Ihrem Buch “Queen Victoria” gab Karina Urbach den Untertitel: Die unbeugsame Königin. Eine Biografie.

Queen Victoria: vor meinem inneren Auge sehe ich eine rundliche alte Dame in hochgeschlossener schwarzer Kleidung, oft mit einem weißem Schleier-Häubchen, unscheinbar und streng wirkend, selten lächelnd.

Dankenswerterweise hat Karina Urbach für das Buch-Cover ihrer Biographie ein anderes Bild der viktorianischen Monarchin gewählt, wir sehen eine junge Frau mit leicht geöffneten Lippen, verträumt-intensivem Blick, wohl gerundeten Schultern und verschränkten Armen, aus der linken Hand hängen lässig zwei Rosen.

Das Bild von Queen Victoria hat sich im Laufe der Jahrzehnte immer wieder stark gewandelt, sogar zu ihren Lebzeiten. Zu Beginn ihrer 63-jährigen Regierungszeit hielten ihre Zeitgenossen sie für zu jung und unerfahren, stets manipuliert – zunächst von ihrer lebensuntüchtigen Mutter und deren Günstling Sir John Conroy, danach von Lord Melbourne.

Einige Jahre später erschien Victoria ihren Untertanen als eine liebevolle Gattin und Mutter. Nach dem Tod ihres Ehemannes Prinz Albert kritisierte die Gesellschaft sie als eine ihre Trauer maßlos übertreibende Witwe. Zum Ende ihres Lebens feierten die Briten sie als glanzvolle Repräsentantin des mächtigen Empires – ein Viertel der Erde hatten sich die Briten untertan gemacht und Queen Victoria durfte sich Kaiserin von Indien nennen.

Je nach Nation und Epoche wurde sie als sehr deutsch oder typisch britisch empfunden. Mal bewunderte, mal verurteilte die Öffentlichkeit ihre politischen Ansichten. Sage und schreibe sieben Attentatsversuche musste Victoria überstehen, immer wieder Rufe nach ihrem Rücktritt aushalten. Doch am Ende wurde ein ganzes Zeitalter nach ihr benannt, ein Zeitalter der Umbrüche, das sich technisch und wirtschaftlich in rasantem Tempo entwickelte und wechselnde politische und soziale Herausforderungen bereit hielt.

Wer war Victoria, was trieb sie an, was machte sie so standhaft, welche Ziele verfolgte sie? Die promovierte und habilitierte Historikerin Karina Urbach (Institute for Advanced Study, Princeton) schildert in ihrer Biografie “Queen Victoria” die verschiedenen Rollen, die die viktorianische Königin in ihrem Leben einnahm:

… als Monarchin und Mutter, als Strippenzieherin dynastischer Diplomatie und als symbolischer Mittelpunkt einer viktorianischen Fortschrittswelt. (…) Niemand schaffte es langfristig, Victoria zu brechen. (…) Die unbeugsame Königin ging keinem Kampf aus dem Weg.”

aus: Karina Urbach, S.10 (Vorwort), “Queen Victoria” (Die unbeugsame Königin), Eine Biografie, erschienen 2018 im Verlag C.H.Beck, München.

Viele innen- und außenpolitische Kämpfe und Krisen hatte Queen Victoria auszufechten: in ihre Regierungszeit fielen die Hungersnot in Irland, die Selbstbestimmungs-Bestrebungen der Iren, das soziale Elend in der weltgrößten Metropole London, der Krimkrieg, die Burenkriege, die mit der Ausweitung des Empires verbundene Ausbeutung der Kronkolonien, das zeitweilige Schwanken des monarchistischen Systems, um nur einige Brennpunkte der damaligen Zeit zu nennen. Und Victoria musste sich mit den verschiedenen Tory- und Whig-Premierministern und deren politischen Ideen arrangieren, nicht alle mochte sie leiden, nicht bei allen konnte sie ihre Wünsche durchsetzen.

Karina Urbach erzählt aber auch über persönliche Eigenheiten Victorias: Babys und kleine Kinder schätzte die Queen nicht, auch nicht die neun eigenen. Ihre Kinder wurden erst als Erwachsene (= außenpolitische Handelsware) für sie interessant – sie ließ sie (und einen Gutteil der 42 Enkel) in europäische Fürstenhöfe einheiraten.

69 Jahre lang dokumentierte Victoria ihr Leben in Tagebüchern und Briefen, zudem verfasste sie Romane (die sie auch Charles Dickens vorlegte).

Mit dem Tod ihres über alles geliebten Alberts erlosch ihre Sinnlichkeit anscheinend nicht (John Brown!!!). Sie mochte gut aussehende Männer und alles Militärische.

Queen Victoria hasste öffentliche Auftritte, hielt nichts von der Emanzipation der Frauen, war auf paternalistische Art (typisch viktorianisch) sozial engagiert und lehnte das ausschweifende Leben des Adels ab, obwohl sie selbst sehr reich war.

Kurz gesagt: Karina Urbach hält viel Überraschendes bereit über diese außergewöhnliche Frau. Und ergänzt ihre Victoria-Biographie mit Berichten über die Generation der Enkel und Urenkel, von denen viele mit Hitler und den Nazis paktierten, was das Ansehen der britischen Monarchie schädigte. Die deutschen Wurzeln, auf die Victoria noch so stolz war, erwiesen sich als fatal.

Meine Leselampe-Fazit:

Karina Urbach vermittelt in ihrer reich bebilderten Biographie “Queen Victoria” ihr umfassendes Wissen über die Monarchin in leichtem heiteren Erzählstil, ergänzt historische Fakten mit Anekdoten und “Klatsch” – das macht das Buch spannend, abwechslungsreich und sehr gut lesbar.

“Queen Victoria” ist eine wunderbare Biographie über die Facetten der Königin, über die Frau hinter der offiziellen Geschichtsschreibung sowie ein vielschichtiges Porträt der viktorianischen Epoche (und dem, was danach kam). Eine Zeittafel sowie die Stammbäume von Georg III. bis hin zu Victorias UrenkelInnen runden Karina Urbachs Werk ab und bieten nochmals eine Zusammenfassung des Gelesenen.

Mein Lese-Exemplar:

Karina Urbach, “Queen Victoria” (Die unbeugsame Königin) – Eine Biografie, 284 Seiten (mit allen Registern und Anhängen), erschienen 2018 im Verlag C.H.Beck, München.

Das Franz-Winterhalter-Öl-Porträt habe ich auf Pixabay gefunden (zur Verfügung gestellt von David Mark).