ist nicht deshalb, weil er seine Jugendjahre in England verbrachte und dort, zumindest schulisch, erzogen wurde. Es ist auch nicht wegen der Bekanntschaft mit Charles Dickens, den er zweimal während dessen Amerika-Reise (1842) traf. Oder weil Charles Dickens und viele seiner Kolleg/innen Poe schätzten.

Es ist der direkte Einfluss Edgar Allan Poes auf die viktorianische Literatur und weit darüber hinaus durch seine Schauergeschichten und Detektiverzählungen. Wilkie Collins in “Die Frau in Weiß” und noch stärker in “Der Monddiamant” und Charles Dickens mit “Bleak House” setzten dieses Genre fort.

Und wenn Ihr die Geschichte lest, die ich Euch heute vorstelle (und die beiden nachfolgenden, die ich kurz streife), erkennt Ihr Parallelen zu Arthur Conan Doyles “Sherlock Holmes”. Und nun Vorhang auf zu “Der Mord in der Spitalgasse”, 1841 wurde die Erzählung erstmals in der Zeitschrift “Grahams Magazine” veröffentlicht.

Edgar Allan Poe: “Der Mord in der Spitalgasse”, ist heute übrigens bekannt unter dem Übersetzungstitel “Der Doppelmord in der Rue Morgue”.

Poe beginnt seine Erzählung mit Betrachtungen über den Unterschied zwischen Klugheit und der Fähigkeit zu analytischem Denken, über den noch größeren Unterschied zwischen Phantasie und wirklicher Einbildungskraft. Für Edgar Allan Poe sind kluge Menschen nur phantasievoll, Analytiker dagegen verfügen über wirkliche Einbildungskraft.

So führt Poe, der Ich-Erzähler, seinen Freund C. Auguste Dupin (in der Möller-Bruck-Übersetzung ist es August ohne französisches “e” am Schluss) ein, als einen wahren Analytiker, belesen und phantasiereich.

Er lernt den verarmten Adeligen während seines Paris-Aufenthaltes kennen, die Männer sind sich sympathisch und ziehen zusammen in eine Wohnung auf dem Faubourg Saint Germain. Beide lieben die Dunkelheit, so verhüllen sie tagsüber die Fenster und lesen, schreiben und diskutieren beim Schein der Kerzen. Spaziergänge unternehmen sie des nachts, wenn die Stadt von Menschen verlassen und dunkel ist.

Dupin hat seine Fähigkeit zur Analyse so verfeinert, dass er Poes Gedanken in einer Situation anhand dessen Mimik, Stimmklang, Körperhaltung in Kombination mit der Erinnerung an frühere Gespräche logisch entschlüsseln kann.

Eines Tages berichten die Pariser Zeitungen von einem grauenhaften und äußerst mysteriösen Doppelmord an der Witwe L’Espanaye und ihrer Tochter. Ort der Tragödie: die Spitalgasse (Rue Morgue).

Die Tochter wurde bestialisch erwürgt und mit Gewalt in einen Kaminschacht gezwängt. Die Kraft mehrerer Männer war nötig, um den Körper der jungen Frau zu befreien. Die Mutter fand man zerschmettert auf dem Hinterhof, die Kehle so tief aufgeschlitzt, dass ihr Kopf abfiel, als man die Leiche aufhob. Einige Stränge Haare waren ihr mitsamt Kopfhaut ausgerissen worden.

Hilferufe aus dem Haus hatten Nachbarn alarmiert, die beim Aufbrechen der Tür und beim Eintreten zwei verschiedene Stimmen gehört haben wollten: eine schrille und eine barsche. Merkwürdig: die Zeugen, selbst unterschiedlicher Nationalitäten (multi-kulti ist keine Erfindung der Neuzeit), konnten die Sprache der einen Person nicht verstehen, die andere wurde als Französisch erkannt. Doch wer hatte gesprochen? Das verwüstete Tat-Zimmer und alle Fenster waren verschlossen, im ganzen Haus wurde kein Mensch angetroffen. Gestohlen wurde augenscheinlich nichts.

Die Pariser Polizei tappt im Dunkeln und nimmt einen Geldboten fest, der einige Tage vor dem Doppelmord den beiden Frauen 4000 Franc überbracht hatte. Da das Geld am Tatort gefunden wurde, wundern sogar wir Nicht-Analytiker uns über diesen Verdacht und die Festnahme.

Dupin wird aktiv, um des analytischen Vergnügens willen und weil er dem Geldboten einen Gefallen schuldig ist, will er den Mord aufklären. Mit Einwilligung des Pariser Polizei-Präfekten inspizieren Poe und Dupin (wie später Watson und Holmes) methodisch genau den Tatort und die Leichen der Frauen, die dort noch liegen.

Anhand von an sich unauffälligen Gegenständen und Hinweisen wie einem zerbrochenen Nagel, halboffenen Fensterläden in Nähe eines Blitzableiters, ein paar Haaren in der Hand der Mutter, einem fettigen Haarband, der Sprach-Uneinigkeit der Zeugen, der Verwüstung ohne Diebstahl und der unglaublichen Kraft und Rohheit, mit der die Frauen ermordet wurden, löst Dupin den Fall. Der Täter sei ein Orang-Utan, der einem Matrosen gehört habe und diesem mitsamt Rasiermesser entwichen sei, lautet Dupins unglaubliche Schlussfolgerung. Und tatsächlich: mit einer Zeitungsannonce lockt Dupin einen französischen Matrosen in die Wohnung auf dem Faubourg Saint Germain und bringt ihn dazu, die Morde seines entlaufenen Orang-Utan zu “gestehen”. Einen Mörder zum Einsperren gibt es damit nicht.

Meine Leselampe-Fazit:

Wenn man Poes melodische, schwärmerische und zugleich kraftvollen Gedichte kennt, wenn man seine beklemmenden und übernatürlichen Schauergeschichten (mit einem Hauch von Irrsinn) liebt, muss man sich in seine logisch aufgebauten Detektivgeschichten erstmal einlesen und mit dem klaren und nüchternen Stil warm werden. Hier geht es um analytische Deduktion und Induktion, blutige Bilder und unheimliche Vorgänge liefert Poe allein über die zitierten Zeitungsberichte. Das muss man mögen. Streckenweise finde ich die Geschichte höchst spannend, dann ermüden mich an manchen Stellen Dupins analytische Erklärungen und Abhandlungen in ihrer Ausführlichkeit. Trotzdem wollte ich die ganze Zeit über wissen, wie “Der Mord in der Spitalgasse” sich auflöst und blieb bis zum überraschenden Ende dabei. Und dachte, wie vermutlich der Polizei-Präfekt auch, was fange ich jetzt mit so einem “Mörder” an?

Die Parallelen zu Arthur Conan Doyles “Sherlock Holmes” (Poe als Watson, Dupin als Holmes) werden in den zwei folgenden Geschichten um den “Detektiv aus Liebe zur logischen Analyse” Auguste Dupin noch deutlicher, in “Das Geheimnis um Marie Rogets Tod” und “Der entwendete Brief”. Lest am besten alle drei, das Ende ist jedesmal nicht nur für die Pariser Polizei, sondern auch für uns Leser verblüffend, manchmal etwas (vom Autor gewollt) unbefriedigend. Denn das altbewährte Krimi-Prinzip: ein Mord wird gesühnt durch die Überführung und Bestrafung des Mörders, bleibt Edgar Allan Poe uns schuldig………

Mein Lese-Exemplar:

E.A. Poe, “Phantastische Geschichten”, Sammlung (26 Erzählungen und Gedichte), 397 Seiten, übersetzt von Hans Wollschläger (“Der Rabe”) und A. Möller-Bruck, erschienen 1981 im Verlag Lothar Borowsky, München.

Details zu den Übersetzern und meinen Quellen findet Ihr auf Meine Leselampe unter: E.A.Poe: Biographie