Charles Dickens: “Ein Weihnachtslied in Prosa”

von | 12.12.2019 | Buchvorstellung

Autor(en): Dickens, Charles

Oh, wie hat mich die Charles Dickens-Figur des Ebenezer Scrooge als Kind umgetrieben! Wenn meine Mutter mir das Märchen vorgelesen hat und ich die Zeichnungen ansah, fand ich das alles gruselig und bedrückend und abends im Bett kamen mir die Bilder garantiert wieder ins Gedächtnis.

Das viktorianische Weihnachtsmärchen schildert die Hartherzigkeit und Lieblosigkeit eines vertrockneten alten Geschäftsmannes und ich finde “Ein Weihnachtslied in Prosa” (“A Christmas Carol in Prose”) immer noch unheimlich (jetzt aber schöööön unheimlich). Im Jahre 1843 komponierte Charles Dickens sein “Lied”.

Erste Strophe –

die uns ins Kontor von “Marley und Scrooge”, jetzt nur noch Scrooge, führt. Der frühere Geschäftspartner Marley ist seit sieben Jahren tot, nur wenig hat sich dadurch geändert, denn Marley war wie Scrooge: raffgierig, kalt und absolut herzlos. Scrooges Aussehen spiegelt seine kalte und böse Seele wider, das triste und eiskalte Büro ebenso. Für den angestellten Schreiber Bob Cratchit kein angenehmes Arbeiten, doch er hat eine große Familie zu ernähren und keine andere Wahl.

An Heilig Abend sitzt Scrooge in seinem Kontor. Sein Neffe Alfred besucht ihn, um ihm ein frohes Weihnachten zu wünschen und ihn zum Essen einzuladen. Scrooge wehrt die Freundlichkeiten verächtlich und mit hämischen Kommentaren ab. Ebenso behandelt er später zwei Herren, die für die Armen sammeln. Und nur sehr schweren Herzens gibt er seinem Schreiber für den folgenden Weihnachtstag frei – bezahlt!

Als Scrooge wenig später heim kommt und die Tür seiner tristen Behausung aufschließen will, verwandelt sich der Türklopfer kurz eine schaurige Maske. Und als Scrooge bei Haferschleim vor seinem Kamin sitzt, verdüstert sich die Atmosphäre des Zimmers und sein verstorbener Kompagon John Marley sucht ihn heim. Er ist schauderhaft anzusehen, in Ketten gefesselt. Marley leidet im Jenseits große Qualen, er wird mit seiner Unmenschlichkeit und Erbarmungslosigkeit konfrontiert. Er beschwört Scrooge, sich zu ändern, um nicht so enden zu müssen. Drei Gesichter würden ihm in der kommenden Nacht erscheinen, sie seien Scrooges einzige Chance, seinem -Marleys- Schicksal noch zu entgehen.

Zweite Strophe – Der erste der drei Geister

Scrooge ist trotz des Spukes zu Bett gegangen und erschöpft eingeschlafen. Als er erwacht, zählt er bang die Glockenschläge, wartet und wartet, fühlt sich schon sicher, da wird es taghell in seinem Schlafzimmer, eine Hand zieht seine Bettvorhänge beiseite….JETZT MUSS ICH KURZ LICHT MACHEN IN MEINEM ARBEITSZIMMER, MIR WIRD ES SONST ZU UNBEHAGLICH… und Scrooge sieht einen Geist vor sich, der ständig seine Form wechselt: Der Geist der vergangenen Weihnacht!!! Er nimmt Scrooge mit sich – zurück in dessen Kindheit und Jugend. Scrooge war einst ein kleiner, vom Vater auf eine Schule abgeschobener und verlassener Junge. Bis seine Schwester ihn dann irgendwann doch mal zum Weihnachtsfest heimholte. Er war ein fröhlicher Lehrling bei einem großzügigen Lehrherren, er hatte einen guten Freund an seiner Seite. Er war verliebt und glücklich, fing dann aber an, sich so zu verändern, dass seine Herzensdame ihn verließ. Und der Geist lässt ihn ihr familiäres Glück sehen, dass seines hätte sein können. Scrooge erträgt das alles nur schlecht und will weg von diesen Bildern.

Dritte Strophe – Der zweite der drei Geister

Scrooge ist wieder in tiefen Schlaf gefallen. Er wacht auf und wartet auf den nächsten Geist. Als er es nicht mehr aushält, will er das Schlafzimmer verlasse. Im Wohnzimmer erwartet ihn der Geist der diesjährigen Weihnacht, eine riesengroße und heitere Erscheinung, umringt von Weihnachtsschmuck und vielen weihnachtlichen Köstlichkeiten. Der Geist besucht mit Scrooge die festlich dekorierten und mit Köstlichkeiten bestückten Läden der Londoner City und führt ihn zu Bob Cratchits kleinem Haus. Der Schreiber und seine Familie genießen ein ärmliches Weihnachtsmahl voller Freude und Glück, auch der kleine behinderte Sohn Tiny Tim ist voller Dankbarkeit. Die Familie trinkt sogar auf Scrooges Wohl! Scrooge kann seinen Blick nicht vom geschwächten Tiny Tim abwenden, sein Schicksal interessiert ihn. Der Geist prophezeit Scrooge, wenn nicht etwas geändert werde, müsse Tiny Tim sterben. Auch zu seinem Neffen Alfred und dessen lieblicher Frau führt der Geist Scrooge. Das jungvermählte Paar feiert mit Freunden Weihnachten, Scrooge kann sich von dem lustigen Treiben kaum trennen. Noch viele Feiernde besucht der Geist der jetzigen Weihnacht mit dem alten Geizhals, konfrontiert ihn eindringlich mit seinen früheren, Menschen verachtenden Aussagen, dann bleibt Scrooge allein zurück.

Vierte Strophe – Der letzte der Geister

Scrooge muss nicht warten, diesmal erscheint ihm sofort eine völlig verhüllte Gestalt, er kann kein Gesicht erkennen, nur eine Hand, die ihm den Weg weist. Dieser Geist der zukünftigen Weihnacht spricht auch nicht mit ihm. Scrooge sieht einen ausgeraubten Leichnam in einem geplünderten Schlafzimmer liegen, erkennt sich aber nicht. Er hört Menschen über den Verstorbenen sprechen, knapp, unberührt und gleichgültig. Bei Bob Cratchit wird um den toten Tiny Tim getrauert und von einem neuen Mann im Kontor gesprochen, der so gütig und großzügig sei und der Familie helfen wolle. Scrooge versteht immer noch nicht, um wen es bei dem Toten geht – bis ihn der Geist zu einem Grabstein führt, auf dem sein Name steht. Da begreift er und verspricht in Todesangst, sein Leben zu ändern. Der Geist verschwindet, Scrooge findet sich allein in seinem Bett wieder.

Fünfte Strophe – Das Ende vom Lied

Die Schrecken der Nacht sind verblasst, aber Scrooge hat gelernt. Er fühlt sich als ein neuer Mensch und will von nun an in der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft leben. Er will seinen Mitmenschen Gutes tun und macht es auch. Mit seinem Neffen feiert er vergnügt Weihnachten, zuvor bekommt Bob Cratchits Familie (anonym) einen fetten Truthahn zum Weihnachtstag gesandt. Und Scrooge kümmert sich als vorbildlicher Chef auch um den behinderten Sohn seines Schreibers, der kleine Tiny Tim wird gut versorgt und muss nicht sterben.

Scrooge wandelt sich zu einem menschlichen Geschäftsmann, einem guten Freund, einem fürsorglichen Onkel und gilt in London als Mann, der Weihnachten wie kein anderer zu feiern versteht.

Und somit: Ende gut – alles gut bei Charles Dickens “Weihnachtslied in Prosa”!!!!!

Meine Leselampe-Fazit:

Genial, genial…..Zum Vorlesen und selber lesen an Weihnachten. Doch zu klein sollten die Kinder nicht sein, denen ihr die Geschichte vorlesen wollt. Ist stellenweise echt schaurig (schön).

Erhellend für Groß und Klein ist die Erkenntnis, die Vergangenheit im Hier und Jetzt stets zu berücksichtigen, in der Gegenwart zu leben und dabei die Zukunft im Blick zu haben. Was sagte einer meiner Schauspiellehrer: tue, was Du willst, aber handele so, dass Du Dich abends mit gutem Gefühl im Spiegel anschauen kannst.

Mein Lese-Exemplar:

Charles Dickens, “Weihnachtsmärchen”, daraus “Ein Weihnachtslied in Prosa”, 189 Seiten, bearbeitet, übersetzt und herausgegeben von D. P. Johnson, (überarbeitete Gesamtausgabe unter Verwendung der Übertragungen von Karl Kolb und Julius Seybt), mit Illustrationen der Erstausgabe, Magnus Verlag Essen (kein Erscheinungsdatum).