Charles Dickens: “Die Stechpalme”

von | 21.11.2019 | Buchvorstellung

Autor(en): Dickens, Charles

Die viktorianische Weihnachtserzählung “The Holly-Tree” veröffentlichte Charles Dickens 1855 in der Zeitschrift “Household Words”.

Die Stechpalme gehörte schon damals mit der Mistel und dem Efeu zur häuslichen Weihnachtsdekoration. Dickens schreibt hier über ein Gasthaus mit dem Namen “Stechpalme”, die Rahmenhandlung der Erzählung spielt zur Weihnachtszeit.

Erster Ast – Ich

“Ich”, der Erzähler (später erfahren wir, dass er Charley genannt wird) ist eine typische Dickens-Figur: schüchtern und von Liebeskummer gequält. So viel hat er in diesem Leben verpasst oder sich nicht getraut wegen seiner Schüchternheit. Und Angela, die Frau, die er heiraten wollte, hat sich seinem Jugendfreund Edwin zugewandt (der ihm unendlich überlegen ist). So macht sich Charley auf den Weg nach Amerika, um an dem Liebesglück der beiden nicht zugrunde zu gehen. Seine Reise tritt er an einem bitterkalten, trostlosen Londoner Morgen an. Bevor sein Postdampfer am 1. Januar in Liverpool startet, will er noch einen Abstecher nach Yorkshire machen, wo er einst in einem Landhaus Angela kennengelernt hatte. Es fängt unterwegs an zu schneien, immer heftiger und so beschließt unser Erzähler bei einem Pferdewechsel am Gasthaus “Die Stechpalme”, dort eine Zeit auszuruhen. Seine zwei Zimmer sind eher unkomfortabel und bedrückend, bald wird ihm langweilig. Die Gesellschaft der Wirtsleute zu suchen, verbietet ihm seine Schüchternheit. Zum Zeitvertreib bleiben ihm nur ein paar alte Zeitungen und Traktate und die Erinnerung an die Mord- und Gruselgeschichten seiner Kinderfrau. Am zweiten Tag beschließt er, sich den Stiefelputzer der “Stechpalme” als Gesellschafter kommen zu lassen.

Zweiter Ast – Der Stiefelputzer

Cobbs heißt der Stiefelputzer, der unserem im Schnee eingeschlossenen Reisenden die Zeit vertreiben soll. Vor seiner Anstellung im Gasthaus “Die Stechpalme” arbeitete er als Gärtnergehilfe bei den Walmers. Der siebenjährige Sohn des Hauses, Master Harry, ist ein begabtes und pfiffiges Kerlchen. Er “liebt” die siebenjährige Nachbarstochter Norah und möchte sie heiraten. Cobbs soll für das junge Ehepaar arbeiten, denn Harry hat den Gärtner sehr in sein Herz geschlossen. Doch Cobbs plant sich zu verändern und verlässt die Familie zu dem Zeitpunkt, an dem Master Harry mitsamt Norah in die Sommerfrische zur Großmutter nach York geschickt wird. Cobbs heuert im Gasthaus “Stechpalme” an. Eines schönen Tages hält vor dem Gasthof eine Kutsche und darin sitzen – Master Harry und Norah auf ihrem Weg zur Trauung nach Gretna Green ( in der Schmiede von Gretna Green ließen sich damals junge Paare trauen, die weder den nötigen elterlichen noch den gesellschaftlichen Segen hatten). Während der Wirt sich aufmacht, die Erziehungsberechtigten beizubringen, soll Cobbs das Pärchen unauffällig aufhalten und beschäftigen. Was er mit einem sehr schlechten Gewissen tut, denn die jungen Liebenden sind sehr niedlich und zutraulich. Nur die künftige Mrs. Harry Walmers junior “zickt” ob der ungewohnten Lebensumstände hier und da. Es kommt, wie es kommen muss, der Wirt kehrt mit dem Vater Harrys und einer ältere Dame für Norah zurück und die Eheleute in spe werden schmählich getrennt. Laut Cobbs kam auch später nie eine Heirat der beiden zu Stande….

Dritter Ast – Die Rechnung

Unser Erzähler muss sich nun sputen, wenn er sein Schiff in Liverpool pünktlich erreichen will. Die verschneiten Straßen haben ihn zu lange aufgehalten, den sentimentalen Abstecher zu dem Landhaus kann er nicht mehr machen. Er will die “Stechpalme” gerade verlassen, da hält eine Kutsche auf ihrem eiligen Weg nach Gretna Green zum Pferdewechsel. Und wer steigt aus? Freund Edwin, der Charles angeblich die große Liebe ausgespannt hat. Zwischen den beiden jungen Männern kommt es im Gasthof zum Wortwechsel. Es stellt sich heraus, dass Edwin mit Emmeline durchbrennt, einer Kusine Angelas. Er hatte das Haus von Angelas Familie so oft besucht, weil Emmeline auch dort wohnte. In Angela war er nie verliebt und sie nicht in ihn. Die Erleichterung Charleys könnt ihr Euch vorstellen, Schluss mit den Amerika-Plänen und nichts wie zurück nach London zu Angela, die ihn erhört. Zwei glückliche Paare, eine lebenslange Freundschaft zwischen ihnen, ein reicher Kindersegen, ein wahrlich weihnachtliches Happy-End. Charley sieht ein, wie unnötig sein Misstrauen in Herzens- und Freundschaftsangelegenheiten war und wie hinderlich seine Schüchternheit. Angesichts der glücklichen Wendung, die sein Schicksal im Gasthaus “Stechpalme” nahm, preist er zum guten Schluss die gleichnamige Pflanze und wünscht, dass sie sich in der ganzen Welt verbreiten möge.

Meine Leselampe-Fazit:

“Die Stechpalme” zeigt viele der stilistischen Elemente des Charles Dickens. Gleich zu Anfang der Erzählung spiegeln Kälte, Dunkelheit, Schnee, flackernde Straßenlaternen die traurige Stimmung der Hauptfigur wider. An einen glücklichen Ausgang wagt man da noch gar nicht zu denken. Zur Weihnachtszeit klären sich alle Missverständnisse auf, der Gasthof “Stechpalme” wird für Charley der Startpunkt in ein glückliches Leben. Für den Stiefelputzer Cobbs ist die “Stechpalme” allerdings die Endstation. Er beurteilt seine Chancen in dieser Welt mit den Worten, für Menschen wie ihn gebe es entweder ein “Gestern” oder ein “Morgen”, aber nie ein “Heute”. Chancengleichheit für alle – das können auch die Weihnachtszeit und eines ihrer Symbole, die Stechpalme, nicht herbeiführen. So war es leider immer und wird es wohl noch bleiben. Das haben auch Charles Dickens und seine Zeitgenossen schon gewusst. Immerhin wird es in vielen Regionen der Welt schon besser damit……

Mein Lese-Exemplar:

Charles Dickens, “Weihnachtserzählungen”, daraus “Die Stechpalme”, 31 Seiten, bearbeitet, übersetzt und herausgegeben von D. P. Johnson, (überarbeitete Gesamtausgabe unter Verwendung der Übertragungen von Karl Kolb und Julius Seybt), mit Illustrationen der Erstausgabe, Magnus Verlag Essen (kein Erscheinungsdatum).