George Eliot: “Die Mühle am Floss”

von | 26.06.2020 | Buchvorstellung

Autor(en): Eliot, George

Der Bildungsroman “The Mill on the Floss” (OT) der viktorianischen Schriftstellerin, Journalistin und Übersetzerin George Eliot stammt aus dem Jahr 1860. Über ihr Leben und ihr Werk könnt Ihr hier nochmal nachlesen, wenn Ihr den Artikel am Dienstag verpasst habt: George Eliot: Kurze Biographie

In “Die Mühle am Floss” wird das Schicksal der Familie Tulliver von der Dorlcoter Mühle geschildert. Ihr Anwesen liegt am fiktiven Fluss Floss in der Nähe der Stadt St.Ogg’s – in einer Provinz in Mittelengland. Im Mittelpunkt stehen die Geschwister Maggie und Tom.

Mr. Tulliver, Müller und Mälzer, hat sich nicht an die Neuerungen der Industrialisierung angepasst, er ist in alten Traditionen und Lebensgewohnheiten verhaftet. Er prozessiert gern und viel mit Nachbarn um Wasserrechte jedweder Art. Leider verliert er stets vor Gericht und häuft immer mehr Schulden an – die Schuld daran trägt in seinen Augen der Anwalt Wakem, der immer die erfolgreichere Gegenseite vertritt. Ein Teufel, dieser Wakem…..!!

Die Mühle am Floss, so könnte sie ausgesehen haben…..

Tullivers Frau Bessie ist eine geborene Dodson und stolz darauf. Sie nicht besonders klug, aber gut aussehend, gehorsam und eine umsichtige Hausfrau. Sie und ihre drei Schwestern bilden sich viel auf ihre Herkunft ein und bewerten die Gesellschaft und das Handeln ihrer Mitmenschen nach Dodson-Maßstäben. Das führt ständig zu Kritik an den Kindern der Tullivers, besonders an der wilden Maggie. Sie ist wie ihr Vater dunkelhaarig (keine blonden Dodson-Locken!), temperamentvoll, handelt impulsiv und unbedacht. Hinterher plagen sie das schlechte Gewissen und die Angst, nicht mehr geliebt oder bewundert zu werden.

Das möchte Maggie nämlich: angesehen und zärtlich geliebt zu sein für ihre Klugheit und Belesenheit. Ihr älterer Bruder Tom ist ihr Idol, an ihm hängt sie, sie verehrt ihn förmlich, von seiner Zuneigung macht sie ihr Seelenheil abhängig.

Tom ist das genaue Gegenteil seiner Schwester, ein Dodson-Typ: blond, blauäugig, eher praktisch denn intellektuell veranlagt. Ein richtiger Junge vom Land, der gern angelt, mit Hunden Ratten jagt und später wie der Vater stolz über den Grund der Dorlcoter Mühle reiten möchte. Er mag seine Schwester, liebt sie mit der Herablassung eines älteren Bruders. Für ihre spontanen Einfälle zeigt er kein Verständnis, ebenso wenig wie die Mutter. Sie liebt ihren Sohn, Mr. Tullivers Liebling ist Maggie. Dodson-Blut contra Tulliver-Blut.

Mr. Tulliver schickt Tom zur privaten Schulausbildung zu einem Geistlichen, Tom soll so etwas wie ein Ingenieur, Advokat oder Schätzer werden und seinen Vater bei seinen Prozessen unterstützen. Und ein anderer Beruf soll ihn davon abhalten, seinen Vater dereinst aus der Mühle zu verdrängen.

Tom behagt das nicht, er kann mit Latein oder Mathematik wenig anfangen und tut sich schwer. Und ausgerechnet Philip, der Sohn des verhassten Anwalts Wakem, ist sein einziger Schulkamerad.

Tom schwankt zwischen Abscheu und Bewunderung. Einerseits ist Philip seit einem Unfall verkrüppelt und zudem Sohn des “Erzfeindes”, andererseits hilft ihm der gebildete und intelligente Junge bei seinen Hausaufgaben. Als die kleine Maggie ihren Bruder im Hause des Geistlichen besucht, schließen sie und Philip Freundschaft.

Toms Ausbildung wird jäh abgebrochen, er muss nach Hause. Mr. Tulliver hat wieder einmal einen Prozess verloren und ist endgültig ruiniert. Zusammengebrochen , liegt er schwer krank darnieder. Auch Maggie, die mit ihrer Kusine Lucy ein Internat für junge Damen besucht, kehrt zur Dorlcoter Mühle zurück und pflegt ihren geliebten Vater hingebungsvoll.

Für die Tullivers brechen harte Zeiten an, der Gerichtsvollzieher kommt, alle Möbel und aller Hausrat werden versteigert. Mrs. Tullivers Schwestern und deren wohlhabende Ehemänner kaufen das Notwendigste auf, damit die Tullivers noch auf etwas sitzen und in etwas schlafen können. Mehr Wohlfahrt gibt der Standesdünkel nicht her und Strafe für Mr. Tullivers unbedachtes Verhalten muss sein. Einem Dodson wäre das nie passiert!!!!

In dieser schweren Zeit bittet Tom seinen Onkel Deane um einen Job in dessen Firma, er möchte arbeiten und die Schulden seines Vaters tilgen. Mrs. Tulliver leidet unter dem Verlust ihres Leinens (mit Monogramm, nun verstreut in alle Lande) und Geschirrs und ist handlungsunfähig. Maggie, der alles hoffnungslos erscheint, findet Trost in asketischen, religiösen Lebensweisheiten und strebt ein Leben der inneren Entsagung an, um darin ihr Glück zu finden.

Doch das Schlimmste kommt noch, zuletzt muss auch die Dorlcoter Mühle versteigert werden, Den Zuschlag erhält ausgerechnet der Anwalt Wakem. Als Mr. Tulliver genesen ist, hat er keine andere Wahl, als für seinen Erzfeind als Pächter zu arbeiten – sein Lebensmut zerbricht endgültig.

Während Tom in den nächsten Jahren schuftet, verlaufen Maggies Tage trostlos. Sie ringt innerlich um Demut und Verzicht – bis sie bei einem Spaziergang Philip Wakem begegnet. Die beiden mögen sich noch immer und treffen sich heimlich. Der sensible und künstlerisch begabte Philip verliebt sich in Maggie und gesteht ihr seine Gefühle. Maggie glaubt, ihn auch zu lieben. Da Philip durch seine Missbildung gesellschaftlich ausgegrenzt ist, fühlt sie sich berufen, sein Leben zu verschönern und ihrer Existenz Sinn zu verleihen.

Bruder Tom kommt hinter die gemeinsamen Spaziergänge. Wütend zwingt er Maggie und Philip, ihre Freundschaft aufzugeben und sich nie wieder zu sehen. Er, der so hart arbeitet, um den Ruf der Tullivers zu retten, hat kein Verständnis für seine Schwester und glaubt an eine ihrer impulsiven Launen.

Wenige Wochen später ist es soweit, Tom kann die Gläubiger seines Vaters auszahlen. Auf dem Rückweg von der offiziellen Bekanntgabe der Schuldentilgung gerät der alte Mr. Tulliver in Streit mit Wakem, den er zufällig trifft. Seine aufgestauten Hassgefühle brechen sich Bahn, er verprügelt und verletzt Wakem. Die Folgen seiner Tat muss er nicht mehr tragen, er bricht nach seiner Attacke zusammen und stirbt wenig später.

Nach dem Tod ihres Vaters nimmt Maggie eine Stelle in einer Schule an, um unabhängig von der Gunst ihrer Tanten zu sein. Ihre Mutter lebt im Haushalt der Deanes, sie betreut ihren mittlerweile verwitweten Schwager und ihre Nichte Lucy. Lucy ist gänzlich anders als ihre Cousine Maggie: blond, süß und zärtlich, trotzdem sind die beiden seit ihrer Kindheit befreundet. Ihre Ferien verbringt Maggie diesmal im Hause Deane und Lucy will sie nach Kräften verwöhnen.

Lucys Verehrer, der junge Stephen Guest, verliebt sich in Maggie. Aus dem wilden Mädchen mit den zerzausten Haaren ist eine schöne Frau geworden, groß, dunkel und ernst, sie fällt auf. Auch Maggie fühlt sich zu Stephen hingezogen. Beide kämpfen gegen ihre Gefühle an. Stephen, weil er und Lucy schon als künftiges Paar gelten und Maggie, weil sie Lucy nicht kränken will und sich an Philip gebunden glaubt. Ihn darf sie aber auch nicht lieben, weil sie ihrem Bruder Tom geschworen hat, ihn zu meiden. Da Philip mit Lucy und Stephen befreundet ist, lenkt Tom ein und erlaubt Maggie, Philip bei den Deanes zu treffen.

Die vier jungen Leute sehen sich oft, man rudert und singt gemeinsam. Für Maggie werden ihre Gefühle für Stephen und die früher eingegangene Bindung an Philip unerträglich, sie quält sich und beschließt, beiden Männern zu entsagen und vorerst als Lehrerin zu arbeiten.

Eine gemeinsame Bootsfahrt mit Stephen wird Maggie zum Verhängnis. Stephen rudert, von Liebesgefühlen verwirrt (oder absichtlich?) zu weit. Wegen der Flut können sie nicht rechtzeitig zurück kehren, um zu verhindern, dass Maggie sich kompromittiert. Stephen versucht Maggie zu überreden, mit ihm zu fliehen und ihn zu heiraten. Er ruft ein größeres Schiff an, sie aufzunehmen, dort verbringen sie die Nacht (nein, nicht so).

Maggie ringt mit sich, kann ein Leben mit Stephen glücklich werden, wenn sie Lucy und Philip zutiefst verletzt? Als das Schiff am frühen Morgen in Mudport anlegt, hat Maggie sich entschlossen, Stephen aufzugeben, Lucy und Philip alles zu erklären und um Verzeihung zu bitten. Stephen begleitet sie nicht, er muss erst mit seinem Unglück fertig werden.

Zuhause weist ihr Bruder Tom, der durch Lucys und Philips Fürsprache die Dorlcoter Mühle zurückerhalten hat, sie aus dem Haus. Er beschimpft seine Schwester und will sie nie mehr sehen.

Lucy ist schwer krank, erfährt Maggie, ihre Aussprache muss warten. Bei einem alten Freund der Familie und dessen Frau kommt Maggie unter, sie ist gesellschaftlich geächtet. Ein Brief Stephens, in dem er seine alleinige Schuld erklärt, hilft ihr nicht. Die Gesellschaft St. Ogg’s hat ihr Urteil gefällt. Auch der Pfarrer, der Maggie beisteht, muss sich dem Druck seiner Gemeinde beugen und sie ihrem Schicksal überlassen.

Lucy lässt ihre Kusine nicht im Stich, sie besucht sie kurz, als sie wieder genesen ist und verzeiht ihr. Philip schickt Maggie einen Brief und schreibt darin, dass er sie versteht und immer für sie da sein wird. Ausgerechnet die Menschen, die Maggie gekränkt hat, stehen ihr zur Seite, das tröstet sie in ihren Gewissensqualen ein wenig. Sie kommt nur kurz zur Ruhe, ein Brief Stephens, in dem er sie wieder bittet, ihn zu heiraten, facht ihr inneres Ringen um Pflicht, Tugend und Selbstverleugnung wieder an.

Lange muss Maggie nicht mehr grübeln. Nach tagelangem Regen ist das Wasser des Floss zur Flut angestiegen und dringt in die Häuser ein. Maggie kann sich in einem Boot in Sicherheit bringen, überwindet ihre Todesangst und rudert in der Finsternis, umgeben vom tosenden Floss, zur Dorlcoter Mühle, um Tom zu retten. Sie erreicht ihr Ziel und nimmt ihren Bruder ins Boot auf.

Tom erkennt in diesem Augenblick, was seine Schwester gewagt hat und welch ein wertvoller Mensch sie ist – und spricht sie mit ihrem Kosenamen aus Kinderzeiten an:”Magsie”. Eine Erlösung für Maggie. Die versöhnten Geschwister rudern unter Lebensgefahr, um ihre Kusine Lucy zu retten. Die Trümmer, die das Hochwasser des Floss mit sich führt, bringen ihr Boot zum Kentern. Ihre Leichen werden eng umschlungen gefunden, die Geschwister Seite an Seite begraben – endlich und für immer vereint.

Meine Leselampe-Fazit:

“Die Mühle am Floss” hat eine starke Handlung, ist aber kein Buch für das schnelle Lese-Vergnügen.

Denn George Eliot lässt ihren allwissenden Erzähler immer wieder religiöse, philosophische, zeitgeschichtliche, naturwissenschaftliche und politische Betrachtungen anstellen, die teilweise heute ihre Gültigkeit besitzen oder über die Wissenschaftler noch immer diskutieren.

Dreh- und Angelpunkt Eliots ist meiner Meinung nach die Entwicklung des Individuums in seiner Umwelt und seiner Zeit.

Was prägt den Menschen stärker: die familiäre Veranlagung (die Gene) oder die sogenannten Wertvorstellungen der Gesellschaft?

Welche Konflikte entstehen, wenn Charakter, Fähigkeiten oder Wünsche der öffentlichen Meinung nicht entsprechen? Zerbricht ein Mensch daran?

Berücksichtigen die Menschen mit “moralischen Grundsätzen” in ihrem Urteil genügend das besondere Schicksal und die Lebensumstände des Einzelnen?

Besonders an Maggie Tullivers Schicksal zeigt George Eliot die oft veralteten und sinnentleerten Anstandsregeln der viktorianischen Epoche auf, die Frauen jede Möglichkeit zur Selbstfindung und -verwirklichung verweigerten. Eine Erfahrung, die George Eliot als Liebende und Autorin selbst machen musste, über die sie sich mutig hinwegsetzte und die sie vieles kostete.

Einiges in “Die Mühle am Floss” ist biographisch. George Eliot wuchs in der Provinz in Warwickshire auf, konnte aber im Gegensatz zu Maggie ihren Bildungshunger befriedigen. Sie war wie ihre Romanfigur der Liebling des Vaters, hing wie diese sehr an ihrem älteren Bruder und wurde von ihm verstoßen.

“Die Mühle am Floss” – Zeitzeugnis, Gesellschaftskritik, Biographie und ein philosophisches Werk. Lässt man sich darauf ein, nimmt es einen gefangen und regt zum Nachdenken an.

Mein Lese-Exemplar:

George Eliot, “Die Mühle am Floss”, Roman (in sieben Büchern), 724 Seiten (ohne Anhang und Anmerkungen), aus dem Englischen übersetzt und kommentiert von Eva-Maria König, erschienen 1983 bei Philipp Reclam jun., Stuttgart.

Das Foto der Mühle ist von pixabay, das Foto vom Buch von mir…..