“Middlemarch. Eine Studie über das Leben in der Provinz” (OT: “Middlemarch. A Studie of Provincial Life”), George Eliots (1819-1880) wichtigstes Werk, erschien zunächst von 1871 bis 1872 in acht Bänden, 1874 dann als Gesamtausgabe bei Blackwood in London.

Mit “Middlemarch” hat George Eliot meiner Meinung nach ihren ebenfalls hervorragenden Roman “Die Mühle am Floss” -> https://www.meineleselampe.de/die-muehle-am-floss/ noch getoppt, es scheint, sie habe in ihre Studie über das Leben in der Provinz all ihre Lebenserfahrungen einfließen lassen – entscheidet selbst.

Apropos Lebenserfahrungen – die überarbeitete Biographie von George Eliot gibt es nächste Woche auf Meine Leselampe.

“Middlemarch” – eine Einführung

Wie soll man den Inhalt des über 1100 Seiten starken Romans zusammenfassen? In “Middlemarch” verquickt George Eliot viele Charaktere und deren Schicksale mit ihren idealistischen Hauptakteuren Dorothea Brook und Dr. Lydgate. Und es geht um so viel mehr: um das Wesen der menschlichen Natur – in vielen Betrachtungen George Eliots finden wir uns auch heute noch wieder! – eingebettet in das politische und soziale Klima in der englischen Provinz um 1830.

Es geht um das Scheitern und manchmal auch das Gelingen von Lebensentwürfen. Es geht um die Angst vor der Industrialisierung und die damit verbundene Entfremdung: die Eisenbahn, die den Bauern das Land “wegfrisst”, die dampfbetriebenen Webstühle, die Arbeiter um Lohn und Brot bringen.

Es geht um heuchlerische Frömmigkeit und christliche Nächstenliebe, um Gutsherrenwillkür und das soziale Elend der Pächter, um die sich abzeichnende Parlamentsreform (1832, Änderung der Wahlkreiseinteilung).

Es geht um die viktorianische Doppelmoral, um Klatsch und Tratsch, um gesellschaftliche Ächtung und Anerkennung, um gegenseitige Anhängigkeiten im Gefüge einer Provinzstadt.

Und es geht in “Middlemarch” um Liebe, Mitgefühl, Berechnung, Korruption und fahrlässige Tötung.

Ich empfinde es immer als eine grobe Unterlassung, bei solch opulenten Werken vieles unter den Tisch fallen zu lassen… Aber ich möchte auf Meine Leselampe ja einen Überblick vermitteln, ein Hineinschnuppern ermöglichen – daher konzentriere ich mich auf das Wesentliche!!!

“Middlemarch” – der Inhalt

Dorothea Brooke lebt mit ihrer Schwester Celia seit dem Tod ihrer Eltern bei ihrem Onkel Arthur Brooke auf dessen Gut Tipton Grange.

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Dorothea, durchdrungen von religiösem Idealismus und bildungshungrig, möchte die Welt verbessern und ihr Leben einem höheren Sinn weihen, es nicht im Müßiggang der Wohlhabenden vergeuden.

(Bild links: DarkmoonArt/Pixabay)

Kurzum: Dorothea fühlt sich – im Gegensatz zu ihrer Schwester – in der viktorianischen Frauenrolle nicht wohl. Daher kommt auch ein Bewerber wie Sir James Chettam vom Nachbargut Freshitt als Ehemann nicht in Frage. Dorothea erwählt den ältlichen Gelehrten und Geistlichen Reverend Edward Casaubon, der seit Jahren an einem “Schlüssel aller Mythologien” arbeitet.

Sie glaubt, er werde sie unterrichten und sie könne ihn als gebildete Partnerin bei seiner Arbeit unterstützen, seiner Gelehrsamkeit und seinen Studien dienen.

“In unserem Leben gäbe es nichts Triviales. … Ich würde die Wahrheit in dem Lichte sehen lernen, in dem sie großen Männern erschienen ist.”

Seite 49 aus “Middlemarch”, George Eliot, Roman, 1109 Seiten, 3. Auflage 2020, dtv (s.u. Mein Lese-Exemplar)

Casaubon – erschöpft von seinen jahrzehntelangen Studien und mit der leisen Ahnung, sich in einer Sackgasse zu befinden – sucht hingegen eine hingebungsvolle Zuhörerin, eine zu ihm aufblickende Bewunderin und weiblichen Trost für seine alten Tage.

“Daher beschloss er, sich an den Strom der Gefühle zu verlieren, und er sah vielleicht mit Überraschung, was für ein überaus seichtes Rinnsal das war.”

Seite 94 aus “Middlemarch”, George Eliot, Roman, 1109 Seiten, 3. Auflage 2020, dtv (s.u. Mein Lese-Exemplar)

(Bild rechts: OpenClipart-Verctors/Pixabay)

Die Ernüchterung beschleicht Edward Casaubon schon vor der Hochzeit, vollends aus seinem Traum von der willfährigen Gattin erwacht er, als Dorothea eines Tages offen ihre Zweifel am Fortkommen und einer baldigen Veröffentlichung seines epochalen Werkes ausspricht.

Dorothea merkt während ihrer Flitterwochen in Rom, dass ihr Ehemann unbeirrt seinen Studien nachgeht und sie nicht daran teilhaben lässt. Sie spürt, dass sie Edward sogar eine Last ist. Das ändert sich auch nicht nach der Rückkehr des Paares nach Lowick, dem Herrenhaus und der Pfarrei Casaubons. Der ältere Mann und die junge Frau können füreinander nicht das sein, was sie sich erhofft hatten. Dorothea ist zu offen und gerade heraus, Casaubon zu pedantisch und innerlich isoliert.

Trost findet Dorothea in der Freundschaft zu Will Ladislaw. Der junge, eigenwillige Künstler ist ein Verwandter Casaubons und wird von diesem finanziell unterstützt. Trotzdem hält Will nichts von dem Gelehrten und seinen Studien. Wie er Dorothea erklärt, ist dessen Werk längst überholt.

Der an sich zweifelnde und misstrauische Casaubon sieht es nicht gern, dass Ladislaw und Dorothea sich so gut verstehen. Als er einen schweren Herzanfall erleidet, verbietet er seiner Frau, Will zu empfangen. Heimlich ändert er sein Testament: sollte er sterben und Dorothea Ladislaw heiraten, wird sie sein Vermögen nicht erben.

Vor seinem Tod will Casaubon Dorothea ein Versprechen abringen, ohne ihr vorher zu verraten, worum es geht. Sie mutmaßt, dass Causabon eine bindende Verpflichtung verlangen wird, die ihr ganzes Leben beeinträchtigen könnte und erbittet eine Nacht Bedenkzeit. Als sie ihren Mann am nächsten Morgen aufsucht, ist er tot….

In Middlemarch ist ein junger Arzt zugezogen, Dr. Tertius Lydgate. Wie Dorothea will auch er Großes bewirken und glaubt, dies am besten in der Provinz bewirken zu können. Die Menschen heilen möchte er und ihnen nicht – wie es bei Ärzten damals gang und gäbe war – lediglich Arzneien verkaufen.

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Tertius Lydgate hat in London, Paris und Edinburgh studiert, er kommt aus guter Familie und gilt in Middlemarch als etwas Besonderes. Das ruft in der Bevölkerung und bei den ortsansässigen Kollegen zugleich eine gewisse Skepsis hervor.

(Bild links: DarkmoonArt/Pixabay)

Dr. Lydgate hat eine Praxis übernommen und wird zudem unentgeltlich das neue Fieber-Krankenhaus des Bankiers und Wohltäters Bulstrode leiten. Er hofft, seine Forschungen und die Suche nach dem Urstoff des Körpergewebes vorantreiben zu können.

Obwohl Lydgate in den kommenden Jahren gewiss nicht heiraten will, verliebt er sich in Rosamond Vincy, die Tochter eines Bänderfabrikanten. Die junge Dame ist das genaue Gegenteil von Dorothea. Eitel, kokett, erzogen zur viktorianischen Dame, möchte sie einen Mann heiraten, der entweder reich oder zumindest aus guter Familie ist.

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Die jungen Männer aus der Provinz langweilen sie, der gewandte und von sich überzeugte Lydgate erscheint ihr als der perfekte Ehemann. Gut, reich ist er nicht, aber immerhin ist sein Onkel von Adel und vermögend. Und als Arzt wird Lydgate sicher genug verdienen.

(Bild rechts: DarkmoonArt/Pixabay)

Lydgate ist fasziniert von Rosamonds feinsinniger Konversation, ihren vollendeten Manieren, ihrem Gesang und Klavierspiel, ihrem hübschen Gesicht, ihren blonden Locken. Ähnlich wie Casaubon sieht er in einer Ehefrau ein Geschöpf…

“… dass seine erhabenen Gedanken und seine bedeutenden Arbeiten verehrte und nie behindern würde, das mit stillem Zauber Ordnung im Hause und in der Haushaltrechnung schaffen würde und dabei doch die Finger bereithielte, um die Laute zu schlagen und das Leben in jedem Augenblick zur Romanze werden zu lassen….”

Seite 472 aus “Middlemarch”, George Eliot, Roman, 1109 Seiten, 3. Auflage 2020, dtv (s.u. Mein Lese-Exemplar)

Rosamonds Vater, Mr. Vincy, ist nicht begeistert von der geplanten Heirat mit einem mittellosen Arzt. Ist doch gerade seinem Sohn Fred die lang erhoffte Erbschaft des Onkel Featherstone durch die Lappen gegangen und er selbst steht bei seinem Schwager Nicholas Bulstrode tief in der Kreide. Doch gegen die Beredsamkeit von Frau und Tochter ist er nicht gefeit und so treten Rosamond und Dr. Tertius Lydgate in den Stand der Ehe.

So wie Dorothea und Casaubon sich gegenseitig enttäuschen, tun es auch Tertius und Rosamond. Tertius muss sich immer mehr verschulden, um Rosamond den gewünschten Lebensstandard zu bieten. Seine modernen Behandlungsmethoden setzen sich in Middlemarch nicht recht durch, die alteingesessenen Middlemarcher Kollegen kritisieren ihn, seine Abhängigkeit vom Bankier Bulstrode stößt auf Kritik.

Und seine Rosamond “schlägt die Laute” nur, wenn es ihr gefällt und mit “ordentlicher Haushaltsrechnung” hat sie nichts im Sinn. Sie setzt mit charmanter Starrsinnigkeit ihren Willen durch – mit verhängnisvollen Folgen. Obwohl Tertius es ihr verboten hatte, weil sie schwanger ist, reitet sie mit einem Cousin ihres Mannes aus und verliert bei einem Unfall ihr Kind. Ein schwerer Schlag für das junge Paar zusätzlich zu den Geldsorgen.

Um der Pfändung zu entgehen, bittet Lydgate den Bankier und Onkel seiner Ehefrau, Nicholas Bulstrode, um einen Kredit. Doch Bulstrode befindet sich selbst in Schwierigkeiten. Er, das selbsternannte Werkzeug Gottes, der den Middlemarcher Bürgern mit seiner übertriebenen Frömmigkeit allerdings auf die Nerven geht, wird von seiner wenig christlichen Vergangenheit (die auch mit Will Ladislaws Familie zu tun hat) eingeholt. Ein ehemaliger Mitwisser taucht in dem Provinzstädtchen auf und erpresst Bulstrode. Und das wird auch für andere Folgen haben…

Ach ja, und dann gibt es da noch all die wunderbaren Menschen, die das Leben in der Provinz mit ihrem Klatsch und Tratsch würzen, Existenzen vernichten oder erheben.

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Die nie vergessen, vor den Türen anderer gründlich zu kehren und dabei ihre eigene Rechtschaffenheit laut zu preisen. Oder die wirklich gütig und selbstlos handeln, die gibt es auch.

(Bild links: Prettysleepy/Pixabay)

Danke, George Eliot, für den wirrköpfigen und mental flatterhaften Arthur Brooke, die bestens informierte und sich stets einmischende Pfarrersgattin Mrs. Cadwallader, für den bösartigen Peter Featherstone und seine gierige Mischpoke, für den aufrechten Verwalter Caleb Garth und dessen noch aufrechtere Tochter Mary,für den leichtfertigen Fred Vincy, den verschlagenen und versoffenen John Raffles, die gekränkten Ärzte Wrench, Minchin und Sprague, für den schlitzohrigen Pferdehändler Bambridge, für den Notar Trumbull, den Brauereibesitzer Toller, den Krämer Mr. Mawmsey, Mrs. Plymdale, Mrs. Hackbutt und all die anderen ehrenwerten Middlemarcher…

“Middlemarch” – mein Fazit

“Middlemarch” wird heute als der bemerkenswerteste Roman von George Eliot bezeichnet. Doch sie selbst bekam auch viel Kritik zu hören: zu intellektuell, zu langatmig, zu starr. Zugegeben, ich musste mich einlesen, mich auf Eliots Satzkonstruktionen und ihre manchmal witzigen, manchmal weisen, aber immer weiten Ausholungen einlassen. Dafür wurde ich dann auch reich beschenkt.

“Der Charakter eines Menschen ist ein Prozess und eine Entwicklung…”

Seite 207 aus “Middlemarch”, George Eliot, Roman, 1109 Seiten, 3. Auflage 2020, dtv (s.u. Mein Lese-Exemplar)

Prozess und Entwicklung laufen nicht immer in die Richtung, die George Eliots ProtagonistInnen anvisiert hatten. Ihre ursprünglichen Lebenspläne scheitern, sie arrangieren sich oder fügen sich in ihr Schicksal. Wir Leser begleiten sie durch das gefühlsmäßige Wirrwarr, spüren den gesellschaftlichen Druck und entdecken durchaus einige Parallelen zu heute. Denn das grundlegend Menschliche ändert sich nie.

Ein wunderbares Werk, in dem ich viel über das Leben selbst, die Befindlichkeiten und die Themen der Zeit um 1830, über Geschichte, Literatur, Theologie und Philosophie erfahren habe (die Anmerkungen lohnen sich, sofern man zusätzlich ein Lexikon und Google nutzt).

“Middlemarch” ist eine Lektüre, die das eigene Wissen und die eigenen Empfindungen außerordentlich bereichert.

Umrahmt wird der Roman von einem hervorragenden Vorwort von Elisabeth Bronfen über die Frauengestalten in “Middlemarch” und einem ebenso hervorragenden Nachwort des Übersetzers Rainer Zerbst über den Roman selbst, seine Struktur und Eliots Intentionen.

Mich hat der Roman glücklich und auch ein bisschen wehmütig gemacht….

Die DVD mit der 1994 erschienenen BBC-Miniserie habe ich mir auch angesehen. Es ist halt die reine Handlungsessenz des Romans, ohne den philosophischen Unterbau der Autorin.

Aber es sind sehr gut gemachte sieben Episoden (jeweils ca. 60 Minuten) mit überzeugenden DarstellerInnen: Juliet Aubrey ist Dorothea, Patrick Malahide gefällt mir sehr als Casaubon, ebenso Rufus Sewell als Will Ladislaw, Douglas Hodge als Tertius Lydgate und Robert Hardy als Mr. Brooke… eigentlich sind alle klasse. Nur Bulstrode hatte ich mir ganz anders vorgestellt. Regie führte Anthony Page. Ideal für alle, denen die Geduld für lange Romane mit Tiefgang fehlt.

Das Bonus-Material zeigt eine interessante Reportage, wie das Städtchen Stamford für die Dreharbeiten umgebaut und zu Middlemarch wurde – man glaubt nicht, wie gigantisch der Aufwand für eine stimmige Kulisse ist!!!

“Middlemarch” – mein Lese-Exemplar

“Middlemarch. Eine Studie über das Leben in der Provinz”, George Eliot, 1109 Seiten, übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Rainer Zerbst, Vorwort von Elisabeth Bronfen, 3. Auflage 2020, dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co.KG, München.

“Middlemarch” – Quellen und Weblinks

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