Charles Dickens: “Bleak House”, Teil 1

von | 07.05.2020 | Buchvorstellung

Autor(en): Dickens, Charles

Im März 1852 erschien in der Zeitschrift “Household Words” von Charles Dickens die erste der insgesamt 19 Folgen seines Romans “Bleak House”. Bis September 1853 lief die Serie, erst dann erschien “Bleak House” als Buch. Doch schon mit den Zeitschriften-Veröffentlichungen (Auflagen von jeweils bis zu 35 000 Stück) verdiente der viktorianische Autor viel Geld.

Die Übersetzung von “Bleak House” ist nicht einheitlich und auch nicht auf den Punkt genau festzulegen, es kann “Düsteres Haus” oder “Trostloses Haus” bedeuten oder “offen stehendes Haus” oder “rauhes Haus”, auf jeden Fall verheißt der Titel eine schauerliche oder bedrückende Geschichte und das ist der neunte Roman von Charles Dickens auch.

Selten habe ich einen so komplexen Roman aus viktorianischer Zeit gelesen wie “Bleak House”. Das Werk ist eine Mischung aus Gesellschafts- und Kriminalroman. Gleich zwei Erzähler setzt Dickens ein: einmal Esther Summerson, die die Geschehnisse aus ihrer Sicht in der “Ich”-Form dokumentiert und ein sogenannter allwissender Erzähler, der in der dritten Person berichtet.

Dickens hat in “Bleak House” sehr viele Charaktere, deren Schicksale und die Orte, an denen sie leben und agieren, in die Handlungsstränge eingeflochten, alles ist miteinander vernetzt und man kann es nur schwer “aufdröseln”.

Ich versuche es einfach mal und schlage das Buch auf:

Grauer Nebel, vermischt mit Russ, hüllt ganz London ein, dringt in alle Häuser und den Menschen in die Knochen und ins Gemüt. Und besonders grau und dicht ist der Nebel an diesem Novembertag in Lincoln´s Inn Hall, dem Sitz des Obersten Kanzleigerichtes.

Verhandelt werden hier Erbschaftsangelegenheiten – langwierig und zäh betreiben sie der Oberste Lordkanzler und die Advokaten. Manch Prozessierender wurde vor dem Abschluss seines Falles ruiniert oder verstarb währenddessen.

So ein Fall ist “Jarndyce gegen Jarndyce”, die Erbschaftssache wird seit Jahrzehnten verhandelt, von den ursprünglich Beteiligten lebt keiner mehr und ein Ende ist nicht in Sicht. Auch heute wird das Verfahren nicht voran getrieben, das Kanzleigericht hat lediglich eine junge Dame und einen jungen Herrn der Familie Jarndyce unter die Vormundschaft eines entfernten Vetters zu stellen. Es sind Ada Clare und Richard Carstone, doch das erfahren wir erst später……

Nicht weit vom Obersten Kanzleigericht liegt die Stadtwohnung von Lord Leicester Dedlock: Er ist fast 70 Jahre alt, seine schöne und von ihren gesellschaftlichen Erfolgen gelangweilte Frau ist gut zwanzig Jahre jünger. Neider munkeln, Mylady Dedlock stamme nicht aus besten Kreisen, Lord Dedlock stört es nicht. Er verehrt seine Frau noch immer, der einzig menschliche Zug an diesem stolzen und förmlichen Aristokraten. Mylady hat sich vom Stammsitz Chesney Wold in Lincolnshire nach London begeben, um hier Zwischenstation auf ihrer Reise nach Paris zu machen. Zu dem Paar gesellt sich der Anwalt der Familie, ein Mr. Tulkinghorn. In stumpfes Schwarz gekleidet, unauffällig und stumm, stets aufmerksam lauschend im Hintergrund, mutet er unheimlich an – unser allwissender Erzähler beschreibt Tulkinghorn:

“Ein undurchdringlicher Nebel von Familiengeheimnissen, als deren stummen Bewahrer man ihn kennt, umgibt ihn”. (Seite 20/21, Charles Dickens, “Bleak House”, Insel-Taschenbuch von 1988, s.u.)

Tulkinghorn hat Prozess-Papiere bei sich, auch hier geht es um “Jarndyce gegen Jarndyce”. Mylord ist wegen einer kleinen Mitgift seiner Frau nur ganz am Rande in das Verfahren verstrickt. Mylady gibt sich uninteressiert, als sie jedoch einen Blick auf die Schriften wirft, erbleicht sie und fällt fast in Ohnmacht. Mr. Tulkinghorn wird aufmerksam, auf seine unauffällige Art………

Die Perspektive wechselt, es geht ein paar Jahre zurück: Esther Summerson schildert ihre trost- und lieblose Jugend. Sie wächst bei Miss Barbary auf, einer strengen und frömmlerischen Jungfer. Wer ihre Eltern sind, ob sie noch leben oder tot sind, erfährt sie nicht, nur dass die Mutter Schande über die Patin und über Esther gebracht hat. Kein Wunder, dass Esther sich als scheues, niedergedrücktes Kind beschreibt, eine Puppe ist ihre einzige Vertraute und Quelle des Trostes. Eine Dienerin steht der Tante zur Seite, Mrs. Rachael. Wir werden sie in “Bleak House” wieder treffen, als säuerliche Frau eines öligen Predigers…..

Als ihre Patin stirbt, kommt Esther in die Obhut von John Jarndyce, von Bleak House in Hertfordshire. Sie wird auf seine Veranlassung in einer Schule in Greenleaf zur Gesellschafterin ausgebildet. Eine schöne Zeit für Esther, liebevoll nimmt man sie auf, sie lernt zum ersten Mal warmherzige Menschlichkeit kennen. Nach sechs Jahren bekommt Esther ein Schreiben von der Anwaltskanzlei Kenge und Carboy, dass sie nun in die Dienste des John Jarndyce treten und Gesellschafterin für sein Mündel werden soll.

Esther reist nach London und lernt am Kanzleigericht Ada und Richard kennen, die Mündel von John Jarndyce. Ada dürfte siebzehn Jahre alt sein, ein blondes, blauäugiges Mädchen, liebreizend und freundlich. Richard, ein entfernter Cousin von ihr, ist zwei Jahre älter und ein gut aussehender, netter Jüngling. Beide sind Waisen und haben sich vorher nie gesehen. Esther wird als Gesellschafterin für Ada zuständig sein, Richard ist weiblicher Betreuung entwachsen. Die drei jungen Leute sind sich gleich sympathisch.

Bevor sie zu John Jarndyce nach Bleak House reisen, übernachten sie bei den Jellybys in London, Bekannten von John Jarndyce. Während sie vor dem Kanzleigericht auf eine Kutsche warten, machen sie die Bekanntschaft der skurrilen Miss Flite, die seit Jahrzehnten täglich den Erbschafts-Prozess “Jarndye gegen Jarndyce” verfolgt.

Ich mag Miss Flite – die scheinbar verrückte “Alte”, eines der Opfer von “Jarndyce gegen Jarndyce”. Sie ist erstaunlich hellsichtig und philosophisch. In ihrem scheinbar zusammenhanglosen und wirr anmutendem Geplauder über das sechste Siegel (wenn das sechste der sieben Siegel geöffnet wird, bricht laut der Johannes-Offenbarung Gottes Zorn über die Menschheit herein) und den Tag des Jüngsten Gerichts, an dem der Jarndye-Prozess beendet sein wird, steckt ein wahrer Kern. Esther hört ihre bedeutungsvollen Abschiedsworte:

“Jugend. Und Hoffnung. Und Schönheit. Und Kanzleigericht.( …..) Ha! Erlauben Sie mir, Sie zu beglückwünschen.” (S. 46,  Charles Dickens, “Bleak House”, Insel-Taschenbuch von 1988, s.u.)

Gegen Ende des Romans werden wir wissen, wie recht Miss Flite mit ihren Einschätzungen und Prophezeiungen hatte.

Ankunft bei Familie Jellyby in Thavie`s Inn – Esther, Ada und Richard staunen nicht schlecht über den chaotischen Haushalt. Mrs. Jellyby kümmert sich ausschließlich um die Belange der Afrikaner in Borriobula-Gha. Ihr Wohltätigkeits-Wahn drückt sich in einer pausenlos strömenden Korrespondenz weltweiten Ausmaßes sowie zahlreichen Treffen mit gleich gesonnenen Damen-Kränzchen aus. Ganz nebenher frisst das fromme Engagement Mrs. Jellybys Interesse und Zeit für ihre zahlreichen Kinder auf, die wie sie selbst einen verwahrlosten Eindruck machen und oft frieren, dürsten und hungern müssen. Mr. Jellyby hat nichts zu sagen, das Borriobula-Gha-Projekt treibt ihn stetig in den finanziellen und seelischen Ruin.

Dickens karikiert das “Man kümmert sich”- Bestreben des viktorianischen Kapitalismus und Imperialismus: die Fürsorge für die Einheimischen soll die Ausbeutung in den Kolonien rechtfertigen und das Gewissen der Nation, die daran verdient, beruhigen.

Mit einer Tochter des Hauses Jellyby freunden sich Esther und Ada im Laufe der Zeit an: Caddy. Die zu diesem Zeitpunkt mürrische und frustrierte junge Frau durchschaut und kritisiert ihre Mutter. Ironischerweise heiratet Caddy später einen jungen Tanzlehrer, dessen eitler Vater – ein selbsternanntes Muster an königlichem Stil und Anstand – ihn gänzlich ohne Anstand ausbeutet. Vom Regen in die Traufe? Trotz dieses Schwiegervaters und einem kranken Ehemann und einer behinderten Tochter Jahre später wird Caddy eine glückliche Frau und ein Anlaufpunkt für ihre vernachlässigten Geschwister und ihren Vater.

Nach der Nacht im Hause Jellyby machen Esther, Ada und Richard am nächsten Morgen einen Spaziergang, Caddy begleitet sie. Es ist kalt und nebelig. Zufällig – oder durch eine Art Sogwirkung? – landen sie vor dem Kanzleigericht in Lincoln’s Inn und treffen Miss Flite. Die führt sie zu ihrer armseligen Wohnung in unmittelbarer Nachbarschaft und macht sie mit ihrem Hauswirt, einer äußerst skurrilen Gestalt, bekannt: mit Mister Crook. Er handelt mit Knochen, menschlichen Haaren, Küchenabfällen, altem Eisen und Altpapier, darunter auch Kanzleischriften und juristische Bücher.

Ein Schild vor Crooks Rumpel-Laden weist auf einen weiteren Bewohner des Hauses hin: ein Herr namens Nemo, 45 Jahre alt und anständig, bietet an, juristische und andere Texte gewissenhaft ins Reine zu schreiben. Zunächst bleibt Nemo unsichtbar für die Leser, doch seine kurze Rolle im Handlungsablauf ist gewichtig.

Geschmückt mit Pelzmütze und Brille präsentiert sich Mr. Crook seinen Kunden. Er sieht mehr tot als lebendig aus. Verwittert, blass, mit schiefem Kopf, dem Trunke ergeben, wird dieses Exemplar der Männlichkeit von den Nachbarn als “Lordkanzler” tituliert, sein Laden ist als “Das Kanzleigericht” bekannt. Darauf ist Crook stolz, er sieht durchaus Ähnlichkeiten zwischen dem Lordkanzler und sich: wie sein adeliger Kollege am Gericht fische er im Trüben und gebe nichts mehr heraus, was er einmal in Besitz genommen habe. Ein kleiner Seitenhieb auf das viktorianische Justizsystem.

Crook wird übrigens so grotesk enden wie er lebt: als dicke Russflocken nach Selbstverbrennung.

Noch lebt er und die Prozess-Abläufe am Kanzleigericht sind Crook wohlbekannt, mit “Jarndyce gegen Jarndyce” ist er vertraut. Er kennt die Nachnamen Adas und Richards und erzählt von einem früheren Verwandten von ihnen. Der verzweifelte Tom Jarndye habe ihn an Verhandlungs-Tagen oft besucht und mit ihm getrunken. Eines Tages habe Tom sich im nahe gelegenen Wirtshaus erschossen, ein “Jarndyce gegen Jarndyce”- Opfer.

Ada und Richard sind von den Worten Crooks erschüttert. Unter deren Einfluss schwört Richard, dass Kanzleigericht und Prozess niemals Adas und sein Leben beeinträchtigen sollen.

Ach, ja, wie anders wird sich alles in “Bleak House” entwickeln als Richard in seinem jugendlichen Optimismus glaubt  – am Dienstag, den 12.5. “lesen wir uns wieder”. Bleibt gesund bis dahin und weiterhin mit Maske auf Abstand.

Übrigens, der schwierige Einstieg in Dickens Roman ist hiermit geschafft, war doch gar nicht so trocken und zäh, oder?

Mein Lese-Exemplar:

Charles Dickens, “Bleak House”, 1031 Seiten, übersetzt von Richard Zoozmann, Illustrationen von Phiz (Hablot Knight Browne), erschienen 1988 im Insel Verlag Frankfurt am Main und Leipzig