W.M.Thackeray: “Die vier George”

von | 06.08.2020 | Buchvorstellung

Der viktorianische Schriftsteller W.M.Thackeray hielt von 1852 bis 1853 Vorträge über die aus Hannover stammenden Könige George I. bis George IV., anschließend wurden die Essays als Buch herausgegeben.

Thackeray wollte keine politische Rückschau vermitteln, sondern das Lebensgefühl dieser vergangenen Ära aufleben lassen, die ihm so viel reizvoller und heiterer erschien als seine viktorianische Epoche – als die Menschen noch viel geselliger waren und weniger Ansprüche an das Leben hatten (genauer auf Seite 59 in “Die vier George”).

Zum Verständnis kurz einige Fakten über die vier George, die einstigen Könige von Großbritannien und Irland, Kurfürsten (und z.T. Könige) von Hannover:

George I. saß von 1714 bis zu seinem Tode 1727 auf dem englischen Thron. Er war mehr an seiner Heimat Hannover interessiert und umgab sich auch am englischen Hof mit Landsleuten. Diese Haltung schwächte die Stellung der Monarchie in England.

Thackeray sagt über George I.:

“In Hannover war er ein Despot, in England dagegen ein stets maßhaltender Regent. Sein Grundsatz war, das Land sich selbst zu überlassen, …., für sich aber herauszuziehen, was möglich war. Sein Herz schlug nur für Hannover und blieb eigentlich immer in der Heimat.”

W. M. Thackeray, “Die vier George”, 153 Seiten, übersetzt von J. Augspurg, erschienen 1896 oder 1901 im Verlag Philipp Reclam jun. Leipzig. Zitat S. 38

George II. regierte von 1727 bis 1760 über die Engländer, Schotten und Iren. In seine Zeit fielen unter anderem der Siebenjährige Krieg und der letzte Aufstand der Jakobiter unter Bonnie Prince Charlie (die Schlacht bei Culloden). Da sein Sohn vor ihm starb, folgte ihm sein Enkel auf den Thron.

Thackeray hält George II. für einen ungehobelten Mann,

“…der weder Wissen, noch Würde des Charakters, weder Moral noch Geist besessen hatte, der durch sein schlechtes Beispiel eine große Gesellschaft noch tiefer sinken machte…..”

W. M. Thackeray, “Die vier George”, 153 Seiten, übersetzt von J. Augspurg, erschienen 1896 oder 1901 im Verlag Philipp Reclam jun. Leipzig. Zitat S. 73

Georg III. war der erste in der Reihe der Hannoveraner, der in England geboren wurde. Von 1760 bis 1820 lenkte er die Geschicke Großbritanniens mehr schlecht als recht. “Farmer George” (Volksmund) war geistig beschränkt, bigott, bescheiden. Zu seinen außenpolitischen Herausforderungen zählten die napoleonischen Kriege und der amerikanische Unabhängigkeitskrieg mit dem Verlust der Kolonien, innenpolitisch die Industrialisierung. Ab 1811 war Georg III. eigentlich regierungsunfähig, denn er wurde blind, taub und wahnsinnig.

Thackeray hegt für diesen George Mitleid, denn:

…ein König versuchte der arme, unbedeutende, gefühlvolle, bigotte Mann zu sein. Er that sein Bestes, arbeitete soweit seine geistigen Kräfte reichten,…..”.

W. M. Thackeray, “Die vier George”, 153 Seiten, übersetzt von J. Augspurg, erschienen 1896 oder 1901 im Verlag Philipp Reclam jun., Zitat S. 97

Georg IV. war von 1820 bis 1830 König von Großbritannien und Irland. Eitel, genusssüchtig und verschwenderisch war er, ein Dandy reinsten Wassers, der sich für den ersten Gentleman Europas hielt und als solcher feiern ließ. Von ihm sind kaum politische Aktivitäten von Tragweite zu vermelden, eher Skandale und Ausschweifungen.

Thackeray urteilt über George IV.:

…..das Bild von ihm ist nichts als ein Rock, eine Perücke, ein geziertes Lächeln, ist mit einem Wort nichts wie seine äußere Maske.”

W. M. Thackeray, “Die vier George”, 153 Seiten, übersetzt von J. Augspurg, erschienen 1896 oder 1901 im Verlag Philipp Reclam jun., Zitat S. 113

Übrigens: nach George IV. kam sein jüngerer Bruder William IV. an die Regentschaft, dem dann dessen Nichte Viktoria folgte.

Wichtiger als die politischen Leistungen der Hannoveraner-Könige sind für Thackeray zweifelsohne ihre Charaktere, ihr Familienleben, das Treiben der höfischen und adeligen Gesellschaft. Charmant plaudernd entfaltet der Viktorianer Thackeray einen Bilderbogen längst vergangener Zeiten.

Er zitiert für uns und seine damaligen Zuhörer*innen aus den Werken und Briefen bedeutender Schriftsteller und Politiker, begleitet Bonvivants in die Klubs, in die Oper und ins Theater, lässt Herzoginnen und Gräfinnen in ihren prachtvollen Kutschen vorbeifahren und auf Bällen tanzen, flaniert müßig durch die Londoner Parks, sitzt an den Spieltischen, wo im schimmernden Kerzenlicht an nur einem Abend Vermögen durchgebracht und Familien ruiniert werden.

Aus den Zeitungen des 18. Jahrhunderts verliest Thackeray Meldungen über Paraden, Verbrechen, Hinrichtungen, die Tagespreise von Weizen sowie allerlei politischen und gesellschaftlichen Klatsch.

Er erinnert sich wehmütig an die prachtvollen Adelspaläste und ihre Bewohner, er erzählt, als Kind Carlton-House, den Wohnsitz des Prinzregenten, besichtigt zu haben und wie beeindruckt er war.

Den verbannten Napoleon auf seiner einsamen Insel konnte der kleine William auf seiner Reise von Indien nach England auch bestaunen. Was hat man ihm damals noch gleich über den Korsen erzählt? Nun, dass er drei Schafe täglich verspeise und sich an kleinen Kindern vergreife (genauer auf Seite 75 in “Die vier George”)!!

Thackeray verherrlicht keineswegs die “gute, alte Zeit” – der viktorianische Schriftsteller wäre nicht er selbst ohne ein gewisses Maß an Kritik und Zynismus. So prangert er in erschütternden Bildern den ausschweifenden Lebensstil und die Prachtentfaltung an europäischen Fürstenhöfen an, der Hand in Hand mit der Ausbeutung des Volkes ging.

Im eigenen Land missfallen ihm (nicht nur in der Retrospektive übrigens, siehe “Das Buch der Snobs”) die Geburtsanrechte der englischen Patrizier auf hohe politische, militärische und klerikale Ämter sowie die unreflektierte Verehrung der Königswürde. Wenngleich Großbritannien für ihn im Vergleich mit den europäischen Nachbarstaaten besser abschneidet……! Ganz ohne Nationalstolz und Überlegenheitsgefühl geht es auch bei Thackeray nicht – “Rule Britannia” halt!!

Meine Leselampe-Fazit:

Eine heiter-sehnsuchtsvolle und intelligente Zeitreise durch das 18. Jahrhundert, eine gelungene Mischung aus politischer Dokumentation, gesellschaftlichen Anekdoten und Sensationslust, das sind “Die vier George” von W.M. Thackeray für mich. Die farbenfrohen Skizzen, die Thackeray für seine Hörer und Leser entworfen hat, machen Lust, ein Geschichtsbuch in die Hand zu nehmen und die Ereignisse nachzulesen, die Thackeray manchmal lediglich andeutet und über die seine Zeitgenossen im 19. Jahrhundert noch bestens informiert waren.

Manche politischen oder militärischen Heldentaten, auf die die Viktorianer stolz waren, sind heute natürlich ein No-Go. Doch das ist nun mal so bei historischen Dokumenten und ich denke, wir sind in der Lage, alles richtig einzuordnen. Die damalige Gesinnung und die Handlungsweise können wir rückwirkend sowieso nicht verändern…….

Ein wunderbares Buch, lehrreich und amüsant zugleich, ich lege es Euch ans Herz.

Meine Lese-Exemplare:

William Makepeace Thackeray, “Die vier George”, 153 Seiten, übersetzt von J. Augspurg, erschienen 1896 oder 1901 im Verlag Philipp Reclam jun., Leipzig, enthält auch: “Das Snobsbuch”, 267 Seiten, übersetzt von E. A. Witte, vorgestellt auf Meine Leselampe unter: https://www.meineleselampe.de/das-buch-der-snobs/

Das Kronen-Bild stammt von Dik Laan/Pixaby, der Hund mit dem Buch (rechts oben) ist von mir…..