Charles Dickens “Das Spukhaus”

von | 31.10.2019 | Buchvorstellung

Autor(en): Dickens, Charles

Zum Weihnachtsfest 1859 veröffentlichte Charles Dickens in seiner Zeitschrift “All the Year Round” die Geschichte “Das Spukhaus” – “The Haunted House”. 

Kapitel 1: “Die Sterblichen in dem Hause” und Kapitel 2: “Der Geist in Master B.’s Zimmer” stammen aus Dickens Feder. Diese beiden Erzählungen wurden von Beiträgen anderer zeitgenössischer Autoren ergänzt.

Die Sterblichen im Spukhaus

Der Erzähler der Geschichte, John, 50 Jahre, steht mit beiden Beinen im Hier und Jetzt und auf Seiten der Vernunft. Er mietet ein Haus auf dem Lande, wo er sich mit seiner Schwester in den Winter- und Weihnachtsmonaten erholen will. Die Bewohner des nahe gelegenen Dorfes warnen ihn vor Geistererscheinungen wie “einer ermordeten alten Frau mit Eule” und dem unheimlichen Läuten von “Master B.’s Glocke”.

John und seine Schwester lassen sich nicht in Furcht und Schrecken versetzen, scheint bei dem nächtlichen Spuk doch auch ein Dorfbewohner seine Finger im Spiel zu haben, aber die Dienstboten sind zu nichts mehr zu gebrauchen. So reift der Plan, gute Freunde einzuladen, mit ihnen gemeinsam den Haushalt zu versorgen und schöne Weihnachtstage zu verbringen. Die Freunde und Freundinnen treffen ein, eine Truppe munterer und pragmatischer Menschen, wie es scheint (für uns heute zum Schmunzeln: bei der Beschreibung einer jungen Dame baut Dickens einen kleinen Seitenhieb auf emanzipatorische Bestrebungen ein). Sie losen aus, wer in welchem Zimmer nächtigen wird und vereinbaren, erst zum Ende der Weihnachtszeit, am Dreikönigstag, von eventuellen Geistererscheinungen zu berichten.

Der Geist in Master B.’s Zimmer

John, der vorübergehende Hausherr des Spukhauses, wohnt in Master B.’s Zimmer. Viel weiß man nicht über Master B., laut den abergläubischen Dorfbewohnern hat er die Glocke geläutet, als die alte Frau mit der Eule auf der Schulter getötet wurde. John denkt viel über Master B. nach, wie alt war er, wie lautete sein voller Name? Dann beginnt der Spuk: beim Rasieren macht John eine unheimliche Beobachtung im Spiegel, ein Junge in einem schaurigen Kostüm taucht nachts auf und im Bett liegt etwas Erschreckendes (nein, mehr wird nicht verraten). John folgt Master B. in andere Zeiten und Welten, in seine vermutlich eigenen Kinderjahre und dem abrupten, traumatischen Ende glücklicher Unbeschwertheit. Über all diese Träume denkt John nach und kommt zu einer desillusionierenden Erkenntnis.

Was macht eine Spukgeschichte gruselig? Und wie schreibe ich darüber ohne die Spannung vorwegzunehmen? Charles Dickens Weihnachtserzählung “Das Spukhaus” ist zudem eine Gruselgeschichte der besonderen Art und schwer zu erfassen. Hier entsteht das Schauerliche nicht klassisch durch ein verwunschenes Gebäude oder wird von Geräuschen oder Stimmungen erzeugt. Im ersten Moment dachte ich sogar, das zweite Kapitel, “Der Geist in Master B.’s Zimmer”, passt so gar nicht in das Genre Spuk/Horror. Dickens treiben eher die Gespenster der Vergangenheit um und ihn bedrückt das Gespenst eines jeden Lebens: die eigene Vergänglichkeit. Der unabwendbare und ganz große Horror ….

Meine Leselampe-Fazit:

Dickens Weihnachtsgeschichte ist spannend, hat die gewohnten komischen und tragischen Elemente, liest sich ganz wunderbar. Aber irgendwie liegt zwischen den beiden Kapiteln eine Art Bruch, den ich nicht genauer erklären kann. Dickens arbeitete viel mit Symbolik, wofür steht in der Geschichte aus John’s früherer Schulzeit die Gründung eines muslimischen Harems? Ist das eine Dicken’sche Absurdität? Über diese Weihnachtserzählung muss ich noch viel nachdenken, das steht fest.

Mein Lese-Exemplar:

Charles Dickens, “Weihnachtserzählungen”, daraus “Das Spukhaus” mit “Die Sterblichen in dem Hause” und “Der Geist in Master B.’s Zimmer”, 36 Seiten, bearbeitet, übersetzt und herausgegeben von D. P. Johnson, (überarbeitete Gesamtausgabe unter Verwendung der Übertragungen von Karl Kolb und Julius Seybt), mit Illustrationen der Erstausgabe, Magnus Verlag Essen (kein Erscheinungsdatum).