W. M. Thackeray: “Die verhängnisvollen Stiefel”

von | 04.03.2020 | Buchvorstellung

Sein berühmtestes Werk “Jahrmarkt der Eitelkeit” (einfach klicken) habe ich auf Meine Leselampe ja schon vorgestellt, daher ist euch William Makepeace Thackeray kein Unbekannter. Geboren wurde er 1811 in Kalkutta in Indien (sein Vater war Kolonialbeamter dort) und er starb 1863 in London.

Thackeray, der in seinen Werken sehr charmant über menschliche Schwächen und gesellschaftliche Eitelkeiten spottete, war wie Charles Dickens einer der ganz großen viktorianischen Schriftsteller.

Neulich habe ich in einem Antiquariat ein sehr gut erhaltenes Buch des Musarion Verlags (München) gefunden: “Die verhängnisvollen Stiefel” von W. M. Thackeray, erschienen 1925, in altdeutscher Schrift. Das sind echte Glücksmomente für mich. Die witzige Schelmengeschichte Thackerays (das ist altmodisch, trifft es aber) steigert dieses Wohlgefühl.

W. M. Thackeray lässt Robert (Bob) Stubbs aus Slossemsquiggle seine Lebensgeschichte erzählen. Stellt ihn euch rothaarig, schielend, klein und korpulent vor, aus gutem aber nicht reichen Hause.

Gleich zu Beginn der Erzählung führt sich Bob Stubbs als rechtschaffener Mann ein, der nie etwas Böses getan oder gedacht hat, jedoch immer vom Pech verfolgt wurde. Dass er im Alter ein mittelloser Mann ist, nein, das ist gewiss nicht seine Schuld!!!!!!

Die Kapitel seines Lebens teilt Bob in die zwölf Monate ein, die frühen und glücklichen Kinderjahre fallen in den Januar, von ihm als “Kuchen- und Festzeit” empfunden. Erst im “Februar” beginnt das harte Leben: Bob wird von den Eltern aus der heimatlichen Provinz zur Ausbildung in ein Internat geschickt. Der tugendhafte Junge vermehrt sein mageres Taschengeld geschickt, in dem er es zu Wucherzinsen an die reichen und verschwenderischen Schulkameraden verleiht. Nach einiger Zeit fliegt alles auf, Bob wird verprügelt und muss seine Gewinne abgeben.

Was soll’s! Jemand wie Bob lässt sich nicht unterkriegen. Er ist 10 Jahre alt, ein gewieftes Kerlchen!!! Als Röhrenstiefel in Mode kommen und seine Eltern ihm kein Geld dafür geben, beschafft er sie sich im Kapitel “März” auf seine Weise. Er spielt sich vor dem Schuhmacher Stiffelkind als Lord auf und spaziert in den Stiefeln aus dem Laden mit dem lässigen Hinweis: er lasse anschreiben, bezahlt werde später. Klar, der Schwindel fliegt auf, denn der Schuhmacher erscheint in der Schule, fragt nach dem vermeintlichen Lord und… diesmal muss Bob die Schule verlassen.

Im “April” lässt er es sich zuhause gut gehen, stets umhätschelt von der in ihren Jungen vernarrten Mama. Der Vater möchte aus ihm einen Kaufmann machen, die Mutter und Bob sind der Auffassung, ein Leben als Edelmann sei das einzig Angemessene. Die Wahl fällt aufs Militär, nicht auf die reguläre Armee (Französischer Krieg in Europa, zu mühsam und gefährlich), sondern auf die Landwehr! Dienst in der Heimat, in schicker Uniform herumstolzieren, reiten, zechen, mit dem schönen Geschlecht flirten, ja, das ist nach Bobs Geschmack.

Außerdem strebt Stubbs Junior zur weiteren Zukunftssicherung eine gute Partie an. In der Nachbarschaft stehen zwei junge Damen zur Auswahl: die hübsche und wohlhabende Mary Waters sowie die hässliche, ältliche, aber viel reichere Magdalene Crutty. Bob und Mary sind seit ihrer Kindheit befreundet und gelten als verlobt. Als Mary die Hälfte ihres Vermögens verliert, lässt Bob sie auf der Stelle fallen und verlobt sich mit Magdalene Crutty. Prahlerisch annonciert Bob seine bevorstehende Hochzeit in der Zeitung und ruft einen Geist aus der Vergangenheit herbei: Schuhmacher Stiffelkind – er ist Magdalenes Onkel, ausgerechnet! Er stellt Bob als Betrüger bloß und die Hochzeit platzt.

Der Lebensabschnitt “Mai” ist also ohne Wonne verlaufen. Der junge Fähnrich Bob tröstet sich mit einem ausschweifenden Leben – natürlich auf Kosten der Kameraden. Wieder könnte er eine gute Partie machen, wieder verdirbt er sich alles durch seine Aufschneiderei und die Sünden seiner Vergangenheit. Bob wird der Austritt aus der Armee nahegelegt, den er sowieso vollzogen hätte, um einem Duell zu entgehen. So sind “Juni” und Juli” unrühmlich verstrichen.

Im Kapitel “August” stirbt Vater Stubbs und Bob erbt das kleine Landgut mit mageren Einnahmen. Mutter und Schwestern ekelt der Grundbesitzer aus dem Hause, sie sollen ihm nicht auf der Tasche liegen. Danach verkauft Bob das Anwesen und startet im “September” eine Reise durch die englischen Badeorte. Er genießt sein Leben und finanziert sich, indem er am Spieltisch wohlhabende Gentleman ausnimmt. Eine vermögende “Witwe” mit drei Kindern hat es ihm angetan, Bob ködert sie mit seinem vermeintlichen Reichtum, sie ihn mit ihrem und die beiden heiraten. In London fliegt der Schwindel auf: Bobs Frau ist weder reich noch verwitwet, sondern eine Bigamistin und Betrügerin. Bob verliert sein letztes Geld durch sie und landet im Schuldgefängnis und vor dem Richter.

Tja, das Kapitel “Oktober” in der Lebensgeschichte unseres Schlitzohrs hat es in sich, zu allem Übel kreuzt Schuhmacher Stiffelkind mal wieder seinen Weg. Vor Gericht hat er seine Geschichte über die “verhängnisvollen Stiefel” und Bobs damaligen Betrug zum Besten gegeben. Nach der Verhandlung mimt er den Mitleidigen und lässt Bob für sich arbeiten – gegen Kost, Logis und jede Menge Hohn und Spott.

Nach geraumer Zeit besorgt Stiffelkind Bob eine Stellung als Briefträger. Nach einigen Jahren in dieser für ihn zutiefst erniedrigenden Tätigkeit trifft Bob auf seine Mutter, die jetzt als Wohnungsvermieterin ihren Unterhalt bestreitet. Wir ahnen, was kommt, Bob schmeichelt sich bei der Mama ein, verprasst ihre Einnahmen und vergrault ihre Mieter durch seine nächtlichen Gelage. Doch mit der Mutter hat Bob auch sich ruiniert.

Von nun an, im “Dezember” seines Lebens, muss Bob sich von Gelegenheitsjobs ernähren, ach, es ist ein hartes Dasein für einen so braven Mann, der völlig unverschuldet in Not geraten ist. Etwas Glück hat der Unbelehrbare noch einmal. Ein Schriftsteller will Bobs Lebensgeschichte aufschreiben und für ihn verkaufen – W. M. Thackeray?????

Meine Leselampe-Fazit:

W. M. Thackeray ist in “Die verhängnisvollen Stiefel” gewohnt amüsant, ironisch, er scheint seinen selbstgefälligen Taugenichts zu durchschauen und zu mögen. Hat er, wie wir, in der Figur des Bob eine Seite von sich selbst entdeckt? Die “Ich war’s nicht”-“Ich kann nichts dafür”-“Ich habe immer Pech”- Haltung? Oder gar innere Eitelkeit und Selbstliebe? Oder geht es Thackeray um die Hartherzigkeit und Überheblichkeit der (viktorianischen und jeder anderen) Gesellschaft an sich? Um den Snobismus, der eines seiner Lieblingsthemen war? Wer weiß……

Fest steht für mich: wir sind alle ein bisschen Bob!

Mein Lese-Exemplar:

W. M. Thackeray, “Die verhängnisvollen Stiefel”, Erzählung, 99 Seiten, übersetzt aus dem Englischen von Clarisse Meitner, mit Gelatineradierungen von Flora Klee-Pályi, erschienen 1925 im Musarion Verlag München.

Meine Leselampe-Vorschau:

Was kommt als nächstes Buch aus viktorianischer Zeit? Klickt mal an:  Charles Dickens: “Italienische Reise”. Eine Länder- und Zeitreise erwartet Euch – bis bald……