“Ein Diktator zum Dessert” – Franz-Olivier Giesbert (2016)

von | 14.06.2019 | Buchvorstellung

 

“Ein Diktator zum Dessert” – Einleitung

“Ein Diktator zum Dessert” – klingt irgendwie nach einem Witz über Kannibalismus. Doch hinter dem Titel verbirgt sich die Geschichte eines Jahrhunderts des Genozids aus der Sicht einer mehrfach betroffenen Frau.

“Ein Diktator zum Dessert” vom erfahrenen Zeitungsmann Franz-Olivier Giesbert geschrieben, ist eines der wenigen Bücher, bei denen ich nach dem Lesen nicht weiß, was ich davon halten soll. Falls ihr es schon gelesen habt, würde es mich freuen, zu erfahren, wie es euch damit ergangen ist.

Autor Franz-Olivier Giesbert lässt eine 105-jährige namens Rose ihre Memoiren schreiben.

Diktator zum Dessert

Die agile Restaurant-Besitzerin und Köchin lebt in Marseille, sucht in Kontaktbörsen im Internet nach Sexualpartnern, fährt gern auf Mamadous Motorrad mit, hört Rockmusik, verweigert sich dem Selbstmitleid und genießt bewusst jeden Augenblick.

Das ist Roses Konsequenz aus ihrer tragischen Lebensgeschichte. Viele Unrechtsregime des 20. Jahrhunderts hat sie erlebt und durchlitten….

“Ein Diktator zum Dessert” – Inhalt

Als Kind erlebt unsere Erzählerin Rose den Genozid an ihrem Volk, den Armeniern. Ihre Familie wird von Türken verschleppt und getötet, sie sexuell missbraucht und vergewaltigt.

Rose kann vor der Mittelmeerküste vom Schiff eines ihrer osmanischen Peiniger entkommen, sie arbeitet in Marseille für eine Bande von Bettlern, findet für kurze Zeit Unterschlupf in einem Gasthaus, lernt das Kochen. Sie muss aber wieder fliehen, da ihr die Bruderschaft der Bettler auf den Fersen ist.

Zum Glück trifft Rose einen Bauern aus der Provence und kann bei ihm und seiner Frau leben und arbeiten, eine harmonische und friedliche Zeit. Doch als ihre “Ersatzeltern” sterben, wird sie von den Erben drangsaliert.

Sie begegnet Gabriel, verliebt sich in ihn und geht mit ihm nach Paris (inkognito, da die bös meinenden Erben sie polizeilich suchen lassen). Die beiden recherchieren und schreiben für einen Onkel Gabriels antisemitische Artikel, allerdings mit schlechtem Gewissen.

Als sie volljährig ist, kann Rose ein Restaurant eröffnen. Gabriel und sie heiraten, bekommen zwei Kinder, erleben die Machtergreifung der Nazis und das Vichy-Regime. Gabriel wird bezichtigt, selbst Jude zu sein, er und die beiden Kinder werden von den Nazis verschleppt. SS-Reichsführer Himmler taucht in Rose’s Restaurant auf und macht ihr Avancen.

Um ihren Mann und ihre Kinder zu retten, folgt sie ihm als Köchin und Sozusagen-Geliebte nach Berlin und Berchtesgaden, begegnet Hitler, kocht auch für ihn, wird von einem seiner Gefolgsleute vergewaltigt. Und erfährt endlich, was mit ihrem Mann und ihren Kindern geschehen ist…

Und Roses Leben verläuft weiterhin turbulent: mal heiter, meist tragisch: sie begegnet berühmten Schriftstellern und Künstlern, hat noch einige Liebhaber und Ehemänner, es verschlägt sie in die USA und nach China (hier verliert sie ihren Geliebten durch Maos Regime und Revolution) und landet wieder in Marseille.

“Ein Diktator zum Dessert” – mein Fazit

Das Prinzip “Geschichte im Eine-Person-Schnelldurchlauf” erinnert mich stark an den “Hundertjährigen, der aus dem Fenster stieg und verschwand”, diesmal aus Sicht einer Frau und weniger augenzwinkernd. Trotzdem wirkt der Roman nicht so bedrückend auf mich, wie ich es von der Schilderung eines Jahrhunderts der Genozide erwartet hatte, ich bleibe als Leserin innerlich auf Distanz.

Die Hauptfigur Rose ist seltsam flach gezeichnet: machen ihr die traumatischen Erlebnisse zu sehr zu schaffen, geht sie hin und tötet ihre früheren Peiniger und gut ist es, sie hat es auf diese ihre Weise verarbeitet.

Diktator zum Dessert

Rache als Allheilmittel, diese Maxime lässt Franz-Olivier Giesbert seine Heldin propagieren – zu deutlich für meinen Geschmack.

Der Charakter Rose als solcher verwirrt mich außerdem: nach den sexuellen Übergriffen in ihrer Kindheit hat sie nach wie vor unbekümmert Lust auf Sex (?), sie kocht gern, liest aber auch Weltliteratur und philosophische Werke und diskutiert auf Augenhöhe mit Politikern und Literaten.

Gleichzeitig schmecken die Schlussfolgerungen, die Rose aus ihrem Leben zieht, eher nach Hausmacher-Philosophie. Das macht die ganze Story inkonsequent, nicht zu begreifen (im eigentlichen Sinn des Wortes). Irgendeine Zutat fehlt (mir) an dem Gericht, schade, denn ansonsten ist die Geschichte temporeich und spannend erzählt.

“Ein Diktator zum Dessert” – mein Lese-Exemplar

Franz-Olivier Giesbert, “Ein Diktator zum Dessert”, Roman, 335 Seiten, übersetzt aus dem Französischen von Katrin Segerer, erschienen 2016 im Penguin Verlag (Verlagsgruppe Random House GmbH, München).

“Ein Diktator zum Dessert” – Weblinks

https://en.wikipedia.org/wiki/Franz-Olivier_Giesbert

Danke für die Pixabay-Fotos an: Eugen Visan, Pablo Valerio und Caitlin Johnston….

Diktator zum Dessert