Charlotte Brontë: “Jane Eyre”

von | 04.02.2020 | Buchvorstellung

Charlotte Brontë, geboren 1816 in Thornton, Yorkshire und gestorben 1855 in Haworth, durfte – anders als ihre Schwestern – schon zu Lebzeiten ein paar Früchte ihres Ruhms ernten. 1847 erschien ihr Roman “Jane Eyre – Die Waise von Lowood” unter ihrem Pseudonym Currer Bell und wurde mit Begeisterung von den viktorianischen LeserInnen aufgenommen.

Ihr Verlag feierte sie und führte sie in die Londoner Literaturszene ein, dort lernte Charlotte andere Schriftsteller-Größen der viktorianischen Ära kennen, unter anderem William Makepeace Thackeray und Elizabeth Gaskell.

Charlotte ist die einzige der Brontë-Schwestern, die geheiratet hat. Zwei Jahre vor ihrem Tod gab sie dem jahrelangen Werben des Hilfsgeistlichen Arthur Bell Nicholls nach – wohl weniger aus Liebe als aus Einsamkeit, denn außer ihr und ihrem Vater lebte von der Familie keiner mehr.

Charlotte starb vermutlich an anhaltendem, heftigen Schwangerschaftserbrechen und Tuberkulose.

In “Jane Eyre” hat Charlotte Brontë viel Erlebtes mit eingearbeitet. So besuchte sie als Kind mit Emily und den beiden älteren Schwestern Maria und Elizabeth ein Internat für Pfarrerstöchter. Dort ging es dermaßen unmenschlich zu, dass Maria und Elizabeth die Härten nicht überlebten. Diese Verhältnisse beschreibt Charlotte in Mr. Brocklehursts Internat Lowood, in das ihre Heldin Jane Eyre von lieblosen Verwandten abgeschoben wird.

Zudem bringt sie ihre Erfahrungen als Gouvernante mit ein (wie Anne Brontë in ihrem Roman “Agnes Grey”). Obwohl Jane in puncto ‘Launen der Herrschaft’ mehr Glück hat als Agnes.

In “Jane Eyre” geht es um Moral und Standhaftigkeit, um Selbstlosigkeit und Aufopferung. Es geht um eine junge Frau, die ein selbstbestimmtes Leben führen möchte und um die große Liebe und deren Erfüllung.

Letzteres war Charlotte nicht vergönnt. Sie hatte sich in den Mann einer anderen Frau verliebt, in einen Professor des Brüsseler Pensionats, das sie 1842 mit Emily zwecks Vervollkommnung ihrer Französisch-Kenntnisse besucht hatte. Daraus entwickelte sich natürlich nichts…….außer dem Roman: “Der Professor”, der zu ihren Lebzeiten unbeachtet blieb.

So, genug Biographisches, jetzt Vorhang auf für Charlotte Brontë und ihre “Jane Eyre”:

Wir lernen Jane als zehnjährige Waise kennen. Ihr Vater, ein Pfarrer, und ihre Mutter starben früh und Mr. Reed, ein Bruder von Janes Mutter, nahm die mittellose Kleine zu sich nach Gateshead Hall. Bald darauf starb aber auch er.

Seit dem Tage ist Jane ihrer hartherzigen Tante und deren drei verzogenen Kindern ausgeliefert. Ihr vier Jahre älterer Cousin John schlägt und piesackt sie, ihre Cousinen Eliza und Georgiana sind hochnäsig, selbstsüchtig (Eliza) oder hinterhältig und streitlustig (Georgiana). In Hause Reed  gilt Jane als ungezogenes und verlogenes Geschöpf, da sie unbequeme Wahrheiten ausspricht und sich durchaus zur Wehr setzt.

Das Leben auf Gateshead Hall ist die Hölle für das kleine, schmächtige Mädchen, einzig das Kindermädchen Bessie traut sich – dann und wann – nett zu ihr zu sein.

Irgendwann hat die Tante genug von Jane – sie schickt sie nach Lowood, das Internat des Geistlichen Mr. Brocklehurst. Dort soll Jane in strenge Zucht genommen und auf ein entbehrungsreiches Leben als Gouvernante vorbereitet werden.

Kurz etwas zu diesem Mr. Brocklehurst: er mimt in der Öffentlichkeit den Wohltäter. Doch während in seiner Anstalt die Mädchen hungern und frieren müssen, verunreinigtes Wasser zu trinken bekommen und armselig eingekleidet werden, führt er mit seiner Frau und seinen Töchtern ein prächtiges und eitles Leben.

Davon ahnt Jane noch nichts. Sie möchte schon gern von Gateshead Hall fort und zur Schule gehen, fürchtet aber, von den Lehrerinnen und künftigen Kameradinnen in Lowood verachtet und abgelehnt zu werden. Denn ihre Tante hat Mr. Brocklehurst ein wahrlich abstoßendes Bild von Janes Charakter gezeichnet und er hatte erklärt, das allen Lehrerinnen und Mitschülerinnen mitzuteilen.

Die Angst ist unbegründet, dank der Leiterin der Anstalt, Miss Temple. Sie ist eine geistig und moralisch hoch stehende Frau und hört nicht auf die Aussagen ihres unmenschlichen Vorgesetzten Mr. Brocklehurst. Miss Temple versucht auch, das sadistische Reglement dieses Pharisäers zu mildern und ihren Zöglingen das harte Leben erträglicher zu machen. Eine Freundin gewinnt Jane in Helen Burns. Sie ist ein zutiefst religiöses Mädchen mit unbegrenzter Leidensfähigkeit.

Nach einer Typhus-Epidemie, bei der viele Mädchen sterben, werden die skandalösen Verhältnisse in Lowood der Öffentlichkeit bekannt. Es kommen genug Spenden zusammen, um ein Gebäude in gesünderer Umgebung zu bauen und Hygiene und Ernährung zu verbessern. Helen ist während der Epidemie an Schwindsucht gestorben – in den Armen Janes.

Jane Eyre erfährt in Lowood dank Miss Temple mehr Menschlichkeit und Güte als bei der Verwandschaft in Gateshead Hall. Sie bleibt sechs Jahre in Lowood als Schülerin und zwei als Lehrerin. Als Miss Temple heiratet und fortgeht, hält auch Jane nichts mehr in Lowood. Per Annonce sucht sie eine Anstellung als Lehrerin in einem Privathaushalt.

Eine Mrs. Fairfield aus Thornfield Hall meldet sich und engagiert Jane. Bevor unsere Heldin abreist, bekommt sie Besuch von dem früheren Kindermädchen der Reeds. Bessie ist mittlerweile verheiratet, lebt und arbeitet mit Mann und Kindern noch immer auf Gateshead Hall. Sie erzählt Jane von den Reeds und von einem Bruder ihres Vaters, der sich vor sieben Jahren bei Mrs. Reed nach ihr erkundigt habe. Um seine Nichte in Lowood zu besuchen, habe der Onkel damals keine Zeit gehabt, weil sein Schiff gen Madeira in Kürze in See stechen sollte, so Bessie.

Am nächsten Tag reist Jane nach Thornfield Hall, ihr ist recht bang zumute, weiß sie doch nicht, was auf sie zukommen wird. Sie hat es gut getroffen, der Empfang auf Thornfield fällt freundlich aus.

Mrs. Fairfax entpuppt sich als ältere, liebenswürdige Dame, die um Janes Wohl besorgt ist. Sie ist mit dem Gutsbesitzer, Mr. Rochester, entfernt verwandt und amtiert auf Thornfield als Haushälterin, ist also wie Jane eine Angestellte. Janes Schülerin, die kleine Adele aus Frankreich, ist noch keine 10 Jahre alt und ein Mündel Rochesters. Das Mädchen ist lebhaft und fröhlich, Jane kommt gut mit ihr zurecht.

Bei einer Hausbesichtigung mit Mrs. Fairfax erschreckt Jane im dritten Stock ein unheimliches, fast unmenschliches Lachen hinter einer verschlossenen Tür. Mrs. Fairfax beruhigt sie, dass sei nur Grace Poole, eine Näherin, etwas merkwürdig, aber harmlos und fleissig.

So führen die Frauen ein ruhiges und harmonisches Leben auf Thornfield Hall. Bis eines Tages Mr. Rochester kommt und Janes Gefühle in Aufruhr versetzt…..

Was für ein Mann ist Edward Rochester?

Ich denke mal, genau der Typ, bei dem heute jeder emanzipierten Frau die Haare zu Berge stehen würden. Und vermutlich das geheime Idol der viktorianischen Frauen. Er ist natürlich wesentlich älter und erfahrener als Jane und dementsprechend herablassend. Er ist nicht schön, aber männlich, und von sich überzeugt. Er ist klug und zynisch und – geheimnisumwittert, melancholisch, düster.

Ein knisterndes Verwirrspiel entwickelt sich zwischen dem Macho Rochester und Jane Eyre: Wortgefechte, verhaltene Andeutungen, abrupte Verhaltensänderungen bei ihm, die Zweifel in ihr wecken. In ihrer unverblümten Wortgewandheit liegt Jane mit Edward Rochester gleichauf. Sie ist jedoch bescheiden und zu realistisch, was ihren Stand betrifft, um sich Hoffnungen zu machen

(Ich vermute, dass Schriftstellerinnen wie Barbara Cartland und Victoria Holt in Liebesgeschichten wie dieser viiieeel Inspiration gefunden haben).

Eines Abends klärt Mr. Rochester Jane über Adeles Herkunft auf. Sie ist die Tochter einer französischen Tänzerin und ehemaligen Geliebten. Doch die Dame war ihm nicht treu, Rochester macht daraufhin Schluss mit ihr (und duellierte sich mit dem Nebenbuhler, das Höchstmaß an Romantik!!!!). Als die Tänzerin später mit einem Sänger nach Italien ging, ließ sie ihre Tochter im Stich und Rochester nahm sich des Kindes an.

In der Nacht nach dem Gespräch wird Jane durch ein seltsames Geräusch vor ihrer Tür geweckt, kurz darauf hört sie wieder dieses grausige Lachen. Grace Poole? Sie steht auf, um Mrs. Fairfax zu suchen und findet eine brennende Kerze vor ihrer Zimmertür. Die Luft im Gang ist von Rauch erfüllt, dichte Schwaden dringen aus Mr. Rochesters Zimmer……

Wenn es spannend wird, soll man aufhören. Es wird sogar noch spannender – Fortsetzung folgt am Donnerstag (6. Februar).

Draußen wird es dämmerig und es schneit  – allen, die unterwegs nach Hause sind, eine gute Fahrt!!! Ich mache mir jetzt mal einen Kaffee….., bis übermorgen. Ach ja, noch das Buch, das ich gelesen habe:

Mein Lese-Exemplar:

Charlotte Brontë, “Jane Eyre”, Untertitel: Die Waise von Lowood, Roman, 270 Seiten, übersetzt von Hertha Lorenz, erschienen im Eduard Kaiser Verlag, Klagenfurt, keine Jahresangabe im Buch ………

…….es ist aber bestimmt ähnlich alt wie ich, denn es stand immer schon bei meiner Oma im Regal, in der Pubertät habe ich “Jane Eyre” verschlungen!!!!……….. habe es gerade mal gegoogelt, demnach ist es von 1961 und damit exakt mein Jahrgang. Wusst’ ich’s doch!

Habt Ihr eigentlich auch Bücher, die so alt sind wie ihr und die Euch ein ganzes Leben lang begleitet haben, die Ihr mehr als nur einmal gelesen habt?