Gary Paulsen: “Das Camp”

von | 25.02.2020 | Buchvorstellung

Autor(en): Paulsen, Gary

“Das Camp” von Gary Paulsen kategorisiere ich als “Jugendbuch auch für Erwachsene”. Der US-Amerikaner Paulsen hat das Buch seiner Großmutter gewidmet, bei der er als Kind eine Zeit lang aufwuchs. Sie lebte im nördlichen Minnesota, dort spielt auch der Hauptteil der Geschichte um einen kleinen Jungen.

Prolog: 1944 wird der fünfjährige Junge zu seiner Großmutter geschickt, die in einem Bauarbeiter-Camp an der kanadischen Grenze als Köchin arbeitet. Eigentlich lebt er ja mit seiner Mutter in Chicago. Sein Vater kämpft im Zweiten Weltkrieg irgendwo in Europa, der Mutter war es langweilig und so nahm sie einen Job an. Der kleine Junge wird von einer unsäglichen, stets betrunkenen Babysitterin betreut. Und dann lernt seine Mutter auch noch einen anderen Mann kennen, “Onkel Casey”, und bringt ihn in die Wohnung mit. Der Kleine ertappt sie mit Casey auf dem Sofa, wo sie “komische Geräusche” machen. Er weiß auch, dass Casey nicht sein Onkel ist. Daraufhin schickt seine Mutter ihn auf eine zweitägige Zugreise zur Großmutter nach Minnesota.

Kapitel Eins bis Vierzehn: Wir begleiten den Jungen auf seiner Fahrt, damals kümmerten sich Schaffner noch sehr aufmerksam um kleine, allein reisende Kinder. An einer Bahnstation in einer gottverlassenen Gegend wird der Junge abgesetzt, von der Großmutter noch keine Spur. Der Bahnhofsvorsteher drückt ihm einen Krapfen in die Hand, ansonsten bleibt das Kind seinen Ängsten überlassen. Wird ihn die Großmutter überhaupt abholen? Heimweh nach seiner Mutter stellt sich ein und so stürzt der Kleine seiner Großmutter weinend in die Arme, als sie endlich mit einem der Bauarbeiter in einem großen Laster ankommt. Und nun wird alles gut.

Auf den Jungen stürmt so viel Neues ein, dass er sein Heimweh vorerst vergisst. Der Bauwagen, in dem die Großmutter kocht und wo er und seine Großmutter (und viele Mäuse) wohnen und schlafen. Das Backenhörnchen, das ihm aus der Hand frisst. Die riesengroßen Bauarbeiter, die ihn mit zur Arbeit nehmen. Die ihm zeigen, wie sie ihre Straße bauen, die ihn im Bagger und im Lastwagen mitfahren lassen. Die ihm Kartenspiele beibringen und die ihn beeindrucken mit den Mengen, die sie essen. Der Apfelkuchen mit Zimt seiner Großmutter, die mit warmem Wasser verdünnte Dosenmilch – alles ist anders als daheim in Chicago und aufregend. Die Großmutter nennt ihn “mein kleiner Fingerhut”, sie hört ihm zu, beantwortet seine Fragen auf eine ganz eigene Art, erzählt ihm von ihrer norwegischen Heimat.

Als der Junge sich eines Tages über “Onkel Casey” verplappert (eigentlich wollte er gar nicht darüber sprechen), wird die Großmutter zornig und traurig zugleich. Der Junge beobachtet, dass sie an den darauf folgenden Abenden Briefe schreibt.

Als die Großmutter, er und einer der Männer in eine kleine Stadt fahren, um die Lebensmittelvorräte des Camps aufzufrischen, gibt die Großmutter bei der Gelegenheit ihre Briefe auf, sie gehen nach Chicago. Wir können uns schon denken, an wen die Briefe adressiert sind und um was es in ihnen geht, aber der kleine Junge kann das noch nicht.

Der “kleine Fingerhut” genießt sein Leben mit der Großmutter und den Männern in der Wildnis, doch langsam wächst die Sehnsucht nach seiner Mutter in ihm. Als einer der Männer einen Unfall hat und seine Großmutter ihn ins weit entfernte Krankenhaus begleitet, wird das Heimweh so groß, dass der Junge unaufhörlich weint. Die Männer trösten ihn, es hilft aber alles nichts.

Als die Großmutter zurück kommt, hat sie ein Telegramm der Mutter dabei, die sich auch nach ihrem kleinen Jungen sehnt und ihm das Geld für die Zugfahrt nach Chicago mitgeschickt hat.

In der letzten Nacht im Camp erzählt die Großmutter ihrem Enkel die Geschichte ihres Lebens und er fühlt, dass er jedes Wort mitbekommen muss. Schon bald darauf wird er in den Zug gesetzt und fährt heim zu seiner Mutter, die ihr “kleines Schäfchen” liebevoll begrüßt. Onkel Casey ist weg und im Jahr darauf kommt der Vater aus Europa zurück. Und wie das Leben so spielt – der kleine Junge wird die geliebte Großmutter erst als erwachsener Mann und selbst Vater von Kindern wiedersehen. Und ein Stück Apfelkuchen mit Zimt bekommen.

Porträt: Gary Paulsen schildert im letzten Kapitel von “Das Camp” das Leben seiner norwegischen Großmutter, einer warmherzigen und mutigen Frau, die ein hohes Alter erreicht hat. Sie verließ ihre Heimat, sie musste auf vieles verzichten und hart arbeiten, überlebte ihren Mann und alle ihre Kinder und verlor trotzdem nie sich selbst und die Liebe zum Leben.

Meine Leselampe-Fazit:

Gary Paulsen beschreibt das Leben in “Das Camp” aus der Sicht eines kleinen Jungen, mit einfachen Worten und klaren Sätzen. Äußerungen oder Geschehnisse, die ein fünfjähriges Kind nicht verstehen und einordnen kann, bleiben unkommentiert und uninterpretiert – wir Erwachsene verstehen sie auch so.

Die Großmutter und das Leben im Camp werden anheimelnd und warmherzig beschrieben, ich bekam beim Lesen eine Art Heimweh danach. Es bleibt ein sehnsüchtiges Gefühl zurück, dass man sich nicht erklären kann – Sehnsucht nach der Kindheit, der noch unkomplizierten und unschuldigen Betrachtungsweise eines Kindes oder Sehnsucht nach solchen Menschen wie der norwegischen Großmutter? Ich weiß es nicht, ich weiß nur, Bücher wie  “Das Camp” von Gary Paulsen rühren das Herz eines Lesers zutiefst an……Und Appetit auf warmen Apfelkuchen mit Zimt bekommt man allemal!

Mein Lese-Exemplar:

Gary Paulsen, “Das Camp”, Jugendbuch (?), 111 Seiten, übersetzt aus dem Amerikanischen von Brigitte Jakobeit, Herausgeber Markus Niesen, erschienen 2000 im Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main.

Meine Leselampe-Vorschau:

Nach diesem Ausflug in die Gegenwart geht es jetzt zurück zur viktorianischen Literatur, bzw. zu einem amerikanischen Zeitgenossen der Viktorianer: Mark Twain: “Die schreckliche deutsche Sprache”, schaut doch mal rein………..