Anthony Trollope: “Die Claverings”

von | 26.05.2020 | Buchvorstellung

Der Roman des viktorianischen Vielschreibers Anthony Trollope wurde zwischen 1866 und 1867 als Zeitschriften-Serie und danach erst als Buch veröffentlicht.

Es geht um Liebe und Geld, Liebe ohne Geld und Geld ohne Liebe. Und darum, sich für einen dieser Wege zu entscheiden und mit den Konsequenzen zu leben. Ohne erhobenen Zeigefinger seitens des Autors Trollope (1815-1882). Vielleicht waren seine Gesellschaftsromane damals so beliebt – heute ist Anthony Trollope leider ein wenig in Vergessenheit geraten.

“Die Claverings”

Wir betreten den Park des düsteren Landsitzes von Sir Hugh Clavering und beobachten, wie ein hübscher junger Mann und eine atemberaubend schöne Frau ein wenig flirten und viel streiten.  

Es sind Harry Clavering, ein Cousin des oben genannten Baronets und die gleichaltrige Julia Brabazon. Drei Jahre kennen die beiden sich. Damals kam Julia nach dem Tod ihres Vaters bei ihrer Schwester Hermione unter, der unterdrückten Ehefrau des reichen und kaltherzigen Sir Hugh.

Harry möchte seine Freundin Julia heiraten, doch sie strebt nach Höherem und deshalb streiten sie sich jetzt.

Ja, es hat zwischen ihr und Harry gefunkt, aber ihn, den mittellosen Sohn eines Pfarrers heiraten, nein. Julia bevorzugt den reichen, verlebten und liederlichen Lord Ongar als Ehemann. Sie sieht die Ehe realistisch, was kann ihr Harry schon bieten, er, der Fellow an einem College und Lehrer ist? Zumal Harry nicht die einträgliche Pfarrei seines Vaters (des Onkels von Sir Hugh) übernehmen, sondern sich zum Bauingenieur oder Landvermesser ausbilden lassen will. Es wird dauern, bis er über ein geregeltes Einkommen verfügen kann. Und reich wird er gewiss nie.

Julia Brabazon wählt also das Geld und Harry tritt gekränkt als zahlender Praktikant in die Firma Beilby und Burton ein. Im ersten Jahr arbeitet er in Stratton bei Mr. Burton, danach bei Mr. Beilby in London.

Bei den Burtons lernt Harry die Tochter des Hauses Florence kennen und auf den zweiten Blick lieben. Florence ist keine Schönheit wie Julia, doch sanft, liebevoll und vernünftig veranlagt. Als Harrys einjähriges Praktikum bei Mr. Burton vorbei ist und er nach London zu dessen Partner Beilby wechseln soll, sind er und Florence verlobt.

Harry möchte schnell heiraten. Florence mahnt ihn zu Geduld. Sie will erst dann seine Frau werden, wenn er seine Ausbildung abgeschlossen hat, beruflich fest im Sattel sitzt und genug Geld verdient, um eine Familie zu ernähren. Vernunft, Durchhaltevermögen und beständiges Arbeiten sind Harrys Sache nicht, aber er fügt sich vorerst den Argumenten seiner Liebsten.

Zu dieser Zeit kehrt Julia Brabazon, nun Lady Ongar, nach England zurück – als Witwe. Sie hatte seit der Trauung mit ihrem Ehemann im Ausland gelebt. Die Ehe war die Hölle für sie, bis Ongar an seinem übermäßigen Alkoholkonsum starb. Da über Julias Lebenswandel in dieser Zeit üble Gerüchte kursieren, weigert sich Sir Hugh, sie in Clavering Park zu empfangen.

Julias Schwester Hermione sucht eine Bleibe für ihre Schwester und wendet sich ausgerechnet an Harry, der gerade Ferien bei seiner Familie im Pfarrhaus von Clavering macht. Da Harry ab jetzt in London leben wird, soll er Julia dort eine angemessene Wohnung besorgen. Harry willigt ein und beschließt insgeheim, mehr als das zu tun und Julia bei ihrer Ankunft vom Bahnhof abzuholen.

Oh, oh, was könnte für einen innerlich nicht gefestigten jungen Mann verführerischer sein als eine schöne Witwe, die von einem tragischen Geheimnis umgeben scheint? Und die seine erste große Liebe war?

Wen wundert es, dass Harry schnell wieder Julias Charme erliegt und ihr verschweigt, dass er verlobt ist. Und allmählich beleben sich die Gefühle der stolzen Julia für Harry auch wieder. Bei einem ihrer Treffen lässt Harry sich hinreißen und küsst Lady Ongar. Danach quält ihn sein Gewissen, er hat Florence und Julia getäuscht und verraten – wie soll er aus dieser Klemme herauskommen, für welche Frau sich entscheiden?

Julia, die nichts von Harrys Verlobung mit Florence weiß, beschließt, ihn zu heiraten. Sie hegt durchaus aufrichtige Gefühle für Harry. Er hat ihr, einer Frau mit schlechtem Ruf, die Treue und Freundschaft gehalten. Nun möchte sie ihn mit ihrem Vermögen für die Abfuhr vor über einem Jahr entschädigen und ihn (und sich!) glücklich machen. Ihr selbst bedeutet ihr Reichtum nichts, zu hoch war der Preis, den sie für Ongars Erbe zahlen musste. Und vielleicht wird sie nach einer Heirat mit Harry die Menschen aus ihrer Vergangenheit los, die sie noch immer verfolgen.

Da hätten wir den Grafen Pateroff, einen ehemaligen Freund Lord Ongars. Als Ongar im Sterben lag und sich wohl grauenhafte Szenen abspielten, hatten Pateroff und seine Schwester, die verschlagene Sophie Gordeloup, Julia beigestanden. Seither bedrängen die beiden sie, jede/r auf seine Art.

Sophie klammert sich als angeblich “wohlmeinende” Freundin an Julia, sie will jedoch an deren Seite ein gutes Leben genießen. Graf Pateroff bedroht Julia, wenn sie ihn nicht heiratet, könnte er durchaus ein rufschädigendes Geheimnis aus den letzten Tagen ihrer Ehe enthüllen. Leider erfahren wir nicht, worum es geht……..

Und noch jemand möchte an Julia und ihr Vermögen gelangen: der mittellose Archie, Sir Highs jüngerer Bruder. Trollope stellt ihn eher als eine Witzfigur denn ernst zu nehmenden Heirats-Kandidaten dar.

Unerfahren in der Brautwerbung und völlig arglos bezahlt er die geldgierige Sophie dafür, dass sie ihm bei Julia einen Vorteil als Bewerber verschafft. Und von ihm erfährt Sophie nebenbei von Harrys Verlobung mit Florence. Dieses Wissen möchte die intrigante Frau benutzen, um ihre “Freundin” lenken zu können.

Die arme Florence, fernab in Stratton, wundert sich derweil, warum sie wochenlang nichts von ihrem Harry aus London gehört hat. Als sie mitbekommt, wie eng ihr Verlobter mit Lady Ongar, seiner einstigen großen Liebe, verkehrt, will sie das Verlöbnis lösen, selbstlos und tief verwundet zugleich.

Zum Glück gibt es zwei kluge Frauen, denen am Wohl und Seelenheil der Verlobten liegt und die sich der verfahrenen Situation annehmen: Mrs. Clavering, Harrys Mutter und Mrs. Cecilia Burton, Florences Schwägerin. Jemand muss die Dreiecksgeschichte entwirren, denn der schwache Harry schwankt hilflos hin und her zwischen Julia und Florence: soll er sich für Liebe und Geld entscheiden oder für Ehre und Arbeit?

Währenddessen ereilt Julias Schwester, Hermione, ein schwerer Schicksalsschlag. Ihr schwächlicher kleiner Sohn stirbt, von ihrem Gatten Sir Hugh kommt kein Trost. Der gemeinsame Kummer kann das Paar nicht vereinen. Im Gegenteil: Sir Hugh wendet sich vollständig von seiner Frau ab und seinen Vergnügungen zu. Mit seinem Bruder Archie findet Sir Hugh bei einer Segelpartie ein tragisches Ende – das sich für Harrys Familie als großes materielles Glück erweisen soll.

Meine Leselampe-Fazit

“Am Gelde hängt alles, zum Gelde drängt…alles” (Faust, 1. Teil) – mit diesem Zitat hätte Anthony Trollope seinen Roman “Die Claverings” treffend überschreiben können.

Julia Brabazon ist Geld wichtiger als aufrichtige Liebe. Sie ist ein Kind der viktorianischen Zeit, in der eine Liebes-Ehe ohne Geld ein No-Go war. Ohne eigenes Vermögen oder wohlmeinende Familie musste eine Frau sich damals als Gouvernante oder Hausangestellte verdingen, ein hartes Los.

Wen wundert es also, dass in “Die Claverings” alle Beziehungen vom Geld abhängig sind, ob ererbt oder erfolgreich erarbeitet. So entstehen zwischen Harrys Schwester Fanny und dem armen Hilfsgeistlichen ihres Vaters, Mr. Saul, zarte Gefühle. Aber Fanny selbst und ihre Eltern halten eine Heirat ohne ein gewisses Vermögen für undenkbar und Mr. Saul, der das anders sieht, für verrückt.

Anthony Trollope verurteilt dieses materielle Denken und Handeln nicht. Zwar bestraft er Hermione und Julia für ihre Geld-Heiraten erst mit Unglück und dann mit Einsamkeit, dagegen “spendiert” er seinen anderen Paaren in “Die Claverings” das nötige Geld für ein Happy End, obwohl ihr Handeln auch nicht immer moralisch einwandfrei war.

Wie im wahren Leben geht es bei den Claverings, Burtons und Ongars zu: es gibt es nicht nur Schwarz oder Weiß, es werden nicht zwangsläufig die Guten belohnt und die Bösen bestraft. Trollope zeigt Verständnis für das allzu “Menschliche”, über viele Fehler geht er mit einem Augenzwinkern hinweg, fordert sein Publikum dazu auf, sich in die Figuren hinein zu versetzen nach dem Motto: “wer kennt das nicht von sich selbst?”

Und so bleibt die Grundstimmung von Anthony Trollopes Roman stets heiter und behaglich, die dramatischen Momente und Schicksalsschläge rufen keine Melancholie bei den Lesern hervor,

“Die Claverings” – eine amüsante und empfehlenswerte Lektüre für einen gemütlichen Sonn- oder Urlaubstag…….

Mein Lese-Exemplar:

Anthony Trollope, “Die Claverings”, Roman, 872 Seiten, aus dem Englischen übersetzt von Andrea Ott, mit Anmerkungen und einem Nachwort von Manfred Pfister, erschienen 2007 im Manesse Verlag, Zürich.