Mark Twain: “Die schreckliche deutsche Sprache”

von | 28.02.2020 | Buchvorstellung

Autor(en): Twain, Mark

“The Awful German Language” ist ein vergnügliches Essay über die Tücken der deutschen Sprache aus der Feder eines durchaus lernwilligen Amerikaners. Mark Twain legte seine Betrachtungen 1880 dem Publikum vor, ins Deutsche übersetzt wurde “Die schreckliche deutsche Sprache” erst 11 Jahre später im Rahmen eines anderen Werkes (“Bummel durch Europa”).

Mark Twain, geboren 1835 als Samuel Langhorne Clemens in Missouri, gestorben 1910 in Connecticut, hat ein abwechslungsreiches Leben geführt. Er arbeitete unter anderem als Schriftsetzer, Journalist, Lotse. Wenn seine Werke auch humorvoll sind, spart Mark Twain nicht mit Kritik an Rassismus, Heuchelei und Machtgier seiner Zeitgenossen, wir kennen das aus “Die Abenteuer des Huckleberry Finn” oder “Die Abenteuer des Tom Sawyer”.

Mark Twain reiste gern und viel, mehrfach besuchte er Europa. In seiner Heimat kannte der US-Amerikaner viele deutschstämmige Einwanderer und versuchte, deren Sprache zu erlernen und später bei seinen Aufenthalten in Deutschland anzuwenden. Seine Erfahrungen beschrieb er in “Die schreckliche deutsche Sprache”.

Mark Twain hat die deutsche Sprache erlernt und erprobt seine Kenntnisse in Heidelberg stolz an einem Museums-Angestellten. Der will sie als Unikum in der Raritätensammlung ausstellen – so launig beginnt die Abhandlung über “Die schreckliche deutsche Sprache”. Launig übrigens auch das Ende, da führt Twain in einer Rede zum 4. Juli vor Studenten seine “Deutschkenntnisse” erneut ad absurdum – durch einen hohen Anteil amerikanischer Worte.

Dazwischen erfahren wir, dass Deutsch für Mark Twain eine überaus unordentliche Sprache ist, ohne Systematik, voller Ausnahmen. Allein die vier Fälle: Nominativ, Genitiv, Dativ (der vor allem!), Akkusativ und die daraus folgende Deklination der Personalpronomen und Adjektive treiben ihn zur Verzweiflung.

Oder die unsäglichen Parenthese-Sätze, im Englischen laut Twain damals ein Zeichen schlechten Stils, in Deutschland scheinbar gern gebrauchtes Stilmittel. (Eh – das kenne ich aber auch noch: ein Aufsatz für die Uni wirkte viel wissenschaftlicher, je raffinierter verschachtelt und je länger ein Satz konstruiert wurde!!!).

Twain kämpft tapfer mit den Geschlechtern der Substantive: er führt Beispiele wie “die Rübe” – “das Fräulein” an, in seinen Augen eine unfassbare Erhöhung der Rübe!!

Auch über trennbare Verben, über die Stellung der Verben im Satz und über zusammengesetzte ellenlange Worte kann Twain nur den Kopf schütteln und mit gekonnten Beispielen spotten.

Das alles sollte man abschaffen, fordert Twain augenzwinkernd. Er schlägt vor, die deutsche Sprache zu reformieren, denn so wie sie ist, benötige der gebildete Mensch 30 Jahre, um Deutsch zu lernen, für Englisch hingegen nur 30 Tage, für Französisch 30 Monate (die letzten beiden Aussagen würde vermutlich auch nicht jeder Schüler unterschreiben).

Twain spendet gewissen Aspekten der deutschen Sprache durchaus Lob: praktisch die Großschreibung der Substantive! Wunderbar der Klang der Worte, der Gefühle und Bilder erzeugt, sogar bei dem der Sprache nicht mächtigen Ausländer!! Andererseits sind die Worte zu dünn und schlapp, um dynamische, kraftvolle Abläufe zu beschreiben oder gar damit zu fluchen, zu dem Zweck empfiehlt Twain lieber die amerikanische oder englische Sprache.

Meine Leselampe-Fazit:

Deutsche Sprache – schwere Sprache! Versöhnlich und vergnüglich nimmt Mark Twain die Eigen- und Besonderheiten der deutschen Sprache aufs Korn und lacht gleichzeitig über die Schwächen der Amerikaner und Engländer beim Erlernen. Ein positiver Nebeneffekt: man frischt seine Grammatik-Kenntnisse aus der Schulzeit auf diese Weise auf. Und bei einer zweisprachigen Ausgabe (wie ich sie habe) auch das englische Vokabular. “Die schreckliche deutsche Sprache” ist ein schrecklich intelligentes Buch, das schrecklich viel Spaß macht.

Mein Lese-Exemplar:

Mark Twain, “Die schreckliche deutsche Sprache”, Essay, 81 Seiten, aus dem Amerikanischen übersetzt von Ana Maria Brock, erschienen 2019 im Nikol Verlag als Lizenzausgabe (Mark Twain: Ausgewählte Werke in zwölf Bänden, Bd. 5: Bummel durch Europa, Aufbau Verlag 1963).

Meine Leselampe-Vorschau:

Die Lebensgeschichte eines viktorianischen Schlitzohrs steht als Nächstes an: W.M.Thackeray: “Die verhängnisvollen Stiefel”