Dick Whittington und seine Katze

von | 19.06.2020 | Buchvorstellung

Das englische Märchen “Dick Whittington und sein Katze” erwähnte Charles Dickens häufig in seinen Romanen, beispielsweise in “David Copperfield” oder in “Bleak House”.

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Auf diesen Dick Whittington war ich neugierig. Als ich neulich einen Stapel Bücher zu dem Buchtauschregal in unserer Nähe gebracht habe, fand ich dort den Band “Märchen aus England, Schottland und Irland”, blätterte ein bisschen darin und stieß tatsächlich auf “Dick Whittington und seine Katze”.

Es war einmal vor langer Zeit…………

“Dick Whittington und seine Katze”

Viele, viele Jahre ist es her, da lebte in einem Dorf irgendwo in England ein kleiner Junge namens Dick Whittington. Seine Eltern waren schon lange tot und die Bewohner seines Dorfes waren so arm, dass sie nicht für ihn sorgen konnten. Dick war zu klein, um selbst zu arbeiten, daher lebte er von den Essens-Abfällen seiner Nachbarn.

Insgeheim träumte Dick Whittington von London, dort sollten die Menschen reich und vergnügt sein und alle Tage auf den mit Gold gepflasterten Straßen der Stadt tanzen. Oh, wie gern würde Dick die goldenen Straßen Londons einmal sehen!!!

Jeder ist seines Glückes Schmied

Eines Tages fuhr eine Kutsche durch das Dorf und Dick fragte den Kutscher, ob er nach London fahre und ihn neben dem Gefährt herlaufen lasse. Der Kutscher war ein gutmütiger Mann und nahm den kleinen Jungen sogar in der Kutsche mit.

In London angelangt, lief Dick Whittington durch die Stadt und suchte die goldenen Straßen. Er wollte etwas von dem Gold abkratzen, dann wäre er reich und hätte jeden Tag genug zu essen. Doch er konnte laufen und suchen, so viel er wollte, Dick Whittington fand keine goldenen, sondern nur verdreckte Straßen. Er weinte bitterlich, denn nun war er ganz allein auf sich gestellt und hatte gar nichts mehr zu essen. Die nächsten Tage hielt er sich mit Betteln über Wasser oder erledigte für ein, zwei Pennies kleinere Arbeiten, doch nicht viele Leute halfen ihm und Dick Whittington wurde immer hungriger und schwächer.

Fast verhungert, brach Dick vor dem Haus eines reichen Londoner Kaufmannes zusammen. Dessen böse Köchin wollte ihn gerade vertreiben, als Mr. Fitzwarren – so hieß der Kaufmann – dazu kam und sich des kleinen Jungen erbarmte. Er ließ ihn in sein Haus tragen, sich satt essen und erholen.

Dick Whittington durfte bei Mr. Fitzwarren bleiben und im Hause für ihn arbeiten. Er wurde in einer Dachkammer untergebracht, in der viele Ratten und Mäuse hausten und ihn nachts wach hielten. Dick Whittington wusste sich zu helfen, er besorgte sich für einen Penny eine Katze, die von nun an die Ratten und Mäuse jagte und fraß.

Dick hätte im Haushalt von Mr. Fitzwarren zufrieden sein können, wenn ihn die böse Köchin nicht ständig gedemütigt und gepeinigt hätte. Eines Tages bemerkte Miss Alice, die Tochter Mr. Fitzwarrens, wie die Köchin mit Dick umsprang. Sie drohte ihr, sie zu entlassen, wenn sie Dick nicht anständig behandeln würde. Von da an hatte Dick Ruhe vor dem bösen alten Weib.

Wer nicht wagt, der nicht gewinnt

Eines Tages wollte Mr. Fitzwarren ein Schiff mit Gütern übers Meer schicken und alle seine Angestellten sollten die Chance erhalten, sich mit eigenen Waren an dem Handel und möglichen Gewinnen zu beteiligen. Dick hatte nichts, das er hätte mitgeben können. Alice wollte ihm etwas Geld beisteuern, doch Mr. Fitzwarren meinte, jeder müsse etwas geben, was ihm gehöre. Dick sagte, er habe nur seine Katze, sonst nichts. Auf Mr. Fitzwarrens Rat hin schickte er das Tier weinend und schweren Herzens auf die Reise. Die mitfühlende Alice gab ihm etwas Geld, um sich eine neue Katze zu kaufen und Ruhe vor den Ratten und Mäusen zu haben. Dass die Tochter des Hauses so freundlich zu dem armen Dick war, erzürnte die Köchin und sie fing an, Dick erneut zu quälen. Sie verspottete ihn wegen seines Katzen-Handels und behandelte ihn so grausam, dass Dick Whittington es nicht mehr aushielt und beschloss, weg zu laufen.

In den frühen Morgenstunden des 1. November – Allerheiligen – stahl sich Dick heimlich aus Mr. Fitzwarrens Haus. In Holloway machte er Rast und setzte sich auf einen Stein, der bis heute noch “Whittingtons-Stein” heißt. Hier wollte er ausruhen und seine nächsten Schritte planen. In dem Moment fingen die Glocken der nahe gelegenen Bow-Kirche an zu läuten und Dick hörte, dass sie ihm zuriefen:

“Kehr wieder um, Dick Whittington, wirst dreifach Lord Mayor von London!”

(Zitat, Seite 72, s.u.)

Erster Bürgermeister von London zu werden, ja, das gefiel unserem Dick. Also kehrt er zurück zu Mr. Fitzwarrens Haus. Was scherten ihn die Peinigungen der Köchin scheren, wenn er doch Lord Mayor und reich werden könnte?

Das Schiff des Kaufmanns mit Dick Whittingtons Katze an Bord hatte unterdessen eine fremde Küste angelaufen. Die Eingeborenen begrüßten den Kapitän und seine Mannschaft freundlich und luden sie zu einem Festmahl ein. Kaum waren die Köstlichkeiten aufgetischt, fiel ein Schwarm Ratten darüber her und fraß alles auf. Da es in dem fremden Land keine Katzen gab, ließ der Kapitän Dick Whittingtons “Mäusefängerin” von Bord holen, sie erledigte die Ratten innerhalb kürzester Zeit. Der dankbare König des Landes tauschte mit dem Kapitän die Katze gegen Unmengen an Edelsteinen und Gold und man schied in bester Freundschaft.

Ende gut, alles gut

Günstige Winde trugen das Schiff mitsamt Dick Whittingtons Gewinn rasch nach England. Der gütige Mr. Fitzwarren freute sich für Dick, der jetzt ein gemachter Mann war und weder er, noch seine Frau und seine Tochter wollten von Dicks großzügig angebotenen Reichtümern etwas annehmen.

Dick durfte als Gast in Mr. Fitzwarrens Haus bleiben, er kleidete sich in kostbare  Gewänder und war nun ein sehr gut aussehender junger Mann. Wen wundert es, dass Alice sich in ihn verliebte und Dick sich in sie, die ihm ja immer geholfen hatte. Mr. Fitzwarren war mehr als einverstanden mit dem Bräutigam und so wurde eine prächtige Hochzeit ausgerichtet, an der die einflussreichsten Bürger und Edlen der Stadt teilnahmen.

Alice und Dick führten eine glückliche Ehe, sie bekamen gesunde Kinder, standen in der Gunst des Königs und das Geld ging ihnen nie aus. Dick wurde Oberster Richter von London und – wie die Glocken es prophezeit hatten – dreimal Lord Mayor von London. König Heinrich V. schlug ihn sogar zum Ritter: Sir Richard Whittington.

Eine steinernes Abbild von Dick Whittington mit seiner Katze im Arm soll bis 1780 den Torbogen des früheren Gefängnisses von Newgate geziert haben – ob es wohl war ist…..?

Soweit das altbekannte englische Märchen von “Dick Whittington und seiner Katze”, von mir nacherzählt in eigenen Worten.

Tatsächlich gibt es eine historische Vorlage. Ein Richard Whittington lebte ungefähr von 1354 bis 1423 in London, war ein reicher und angesehener Kaufmann, mehrfach Lord Mayor von London und tatsächlich mit Alice Fitzwarren verheiratet.

Jedoch: Richard Whittington stammte aus einer angesehen Familie und machte sein Glück mit einer soliden Ausbildung, harter Arbeit und beruflichem Geschick. Die Katze ist wohl nur eine märchenhafte Dreingabe.

Meine Leselampe-Fazit:

Das Buch “Märchen aus England, Schottland und Irland” eignet sich sehr gut zum Vorlesen für Kinder (einige Ausnahmen gibt es, Märchen wie “Der Gespensterbräutigam” wären mir als Kind nicht gut bekommen) und genauso gut zum Schmökern für Erwachsene. Immerhin wurden 81 Märchen zusammengetragen!

Wie der Herausgeber Karl Rauch in seiner Einführung erklärt, unterscheiden sich die englischen Märchen, die “Fair Tales”, deutlich von unseren Märchen der Gebrüder Grimm. Die Märchenfiguren tragen Namen und Anreden, Orte werden benannt. Dadurch scheinen die Märchen eher wie Sagen oder historische Geschichten, sie erhalten quasi eine authentische Ummantelung. Mir gefallen die “Märchen aus England, Schottland und Irland” sehr gut und den viktorianischen Schriftstellern wohl auch, nehmen sie doch immer wieder in ihren Romanen Bezug darauf.

Mein Lese-Exemplar:

“Märchen aus England, Schottland und Irland”, aus der Reihe: “Märchen europäischer Völker”, 315 Seiten, übersetzt von Ursula Rauch und Hanna Roehr, mit einer Einführung vom Hrsg. Karl Rauch und mit Illustrationen von Antje Schönau, Lizenzausgabe mit Genehmigung von Interbooks, Zürich für verschiedene Verlage, Gesamtherstellung Reinhard Mohn OHG, Gütersloh. Keine Jahresangabe.

Das Foto “Fairytale” stammt von Prawny/Pixabay.