Wilkie Collins: “Die Frau in Weiß”, Teil 8

von | 14.04.2020 | Buchvorstellung

Autor(en): Collins, Wilkie

Mit “Die Frau in Weiß” hat der viktorianische Autor Wilkie Collins einen der ersten Kriminalromane seiner Zeit vorgelegt. Nach einem gemütvollen Anfang, in dem Collins seinen Leser/innen noch eine “Heile-Welt”-Behaglichkeit vermittelte, unterlegt er nun das Geschehen mit einer bedrohlichen Stimmung.

Wo waren wir gleich stehengeblieben? (Das fragten zu meiner Zeit Lehrer gern, wissend, dass keiner es wusste…)

Hier könnt Ihr nochmal “nachblättern”:“Die Frau in Weiß”, Teil 7.

In Blackwater Park fühlen Laura und Marian sich nicht mehr sicher. Sir Percival Glyde hatte versucht, Lauras Unterschrift zu erzwingen, um an ihr Geld zu kommen. Einzig Conte Foscos Eingreifen verhinderte das Vorhaben. Doch er ist kein Zeitgenosse, dem man vertrauen sollte, das spüren Laura und Marian deutlich.

Das Unheil kommt früher als erwartet……..

“Die Frau in Weiß”, Zweiter Zeitraum, Bericht fortgesetzt von Marian Halcombe (Blackwater Park, Hampshire, 18. – 20. Juni 1850), Teil 8:

Lauras Tagebuchaufzeichnungen beginnen am 18. Juni mit der Feststellung, dass das Schlimmste eingetreten ist.

Die Halbschwestern hatten geplant, dass Marian, unbemerkt von Anne Catherick, an deren zweiten Treffen mit Laura teilnehmen soll. Am frühen Nachmittag bricht Laura in Richtung Bootshaus auf. Marian geht etwas später los. Als sie am Bootshaus ankommt, ist dort niemand. Wo sind Laura und Anne Catherick?

Marian sucht die nähere Umgebung ab – vergebens. Vor dem Bootshaus findet sie Fußabdrücke im Sand: kleinere von einer Frau (Laura?) und größere von einem Mann.

Voll böser Ahnungen folgt sie den Spuren, die sie zum Hintereingang des Herrenhauses führen. Von der Haushälterin erfährt sie, dass Sir Percival Glyde die weinende Laura heim gebracht und deren Zofe Fanny fristlos entlassen hat.

Marian bewahrt die Nerven und spricht zunächst mit der verzweifelten Fanny, die sich ihren Hinauswurf nicht erklären kann. Für die Nacht will Fanny im Dorfgasthof unterkommen und am nächsten Tag nach Limmeridge fahren. Marian sichert ihr Unterstützung zu und bittet sie, sich für Hilfsleistungen bereit zu halten. Dann eilt sie zu Lauras Zimmer, ein tumbes, derbes Dienstmädchen bewacht die Tür: Sir Glyde gestatte niemandem den Zutritt.

Wutentbrannt läuft Marian nach unten und stellt Sir Percival zur Rede. Dieser wird ausfällig und droht, sie ebenfalls einzusperren. Don Fosco interveniert – gemeinsam mit seiner Gattin – und erreicht, dass Laura sich wieder frei bewegen darf. Marian ist es mehr als unangenehm, ausgerechnet diesem unheimlichen Mann verpflichtet zu sein.

Zurück in Lauras Zimmer lässt Marian sich erzählen, was passiert ist.

Als Laura am Bootshaus angekommen war, gab es weit und breit keine Spur von Anne Catherick. In einer Mulde im Sand verborgen fand sie einen Brief, in dem Anne sie warnte. Ein “großer dicker alter Mann” (Fosco, doch ein Spion) habe ihr erstes Treffen belauscht. Daher könne sie zur vereinbarten Zeit nicht kommen, es sei nicht sicher. Laura solle ihr vertrauen und geduldig abwarten, sie werde das böse Geheimnis ihres Mannes noch erfahren.

Und just in dem Moment stand Sir Percival Glyde vor ihr, er hatte das Schreiben bereits gelesen und zwang Laura, alles zu sagen, was sie bis dato wusste. Ihren Beteuerungen, von Anne noch gar nichts über das Geheimnis erfahren zu haben, glaubte er nicht. Aufgebracht zerrte Glyde sie mit sich, die blauen Flecken an Lauras Arm zeugen Marian noch jetzt von seiner Wut. Wie Laura weiter berichtet, drohte Glyde sie einzusperren, bis sie ihm alles sagen würde. Und tat es.

Soweit Lauras Erlebnisse, Marian weiß, dass sie jetzt rasch handeln muss, unbemerkt von Glyde und den Foscos. Uns Lesern gibt Collins immer mehr Hinweise, dass im Hintergrund gelauscht und agiert wird. Laura schöpft zwar in einigen Punkten Verdacht, findet aber keine Beweise und fühlt sich relativ sicher. Das soll ihr zum Verhängnis werden.

Sie schreibt an Herrn Kyrle in London, schildert das brutale Vorgehen Sir Glydes und bittet um juristischen Beistand. Frederick Fairlie fordert sie in einem zweiten Brief auf, ihr und Laura Schutz und Unterschlupf in Limmeridge-Haus zu gewähren. Noch vor dem Dinner bringt sie ihre Post in den Dorfgasthof zu Fanny, die ihr verspricht, die Briefe sicher zu befördern.

Etwas beruhigter kehrt Marian zum Dinner nach Blackwater Park zurück. An diesem Abend mehren sich die Anzeichen dafür, dass Conte Fosco und seine Frau etwas im Schilde führen, doch Marian kann sie nicht recht deuten.

Später am Abend täuscht Marian Kopfschmerzen vor und zieht sich auf ihr Zimmer zurück. Bei einem Blick aus ihrem Fenster sieht sie, dass der Conte und Glyde das Fenster beobachten und hört, wie sie sich zu einem Gespräch in der Bibliothek verabreden. Flink kleidet sie sich um, klettert auf das umlaufende Veranda-Dach heraus und kriecht auf ihm vorsichtig entlang, bis sie über der Bibliothek ankommt.

Fosco und Glyde sitzen in der geöffneten Terrassentür und besprechen ihre finanzielle Schieflage. Wie vermutet, hat Glyde die pekuniären Bedürfnisse der beiden vorerst mit Wechseln abgesichert, für die horrende Zinsen fällig werden. In zwei Monaten brauchen sie also dringend Geld. Fosco lockt aus Glyde die Details über Lauras Vermögensverhältnisse heraus. Besonders der Umstand, dass Glyde und auch die Contessa als Tante im Falle von Lauras Tod alles erben werden, scheint den Conte zu interessieren. Er überredet Glyde, die Sache ihm in die Hände zu legen. Das Geheimnis um Anne Catherick will Glyde seinem Freund nicht anvertrauen, nur dass es ihn ruinieren könnte, wenn es heraus käme. Allerdings erfährt Fosco von der Ähnlichkeit zwischen Laura und Anne, von Lauras und Walter Hartrights gegenseitiger Zuneigung und von Hartrights Bekanntschaft mit und Erkundigungen nach Anne Catherick. Fosco hält ihn für ungefährlich, da er momentan im Ausland ist.

Nach allem, was er von Glyde gehört hat, zeigt Fosco sich heiter und zuversichtlich, er beruhigt seinen missgelaunten Freund mit der Zusicherung, ihm helfen zu können. Die beiden Männer ziehen sich zurück und gehen schlafen.

Seit einer ganzen Weile regnet es schon und Marian kriecht völlig durchnässt zu ihrem Zimmer zurück. In ihrem Tagebuch beschreibt sie, wie schlecht es ihr geht, wie fiebrig und erschöpft sie ist. Die restliche Nacht hat sie erstarrt in ihrem Zimmer gesessen, erst verkrampft vor Kälte, dann glühend vor Hitze. Sie zählt die Schläge der Uhr, versucht das Wort “Laura” zu schreiben, die Worte fließen ineinander…….

“Die Frau in Weiß”, Zweiter Zeitraum, Postskript eines aufrichtigen Freundes (Blackwater Park, Hampshire, 21. Juni), Teil 8:

Seine Freunde kann man sich bekanntlich nicht aussuchen und diesen Schreiber würde Marian mitnichten als Freund wählen. Und erst recht nicht wollen, dass er in ihrem Tagebuch liest und etwas hinein schreibt.

Dabei sind es wohlmeinende Zeilen über das “verehrungswürdige” Fräulein Halcombe und das Vergnügen, solch ein “bewundernswertes Weib” zu kennen und ihr intellektuelles Tagebuch zu lesen. Marian Halcombe, eine Frau auf Augenhöhe, eine Frau mit ebenso edler Gesinnung wie der Verfasser des Postscriptums, dem ihre Genesung sehr am Herzen liege. Deren Pläne für das Wohlergehen ihrer Schwester Laura nunmehr leider zum Scheitern verurteilt seien. Denn er wisse nun, was er zu tun habe…..!

Der Unterzeichner ist…klar, am selbstverliebten und schwülstigen Ton erkennt man ihn……Don Fosco!

Wie geht es Marian, was haben Glyde und Fosco mit Laura angestellt? Auf jeden Fall werden wir längere Zeit nicht mehr in Marians Aufzeichnungen lesen können. Von nun an berichten im Zweiten Zeitraum andere: Frederick Fairlie, die Haushälterin, ein Arzt, eine Leichenwäscherin (!) und und und. Was sie zu berichten haben, erfahrt ihr am Donnerstag in Teil 9 – bis dahin bleibt gesund!!!!!

Mein Lese-Exemplar:

Wilkie Collins, “Die Frau in Weiß”, 763 Seiten, aus dem Englischen übersetzt von Arno Schmidt, erschienen 1965 im Henry Goverts Verlag GmbH, Stuttgart / Veröffentlichung Deutscher Bücherbund.