Anne Brontë: “Agnes Grey”

von | 17.01.2020 | Buchvorstellung

Autor(en): Brontë, Anne

Anne Brontë, die Tochter eines anglikanischen Pfarrers, wurde 1820 im englischen Thornton geboren. In ihrem kurzen Leben – sie starb mit 29 Jahren – veröffentlichte sie zwei Romane: “Agnes Grey” und “Die Herrin von Wildfell Hall”.

In beiden Werken verarbeitete sie ihre frustrierenden Erlebnisse als Gouvernante.

“Agnes Grey” erschien 1847, im gleichen Jahr veröffentlichten ihre beiden Schwestern Charlotte und Emily auch jeweils einen Roman.

Blättern wir doch ein wenig in “Agnes Grey”…..:

Die Titelheldin und Ich-Erzählerin Agnes Grey weist, wie in der Einleitung erwähnt, Ähnlichkeit mit Anne Brontë auf. Auch sie ist Pfarrerstochter. Allerdings wächst Agnes behütet in ländlicher Umgebung auf – mit liebevollen gebildeten Eltern und einer älteren Schwester, Mary.

Anmerkung am Rande: Anne Brontë und ihre Geschwister litten unter einem trunksüchtigen, jähzornigen Pfarrer-Vater (behaupten manche Quellen, andere schildern ihn als liebevoll), die Mutter war früh gestorben.

Doch zurück zu Agnes Grey und ihrer Familie.

Agnes Vater steckt sein Erbe in ein Handelsprojekt mit einem Kaufmann, um seiner Frau (die aus sehr gutem Hause stammt) und seinen Töchtern ein angenehmes Leben zu bieten. Nun, das Schiff des Kaufmanns geht unter und das Geld ist weg. Nun muss die Pfarrersfamilie an allen Ecken und Enden sparen. Den Frauen macht das nichts aus, sie sind fleißig und einfallsreich und sehen die Lage keineswegs als verzweifelt an. Der Vater leidet unter dem Misserfolg, er wird schwermütig und kränkelt.

Da fasst Agnes den Entschluss, als Gouvernante zu arbeiten und mit dem Lohn ihre Lieben zu unterstützen. Den Eltern und der Schwester ist das gar nicht recht, aber Agnes setzt sich durch. Durch die Vermittlung einer Tante erhält sie eine Anstellung bei der reichen Kaufmannsfamilie Bloomfield.

Statt Abenteuer und Selbstständigkeit erwartet Agnes Grey ein Leben voller Demütigungen. Ihre Dienstherrin Mrs. Bloomfield ist kalt und abweisend, Mr. Bloomfield ein egoistischer, brutaler und gewöhnlicher Mann (ein “Proll” reinsten Wassers). Die Kinder Tom, Mary Ann und Fanny würde ich als schwer erziehbar und grausam bezeichnen. Agnes Grey hat als Gouvernante keinen Rückhalt bei den Bloomfields, darf die Kinder nicht einmal kritisieren und kann erzieherisch nur wenig bewirken. Nach acht Monaten trennen die Bloomfields sich von ihr.

Agnes Grey kehrt für ein paar Monate in ihr Elternhaus zurück, erholt sich und wagt einen weiteren Versuch, als Gouvernante zu arbeiten.

Diesmal hofft sie, es besser zu treffen, zählt die Familie Murray in Horton Lodge doch zu den Großgrundbesitzern. Daher sollte sie vornehmer und gebildeter sein als eine zu Reichtum gekommene Kaufmannsfamilie und wird eine Gouvernante sicher besser behandeln.

Doch auch hier wird Agnes Grey von oben herab behandelt, sogar vom Personal. Adelige Bekannte der Familie nehmen die Gouvernante gar nicht wahr. Ihre Zöglinge sind nicht so schlimm wie die der Bloomfields, aber es ist auch keine Freude, mit ihnen zu arbeiten. Rosalie, die Älteste, ist selbstverliebt, arrogant und eitel. Matilda präsentiert sich schlecht erzogen und benimmt sich wie ein Stallknecht. John tritt wild und ungebildet auf, scheint aber im Kern gutherzig zu sein und Charles ist ängstlich, feige und verlogen.

Hier auf Horton Lodge verbringt Agnes zwei nicht besonders glückliche Jahre. Es ist das damalige harte Los einer Gouvernante, einer gebildeten Frau, die in der Hierarchie zwischen dem Personal und der Herrschaft steht, aber zu keiner Seite gehört und von keiner Seite als dazugehörig betrachtet wird. Eine Art Unperson….

Das Blatt wendet sich für Agnes Grey, als sie den Hilfsgeistlichen Edward Weston kennen lernt und in ihm einen moralisch und geistig ebenbürtigen Gesprächspartner findet. Na ja, ein bisschen mehr empfindet Agnes schon für Mr. Weston, aber fühlt er auch etwas für sie?

Für derlei Gedanken bleibt nicht viel Zeit, von zu Hause erreicht Agnes die Nachricht, dass ihr Vater im Sterben liegt. Sie reist heim, kommt aber zu spät, der Vater ist tot. Nun müssen die Frauen ihr Leben neu gestalten. Mary ist in festen (Pfarrers-)Händen, Agnes und ihre Mutter eröffnen zusammen eine Schule. Eines Tages kommt es zu einem überraschenden Wiedersehen mit Edward Weston – ob diesmal mehr daraus wird?

Meine Leselampe-Fazit:

“Agnes Grey” – ein wahrlich tugendhafter Frauen-Roman!! Und ein realistisches Bild des Lebens als Gouvernante. Und ein Plädoyer für starke und unbeirrbare Frauen. Und ein liebenswertes Portät der viktorianischen Zeit, ihres biederen und moralischen Aspektes. Und die Schilderung ihrer Auswüchse und Schattenseiten…..

Anne Brontë stellt die oberen Gesellschaftsschichten als eitel, oberflächlich, herz- und zügellos dar. Grundpfeiler für ein anständiges und somit erfülltes Leben sind (für die fiktive und für die wirkliche Pfarrerstochter) ein gebildeter Verstand, liebevolle Anteilnahme, Selbstlosigkeit sowie eine tiefe Religiosität. Und wer gut, duldsam, ehrlich und standhaft ist, wird am Ende belohnt!!!!! Das galt für die Autorin im wahren Leben leider nicht.

Der viktorianische Roman “Agnes Grey” wirkt auf den ersten Blick nicht zeitgemäß, aber träumen nicht manche von uns, auch so eine unerschütterlich gute Heldin zu sein, alles Böse überwindend? Und gegen innere Festigkeit, moralische Grundsätze und Bildung (!!!!) spricht auch (gerade) heute nichts.

Auf jeden Fall halte ich es für ein gemütlich zu lesendes und romantisches Buch, ein Ausflug in eine andere Zeit.

Mein Lese-Exemplar:

Anne Brontë, “Agnes Grey”, Roman, 276 Seiten, aus dem Englischen übersetzt von Elisabeth von Arx, erschienen 1988 im Insel Verlag Frankfurt am Main (meine ältere Ausgabe).