Joseph Sheridan Le Fanu: “Der Schwarze Vorhang”

von | 11.07.2019 | Buchvorstellung

Joseph Sheridan Le Fanu verbreitet viktorianischen Nervenkitzel sehr gekonnt. Leider habe ich ihn erst spät kennengelernt. Vor ein paar Monaten fiel mir auf einem Flohmarkt ein kleines unheimlich gestaltetes Buch auf: das dunkel gehaltene Cover ziert eine gehörnte, recht schaurige Fratze. Ansprechend für einen Horror-Fan wie mich auch der Titel: “Der Schwarze Vorhang – unheimliche Kriminalfälle aus dem alten Irland”. Gesehen, gekauft, gelesen.

Die erste der drei schaurig schönen Geschichten ist Titel gebend, also “Der Schwarze Vorhang”. Die junge Fanny Richardson wird von ihren Eltern mit dem reichen und kultivierten Lord Glenfallen verheiratet. Die Flitterwochen verbringt das Paar auf einem prächtigen Landsitz Glenfallens. Gleich bei der Ankunft wird Fanny von einem beunruhigenden Omen erschreckt, versucht aber, die Erscheinung zu verdrängen.

Doch die anfangs harmonische und friedliche Stimmung verdüstert sich zusehends: Glenfallen verbietet seiner Frau, einen bestimmten Teil des Gebäudes zu betreten und Fanny wird von einer plötzlich auftauchenden, offenbar wahnsinnigen Frau beschimpft und bedroht. Ihr bisher zuvorkommender Ehemann wird immer verschlossener, schroffer, bei ihm findet Fanny keine Hilfe mehr. Sie gerät in Lebensgefahr….

Joseph Sheridan Le Fanu: Wahre Kriminalfälle oder gekonnte Fiktion?

In “Aus den geheimen Aufzeichnungen einer irischen Gräfin” muss Lady Margaret nach dem Tod ihres Vaters zu ihrem skandalumwitterten Onkel Sir Arthur Tyrell ziehen. Sein Anwesen ist heruntergekommen und düster, aber Onkel und Cousine begrüßen Margaret so herzlich, dass ihre Befürchtungen zunächst unbegründet erscheinen. Doch dann stellt der Sohn des Hauses ihr nach und auch der Onkel will eine Heirat mit seinem Sohn erzwingen. Margaret weigert sich und wird in Ruhe gelassen. Doch sie bemerkt, dass Sir Arthur Tyrell und sein Sohn insgeheim Vorbereitungen treffen, um sie zu ermorden und so an ihr Geld zu gelangen……

Die “Abenteuer eines Totengräbers” spielen in einem Vorort Dublins, in Chapelizod (auch so ein Name!). Es ist eine Gespenstergeschichte um zwei Saufkumpane. Der eine, ein schwermütiger Wirt, ist dem Alkohol nicht sonderlich zugetan, wird aber durch den immer durstigen Totengräber des Örtchens zum Trinken verführt. Er ruiniert sich dabei so, dass er keinen Ausweg mehr sieht und seinem Leben ein Ende setzt. Ein Jahr später, in einer gewittrigen Nacht, wird der Totengräber von einem unheimlichen Fremden verfolgt und bedrängt, zu trinken……

Meine Leselampe-Fazit:

Alle drei Geschichten sind atmosphärisch düster, man lebt sich beim Lesen in die bedrückenden Stimmungen regelrecht ein. Joseph Sheridan Le Fanu (1814-1873) schreibt flüssig und überraschend modern, ich habe das Buch von Anfang bis Ende in einem Zug durchgelesen. Die Motive kamen mir zum Teil bekannt vor, das ist kein Wunder, da sich viele Schriftsteller des 19.Jahrhunderts von Sheridans Motiven inspirieren ließen und Anleihen genommen haben. Auch hat Sheridan viele seiner Geschichten nochmals zu Romanen weiter verarbeitet. Wer es gern unheimlich und viktorianisch mag, sollte Joseph Sheridan Le Fanu unbedingt kennenlernen.

Mein Lese-Exemplar:

Joseph Sheridan Le Fanu, “Der Schwarze Vorhang”, Unheimliche Kriminalfälle aus dem alten Irland, übersetzt von Alexander Pechmann, erschienen 2009, Achilla Presse Verlagsbuchhandlung, Butjadingen – Dublin, 119 Seiten.