E. Bulwer-Lytton: “Vril oder Eine Menschheit der Zukunft”

von | 19.03.2020 | Buchvorstellung

“Vril oder Eine Menschheit der Zukunft” ist das letzte Werk des englischen Romanciers und Lyrikers Edward George Bulwer-Lytton, geboren 1803 in London, gestorben 1873 in Torquay. Baron Lytton spielte aber auch als Politiker – erst liberaler, dann konservativer Parlamentsabgeordneter – eine Rolle in der viktorianischen Gesellschaft. Ab 1858 fungierte Bulwer-Lytton für kurze Zeit als Kolonialminister.

Weltweit bekannt ist Bulwer-Lyttons historischer Roman: “Die letzten Tage von Pompeji” (1834), der verfilmt wurde. Der viktorianische Schriftsteller beschäftigte sich nicht nur mit geschichtlichen Themen, er war sehr vielseitig und verfasste Theaterstücke, Gedichte und Kriminalromane.

Mit “Das kommende Geschlecht” (The Coming Race”) schuf  Bulwer-Lytton 1871 den ersten utopischen Roman, der ihm aber vorrangig zur Kritik an politischen und sozialen Strömungen seiner Zeit diente (Frauenbewegung, Sozialdarwinismus).

“Vril oder Eine Menschheit der Zukunft” ist die von Rudolf Steiner (Anthroposoph, Theosoph) in Auftrag gegebene Übersetzung von “The Coming Race”. Und die stelle ich Euch heute vor.

Ein Amerikaner erzählt in “Vril oder Eine Menschheit der Zukunft” seine Erlebnisse in den Tiefen der Erde. Seinen Namen und Ortsangaben verschweigt er, um niemanden zu gefährden.

Nachdem er als junger Mann soviel Geld vom Vater geerbt hat, um unabhängig und müßig sein zu können, reist er umher und erkundet die Welt.

Das Abenteuer beginnt, als er einen befreundeten Bergbauingenieur besucht und mit ihm das Bergwerk besichtigt.

Dem Ingenieur fällt am Grunde eines tiefen Schachts ein strahlendes Licht auf, die beiden Männer wollen das Phänomen erkunden und steigen ab.

Mit zunehmender Tiefe wird das Licht immer heller, fern unter ihnen glauben sie, von Lampen erleuchtete Straßen, ein monumentales Bauwerk und menschenähnliche Wesen zu erkennen. Beim weiteren Abstieg passiert ein Unglück, der nachkommende Bergbauingenieur stürzt ab und ist auf der Stelle tot.

Der Erzähler beugt sich gerade bestürzt über ihn, da ertönt plötzlich ein Zischen. Der Kopf eines echsenähnlichen Ungetüms erschreckt ihn und voller Panik flieht er. Als er nach kurzer Zeit vorsichtig zur Leiche seines Freundes zurückkehrt, ist diese mitsamt dem Ungeheuer verschwunden. Nun ist der junge Mann auf sich gestellt. Die Klettertaue kann er nicht wieder an den glatten Felsen befestigen, eine Rückkehr an die Erdoberfläche ist damit unmöglich geworden.

Also wandert er die erleuchtete Straße entlang, durch eine phantastische Landschaft mit fremdartigen grau- und rotschimmernden Gewächsen, schimmernden Seen, steilen Felshängen. Es ist warm und mild hier unten, die sich über ihm wölbende Felsdecke verliert sich im Dunst. Der Erzähler läuft auf das große Gebäude zu, das er aus der Ferne gesichtet hat, es erinnert ihn an ägyptische Bauwerke. Aus dem Gebäude kommt ein überwältigendes Wesen auf ihn zu, sein unbewegtes und würdevolles Gesicht erinnert unseren Erzähler an eine Sphinx oder einen Engel. Er spürt innerlich eine Gefahr, die von der Erscheinung ausgeht, fällt zitternd auf die Knie und verbirgt sein Gesicht in den Händen.

Er hat einen Vril-ya getroffen, einen Vertreter eines hochentwickelten Geschlechtes, dass vor Äonen von einer Flutkatastrophe unter die Erde gezwungen wurde. Die Vril-ya haben eine Urkraft, das Vril, entdeckt und nutzbar gemacht. Mit dem Vril können sie ihren Geist schärfen und telepathisch kommunizieren, Krankheiten heilen, den Alterungsprozess verlangsamen, Gebäude und Landschaften erschaffen, das Wetter gestalten, mit künstlichen Flügeln fliegen…. und töten.

Das tun sie aber nur, wenn feindliche und in ihren Augen minderwertige Geschöpfe eine Gefahr für ihre Existenz darstellen.

Die Vril-ya leben in relativ kleinen Gemeinschaften zusammen, werden es zu viele, wandern einige aus und gründen eine neue Gemeinschaft. Magistrate unter einem Oberhaupt verwalten formell die Vril-ya-Siedlungen unter der Erde – ohne Sondervergünstigungen oder andere Vorteile zu erhalten.

Die friedlichen Vril-ya benötigen weder Richter noch Polizisten oder Soldaten. Ehrgeiz und Machtstreben sind ihnen fremd, alle haben was sie brauchen dank Vril.

Allerdings haben sich mit der Zunahme geistiger und moralischer Kräfte bei den Vril-ya Phantasie und Kunst zurück entwickelt.

An Gott glauben sie, den Tod fürchten sie nicht. Für sie fügt sich an das Leben und den Tod immer wieder ein weiteres Leben und ein weiterer Tod. Diese Wiedergeburten können überall stattfinden, auch auf anderen Planeten.

Männer und Frauen, Ana und Gyei, sind gleichberechtigt, mehr noch: die Gyei den Männern geistig und körperlich weit voraus. Es wundert nicht, dass sie sich den Mann aussuchen, den sie heiraten möchten.

Unser Erzähler, von den Vril-ya “Tish” genannt, wird gastfreundlich aufgenommen und zuvorkommend behandelt, trotzdem sind sie ihm unheimlich in ihrer gänzlich fremden Art und wegen ihrer übermenschlichen Vril-Fähigkeiten. Beispielsweise können sie ihn jederzeit in einen bewusstlosen Zustand versetzen und in sein Denken eingreifen. Praktisch: auf diese Art bringen sie ihm ihre Sprache bei und erlernen seine. Der Nachteil: sie können alles über ihn und die Menschen auf der Erde erfahren.

Schwierigkeiten gibt es, als sich Zee, Tochter seines Gastgebers Arph-Lin in den jungen “Tish” verliebt. Er erwidert ihre Gefühle nicht, denn er fühlt sich ihr und ihrer überragenden Intelligenz unterlegen. Besser gefällt ihm die Tochter des Oberhauptes Tur, die ihn ebenfalls auserkoren hat. Da eine Vermischung von Vril-ya mit den als minderwertig empfundenen Menschen nicht in Frage kommt, will Tur ihn töten lassen. Vor der Vollstreckung hat “Tish” noch einen Aufschub erwirkt, den nutzt Zee, um ihn zu retten und an die Erdoberfläche zu bringen.

So endet das unterirdische Abenteuer. Der namenlose Erzähler berichtet abschließend, er habe nach seiner Rettung ein zurückgezogenes Leben geführt und niemandem über seine Entdeckungen berichtet. Jetzt sei er ein alter und sehr kranker Mann, der bald sterben müsse. Daher werde er alles über die Vril-ya und ihre überlegenen Fähigkeiten aufschreiben, um seine Mitmenschen zu warnen. Nicht nur davor, dass die Vril-ya aufsteigen und alles zerstören könnten, sondern – wie ich es verstanden habe – auch davor, sich selbst zu einer solchen Menschheit zu entwickeln.

Meine Leselampe-Fazit:

“Vril oder Eine Menschheit der Zukunft” ist kein spannender Science Fiction-Stoff oder ein utopisches Fantasy-Abenteuer. Fans von Jules Verne oder H.G. Wells wird der Roman enttäuschen, denn er ist eher ein soziologisches, philosophisches und politisches Gedankenexperiment.

Was würde passieren, wenn die Menschheit eine Kraft wie das Vril in die Hände bekäme, die sie übermächtig und unangreifbar machen würde? Die sie in die Lage versetzen würde, ohne materielle Zwänge und Nöte, ohne seelische und körperliche Gebrechen zu leben? Wären die Menschen dann “hilfreich, edel und gut” (wie Goethe es forderte) oder kühl, emotionslos und auf eine spezielle Art grausam?

Hochinteressant, darüber nachzudenken, daher unbedingt lesenswert.

Schade: Edward Bulwer-Lyttons “Vril oder Eine Menschheit der Zukunft” wurde und wird leider auch von vielen Weltverschwörungs-Theoretikern und Rassisten für ihre kruden Phantasien missbraucht. Kann man wohl nie vermeiden.

Mein Lese-Exemplar:

Edward Bulwer-Lytton, “Vril oder Eine Menschheit der Zukunft”, Roman, 143 Seiten,  (anthroposophisch) übersetzt von Guenther Wachsmuth, 2010 in 7. Auflage erschienen, Verlag am Goetheanum, Dornach.