Robert McLiam Wilson “Eureka Street, Belfast”

von | 30.08.2019 | Buchvorstellung

Der nicht enden wollende Nordirlandkonflikt ist Thema des Romans “Eureka Street, Belfast“, der vor 23 Jahren spielt. Konflikt und Buch könnten durch den Brexit politisch brandaktuell werden.

Robert McLiam Wilson schreibt über fünf Freunde aus Belfast, alle so um die 30, auf den ersten Blick “underdogs”, auf den zweiten Blick nette Jungs, schön schräg und angenehm unangepasst. Und es geht um das alltägliche Leben in Belfast inmitten des Nordirlandkonflikts mit Bombenattentaten, Schlägereien, Patrouillen, Blockaden, getrennten Wohnvierteln und Straßen.
Hauptfigur und Ich-Erzähler ist Jake, von seiner britischen Journalisten-Freundin verlassen und seitdem häufiger hoffnungslos verliebt. Leider steht er sich mit seiner rauen Art beim Flirten selbst im Weg. Jake ist intelligent, macht sich politisch und auch sonst keine Illusionen, er hat studiert, schlägt sich aber mit Jobs wie Geld eintreiben oder Fliesen legen durch.

Jake, Chuckie und das Glück in Belfast

Jake liebt seine Stadt. Wie er Belfast und dessen Einwohner schildert, ist poetisch, zärtlich und impressionistisch (wäre er mal so den Frauen gegenüber!). Sogar in dem Kapitel über einen Anschlag mit verstörenden Bildern und politischem Zynismus schimmert immer wieder die Liebe zu Belfast und seinen Menschen durch. Die Liebe auf den ersten Blick findet er nicht, aber vielleicht die auf den zweiten? (Selbst lesen)

Chuckie, der einzige Protestant in der Freundes-Gruppe, lebt noch bei seiner Mutter in der Eureka Street. Wohlbeleibt, arbeitsscheu und faul, hat er plötzlich die zündende (und nicht ganz korrekte) Idee, wie er schnell zu viel Geld kommen kann. Und es klappt in unvorstellbaren Ausmaßen. Seine große Liebe findet er und verliert sie fast wieder. Doch er hat seine Trägheit verloren und reist für sein Happy End sogar nach Amerika. Besonders amüsant beschrieben finde ich seine Erlebnisse in New York!

Etwas im Hintergrund der Erzählung bleiben Septic Ted, Donal und Slate, sie sind als Freunde aus Schulzeiten etwas Selbstverständliches, der vertraute und feste Rahmen des eigenen Lebens. Doch am Ende des Romans zeigen sie ihre bis dato gut verborgenen und überraschenden Seiten.

Den Nordirlandkonflikt nehmen die fünf als unabänderlich, sie leben damit, diskutieren im Suff darüber, lassen sich zu keinerlei Fanatismus hinreißen. Es spielt keine Rolle bei ihnen, ob jemand Katholik oder Protestant ist. Und wie ganz Belfast rätseln sie, was das neu aufgetauchte NEG-Graffiti an Hauswänden bedeuten könnte.

Meine Leselampe-Fazit:

Robert McLiam Wilsons atmosphärischer, flotter und zu den Charakteren passend auch ein bisschen schnoddriger Roman “Eureka Street, Belfast” endet mit einem Waffenstillstand zwischen katholischen Nationalisten und protestantischen Unionisten (und gleich danach einer Straßenschlacht).

Tatsächlich hatte die IRA 1994 eine unbefristete Waffenruhe verkündet, diese aber ab 1996 wieder aufgehoben. Erst mit dem Karfreitagsabkommen 1998 kam es zu einem dauerhaften, wenn auch äußerst wackeligen Waffenstillstand. Ein harter Brexit ohne Backstop-Regelung könnte all das gefährden, in diesem Jahr kam es wegen der Brexit-Frage schon zu blutigen Zwischenfällen.

Mein Lese-Exemplar:

Robert McLiam Wilson, “Eureka Street, Belfast”, Roman, 431 Seiten, übersetzt von Christa Schuenke, erschienen 1997 im Fischer Taschenbuch Verlag.