Grimaldi – zuvor etwas Persönliches

Clowns waren mir als Kind zutiefst unheimlich und Stephen Kings Pennywise [1] sollte meine Furcht viele Jahre später – zumindest literarisch – bestätigen.

Grimaldi – Charles Dickens (1838)

Bild links: SeyhanTuraci/Pixabay

Lag es vielleicht an dem starren Grinsen, dem maskenähnlichen Gesichtsausdruck, weshalb ich Clowns als unnatürliche, bedrohliche Wesen, aber nicht als Menschen aus Fleisch und Blut ansah?

Auch Charles Dickens ängstigte sich als Kind vor der Starrheit selbst fröhlicher Masken [2], doch als er 1820 im zarten Alter von acht Jahren den großen Clown Grimaldi auf der Bühne des Star Theatre in Rochester sah, war er begeistert von ihm… .

Grimaldi – die offizielle Einleitung

»Das Leben ist ein Spiel, dem einen recht, dem andern schlecht.

Dem Klugen ist’s Genuss, dem Toren Überdruss.

Dem einen bringt’s Verlust, dem anderen Gewinn,

So liegt’s nun mal im Spiele drin.«

aus: Dickens, Charles, »Grimaldi«, Bremen, 2011, S. 236.

Dieser Spruch ziert noch heute den Grabstein des großen Joseph Grimaldi (18.12.1778–31.5.1837), eines begnadeten Clowns und englischen Publikumslieblings – er hat ihn höchstselbst kreiert. Mit seiner Biographie hat sich »Old Joe« offenbar nicht so leicht getan wie mit seinem Spiel auf der Bühne und seinem Grabspruch. Er verfasste seine Memoiren noch zu Lebzeiten, genau gesagt: ein Jahr vor seinem Tod. Anschließend bat er den Dramatiker Thomas Egerton Wilks, das Ganze zu überarbeiten.

Wilks war im September 1837 damit fertig und verkaufte Grimaldis Lebenserinnerungen an den Verleger Richard Bentley. Dem gefiel das Gemeinschaftswerk in dieser Fassung noch nicht, vermutlich fürchtete er um seine Verkaufszahlen. Bentley beauftragte den damals 25-Jährigen Charles Dickens, das Werk nochmals zu redigieren. Dickens, der – wie eingangs erwähnt – ein großer Fan war, machte sich gleich an die Arbeit. 1838 war es dann soweit: Dickens brachte unter seinem Pseudonym »Boz« Grimaldis Biographie in zwei Bänden heraus. [3]

Was soll ich sagen, seit ich »Grimaldi« gelesen habe, hat sich meine Clown-Angst gelegt!

Grimaldi – die Buchbiographie

»So, nun sind wir da!«, mit diesem Ausruf betrat Grimaldi gern und oft die Bühnen des Drury Lane und des Sadler’s Wells (und später auch die des Covent Garden) in London sowie die zahlreichen Provinzbühnen und das Publikum applaudierte ihm prompt begeistert. Niemand war in jenen Jahren, besonders zwischen 1810 und 1820, beliebter als »Old Joe«. Er durfte in keiner Pantomime – damals die bildhafte Darstellung einer Geschichte mittels Ballet, Gesang, Artistik, umrahmt von pompösen Bühnenbildern [4] – fehlen, denn wer konnte schon so singen, wer konnte solche Grimassen ziehen wie Joseph Grimaldi? Er hatte dem Clown

»…einen neuen, ruhigen Charakter geliehen und sich eigentlich nie auf Gliederverrenkungen gestützt, sondern seine Erfolge nur durch das Mienenspiel erreicht: Er brachte sein Publikum zum Lachen dadurch, dass er mit dem Kopf wohl agierte, aber nicht auf dem Kopf stand.«

aus: Dickens, Charles, »Grimaldi«, Bremen, 2011, S. 208.

Man darf, und Charles Dickens tat es, Grimaldi als den »Schöpfer eines neuen Clown-Genres« bezeichnen: des Genres des Slapsticks [5], des Sight-Gags, das seitdem nicht mehr aus der Mode gekommen ist und das Größen wie Charles Chaplin, die Marx Brothers, Jacques Tati oder Rowan Atkinson (um nur einige wenige der Künstler zu nennen) in den zwei Jahrhunderten danach weiter perfektionierten und perfektionieren.

Zurück zu unserem Clown des Regency: seine Auftritte zogen alle ins Theater – die braven Bürger ebenso wie die prominenten und schillernden Vertreter der Epoche, darunter die Mitglieder des englischen Königshauses, des Hochadels, Dichter wie Lord Byron, Schriftsteller und Politiker wie Richard Brinsley Sheridan …

Der Schauspieler Joseph Grimaldi 1820 als Clown in der Pantomime »Harlequin and Friar Bacon«, die im Theatre Royal, Covent Garden, London, aufgeführt wurde.

Bild rechts: Ausschnitt aus einer handkolorierten Radierung von George Cruikshank (1792-1878), erstmals veröffentlicht im 19. Jahrhundert. Wikimedia, gemeinfrei.

Grimaldi – Charles Dickens

Grimaldis Ruhm gründete auf Talent, auf unmenschlich harter Arbeit, eiserner Disziplin und auf seiner Zuverlässigkeit und Fairness. Schon im Alter von einem Jahr und elf Monaten trat er mit seinem exzentrischen, über siebzigjährigen Vater Guiseppe – ehemals Zahnarzt von Queen Charlotte, danach auf eigenen Wunsch Tanz- und Fechtmeister und Clown – auf. Der Vater war kein schlechter Mensch, aber seinen Sohn und dessen jüngeren Bruder hat er gern und oft und schmerzhaft verprügelt und auf mancherlei andere Weise hart bestraft.

Eine harte Schule, durch die Joseph gehen musste, sie hat ihn auf ein ebenso hartes Lebens bestens vorbereitet. Fast jeden Abend rannte Joseph Grimaldi von einer Aufführung im Drury Lane zur anschließenden im Sadler’s Wells (oder umgekehrt), weil er auf beiden Bühnen Auftritte hatte und seine Zuschauer nicht enttäuschen wollte. In den Theaterferien schonte er sich nicht, er tourte in diesen Wochen durch die Provinzen, denn auch eine Berühmtheit war darauf angewiesen, Geld zu verdienen.

Zu der hohen körperlichen Belastung und zahlreichen Verletzungen kamen menschliche Verluste, immer wieder finanzielle Einbußen, Intrigen im Theater – man kann mit Fug und Recht sagen, dass »Old Joe« nichts erspart blieb:

»Glück und Unglück waren in Grimaldis ganzem, an Wechselfällen überreichem Leben immer eigentümlich verknüpft, so dass er wohl nie eine wirklich große Freude hatte, ohne dass sich gleich darauf etwas ereignete, was sie ihm versalzte.«

aus: Dickens, Charles, »Grimaldi«, Bremen, 2011, S. 32.

So wundert es denn nicht, dass Grimaldi früh verbraucht und erschöpft war. Nach 1823 konnte er, in Folge einer Nervenkrankheit verkrüppelt, nicht mehr auftreten und war ab da auf finanzielle Unterstützung angewesen, die ihm jedoch zuteil wurde. Er musste noch den moralischen und gesundheitlichen Niedergang und das schreckliche Ende seines Sohnes (in den Memoiren nicht näher erläutert) und den Tod seiner zweiten Frau ertragen, bis er am 31. Mai 1837 von seinen Schmerzen, Sorgen und seinem Kummer erlöst wurde.

Seine große Zeit hatte Grimaldi zwar Anfang des 19. Jahrhunderts, doch bis heute ist er unvergessen und wird von den Kollegen seiner Zunft alljährlich gefeiert: Am ersten Sonntag im Februar kommen jedes Jahr die Clowns des United Kingdom im Londoner Stadtteil Haggerston zu einem Gedenkgottesdienst zusammen, um in voller Kostümierung ihres großen Vorgängers zu gedenken [6].

Grimaldi – mein recht gemischtes Fazit

Das Leben des einzigarteigen Clowns, die Einblicke in die Theaterszene Londons und des Vereinigten Königreichs zu Beginn des 19. Jahrhunderts haben mich in ihren Bann geschlagen. Was mich wieder einmal frustriert hat, ist die Übersetzung, die der Europäische Literaturverlag Charles Dickens und Joseph Grimaldi hat angedeihen lassen.

Es wird zwar angemerkt, dass der Text der Übersetzung Paul Heichens folge, er »der besseren Lesbarkeit halber stellenweise überarbeitet und der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst« worden sei. Tja, das hat offensichtlich – wie leider immer häufiger – ein Computerprogramm übernommen und damit viel kaputt gemacht. Nicht nur vom Stil des Charles Dickens, nein, auch von der »neuen deutschen Rechtschreibung«. Ich gebe natürlich mein Leseexemplar an, weil ich daraus ja zitiere, empfehle im Anschluss aber ein ganz anderes.

Grimaldi – Quellen und Weblinks

[1] Pennywise ist der fürchterliche Kindermörder aus Stephen Kings »ES«, vgl. KingWiki, Pennywise, 19. September 2017, online: https://www.kingwiki.de/index.php/Pennywise [7. September2023]

[2] Charles Dickens schrieb über seine Masken-Angst 1850 in seiner Weihnachtserzählung »Ein Christbaum« -> https://www.meineleselampe.de/ein-christbaum/

[3] Vgl. Wikipedia, Joseph Grimaldi, 21. Oktober 20202, online: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Joseph_Grimaldi&oldid=204738859 [7. September 2023]

[4] Vgl. Wikipedia, Pantomime, 19. Juli 2023, online: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Pantomime&oldid=235605226 [8. September 2023] Auch heute werden im Vereinigten Königreich gerade zu Weihnachten »Pantos« sehr geschätzt und oftmals im Familienkreis selbst einstudiert und aufgeführt.

[5] Vgl. Wikipedia, Slapstick, 19. Juni 2021, online: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Slapstick&oldid=213113608 [7. September 2023]

[6] Vgl. Wikipedia, Joseph Grimaldi, 21. Oktober 20202, online: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Joseph_Grimaldi&oldid=204738859 [7. September 2023]

Grimaldi – mein Leseexemplar und Werbung

Charles Dickens, »Grimaldi«, 236 Seiten, Europäischer Literaturverlag, Bremen, 2011. Wie gesagt, ich empfehle es nicht, aber zum Besiegen einer eventuell vorhandenen Clown-Phobie reicht es durchaus.

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Vielleicht hätte ich mir besser dieses Buch gekauft:

Charles Dickens, »Ich – der Komödiant» (gebraucht), übersetzt von Annemarie und Heinrich Böll, mit einer Einleitung von Hilde Spiel und Illustrationen von George Cruikshank, erschienen 1983 im Siedler Verlag, damals Berlin, heute München. Und vorher noch dieser Hinweis:

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Grimaldi – Charles Dickens