Terry Pratchett: “Dunkle Halunken”

von | 12.04.2020 | Buchvorstellung

Autor(en): Pratchett, Terry

Wir Terry Pratchett-Fans sind Scheibenwelt-Gläubige. Aber der leider viel zu früh verstorbene Schriftsteller hat nebenbei literarische Parallel-Universen mit historischem Bezug erschaffen

In “Dunkle Halunken” ist es das London der viktorianischen Epoche. Neben Pratchetts fiktivem Helden Dodger tummeln sich viele authentische Figuren der Zeit: Charles Dickens, Henry Mayhew, Benjamin Disraeli, Sir Robert Peel, Angela Burdett-Coutts.

A propos Authentizität: ich habe mal bei wikipedia nach Sweeny Todd geschaut – den mörderischen Barbier in der Fleet-Street gab es nicht wirklich. Er ist eine Figur aus einem Groschenroman von 1846 und wird bis heute unter anderem im Musical oder Film (der von Tim Burton ist super!!!!) sozusagen “weiterverarbeitet”.

Aber keine Angst, Ihr müsst nicht viel recherchieren oder vorab über die viktorianische Zeit wissen, Terry Pratchett erklärt die historischen Bezüge und Personen lässig-locker am Schluss seines Romans “Dunkle Halunken” in einer Danksagung.

Doch nun zur Handlung von “Dunkle Halunken”:

Dodger ist ein Tosher, sprich: ein junger Mann aus den Londoner Slums, der in der Kanalisation nach Schmuck, Münzen und anderen Wertgegenständen sucht, um zu überleben. Ein Dreckwühler.

In aller Regel werden diese Tosher nicht alt, denn die Arbeit ist schmutzig (verkeimtes Abwasser, verkeimte und aggressive Ratten, verkeimte und aggressive und kriminelle Was-Weiß-Ich-Wer-Elemente) und gefährlich (siehe vorherige Klammer + baufälliges Material + Unwetter). Andererseits, wie Dodger sagt, verdient ein cleverer Tosher, der die Kanalisation wie seine Westentasche kennt, am Tag mehr als ein Kaminkehrer. Dessen Arbeit ja auch gefährlich ist (der ganze Ruß, innerlich und äußerlich, fragt nur Dodger).

Dodger lebt bei Solomon, einem alten und sehr weisen Juden, der in den Slums als Uhrmacher und Feinmechaniker arbeitet. Solomon gehört den Freimaurern an, ist in seinem Leben oft vertrieben worden, somit weit herum gekommen und kennt Gott und die Welt. Mit ihnen lebt ein interessanter Hund: Onan. Sein Markenzeichen ist ein ureigener “Duft”, der in dieser Hinsicht hartgesottenen Slum-Bewohnern die Tränen in die Augen treibt..

Trotz der Armut und der elenden Umgebung ist Dodger mit seinem Leben und sich recht zufrieden. Er liebt die Arbeit in der Kanalisation und seine Unabhängigkeit. In seinem Viertel ist er bekannt wie ein bunter Hund, den er ist freundlich und sozial gesonnen. Dodger kann sich aber auch erfolgreich wehren und duldet keine Gewalt gegen Schwächere. Er verfügt über innere Bildung – die Art, zu der Lesen und Schreiben nicht zwangsläufig gehört – , Lebensklugheit und eine sehr gute Beobachtungsgabe.

Eines Abends, über London tobt ein Unwetter mit sintflutartigen Regengüssen, sieht er, wie eine junge Frau aus einer Kutsche stürzt und einige Männer hinterher springen und sie halbtot prügeln. Dodger rettet ihr tat- und schlagkräftig das Leben. Zur Hilfe eilen ihm zwei Männer, es sind Charles Dickens und Henry Mayhew. Die beiden “Schreiberlinge” kümmern sich um die Ärmsten Londons, sie haben dem Hunger, der Unwissenheit und der mangelnden Hygiene in den Elendsvierteln den Kampf angesagt (die Waffen ihrer Wahl sind Schreibfedern und das, was man heute Lobbyismus nennt).

Henry Mayhew und seine Frau Jane nehmen vorerst die verletzte junge Frau, “Simplicity” genannt, auf und pflegen sie gesund. Leider verliert Simplicity trotz aller Hilfe ihr ungeborenes Kind.

Auf Anregung von Charles Dickens beginnt Dodger mit der Suche nach den Hintermännern des Überfalls, die Simplicity weiterhin nach dem Leben trachten. Denn sie ist mit einem deutschen (törichten) Prinzen verheiratet, der nicht mehr zu ihr steht, da sie nicht standesgemäß und sein Vater ein böser alter Tyrann ist. Beide wollen Simplicity nicht mehr wirklich bei sich haben. Die politischen Freunde des Charles Dickens wie Benjamin Disraeli oder Sir Robert Peel sind wenig hilfreich. Denn als Frau war Simplicity zu jener Zeit das Eigentum ihres Ehemannes und ein offizielles britisches Eingreifen zugunsten der jungen Dame hätte die diplomatischen Beziehungen zu Deutschland gefährdet oder gar einen Krieg ausgelöst.

Daher ist Dodger im Kampf gegen das Böse ziemlich auf sich allein gestellt. Kein Problem für einen so pfiffigen und vorausschauenden “König der Tosher”, der zudem unter dem Schutz der “Lady” steht. (Lady=Göttin der Tosher, ist oben hui = madonnenmäßig und unten pfui= Rattenkrallen statt Füße).

Mit Schwung und Optimismus, beflügelt von der (erwiderten) Liebe zu Simplicity sucht Dodger die Hintermänner des Überfalls, avanciert nebenbei mit spektakulären Aktionen (die Überwältigung Sweeny Todds!) zum Helden der Nation (gepusht vom Journalisten Charles Dickens) und lernt sich auf dem mondänen sowie politischen Parkett zu bewegen ohne sich einlullen zu lassen.

Mit viel Mut und noch viel mehr Menschenkenntnis meistert Dodger seelisch und körperlich (ziemlich) unversehrt die gefährlichsten Situationen und Terry Pratchett wäre nicht Terry Pratchett, wenn er keine Belohnung für unseren sympathischen Helden ersonnen hätte: die Hand einer Prinzessin und ein ganz besonderer Job im Dienste Ihrer Majestät (aus der “geschüttelt nicht gerührt”- Abteilung)……..

Meine Leselampe-Fazit:

“Dunkle Halunken” – das ist Terry Pratchett wie er leibt und schreibt: phantasiereich, witzig, zynisch (aber mit Augenzwinkern), temporeich, eigenwillig und originell formuliert. Und diesmal mit ungewohnt wenigen Fußnoten.

Pratchett schafft es, die viktorianische Zeit zu kritisieren, ohne sie zu verdammen und unser Mitgefühl für die Ärmsten Londons zu erwecken, ohne weinerliche Stimmung zu kreieren.

Es ist einfach ein Terry Pratchett-Roman und damit g u t ! Sehr sehr gut………Genial.

Mein Lese-Exemplar:

Terry Pratchett, “Dunkle Halunken”, Roman, 376 Seiten (mit der fantastisch-informativen Danksagung), übersetzt aus dem Englischen von Andreas Brandhorst, erschienen 2013 Piper Verlag GmbH, München.