Charles Dickens: Kurze Biographie

von | 05.05.2020 | Kurze Biographie

Charles John Huffam Dickens – so lautet der vollständige Name des in meinen Augen größten und vielfältigsten viktorianischen Schriftstellers, schon zu Lebzeiten gefeiert und verehrt. Literarisch bildete Dickens seine Zeit und ihre politischen, sozialen und kulturellen Strömungen ab.

In Dickens teils vergnüglichen (“Skizzen von Boz” oder “Die Pickwickier”), häufig gesellschaftskritischen Romanen (“Oliver Twist”, “David Copperfield”) spielten erstmals Mittel- und Unterschicht mit. Die einfachen Leute konnten über sich und ihren Alltag lesen und sich Dickens’ Werke sogar leisten, da sie als Fortsetzungen in Zeitschriften erschienen und günstiger als Bücher waren. Das erklärt einen Teil seines Erfolgs. 

Charles Dickens schrieb historische Romane (“Eine Geschichte zweier Städte”), Reiseberichte (“Die italienische Reise”, nochmal lesen?:“Italienische Reise”, Charles Dickens,  oder seine “Notizen aus Amerika”) und gruselige Geschichten (“Ein Weihnachtslied in Prosa”, hier klicken: Ein Weihnachtslied in…., Charles Dickens, “Der Verwünschte”, siehe auf Meine Leselampe“Der Verwünschte”, Charles Dickens) und setzte die von E.A. Poe und Wilkie Collins aus den beliebten Schauerromanen entwickelten Detektivgeschichten in “Bleak House” fort. Mit “Das Geheimnis des Edwin Drood (1870) schuf Dickens am Ende seines Lebens einen “richtigen” Kriminalroman, konnte ihn jedoch leider nicht mehr vollenden.  

Geboren wurde der viktorianische Literatur-Superstar 1812 in der Nähe von Portsmouth, verbrachte aber den größten Teil seiner Kindheit in London. Dickens Vater, ein Angestellter mit höheren Ambitionen, ging mit seinem verdienten Geld zu locker um und landete wegen seiner Schulden ins Gefängnis. Der erst zwölfjährige Charles musste die Schule verlassen und in einer Fabrik für Schuhputzmittel arbeiten. Dieses Erlebnis hat Dickens sehr belastet und gedemütigt, er verarbeitete die Schmach seiner Jugend in seinen Werken. Das war typisch für ihn, tiefgehende Erfahrungen seines Lebens, ihn prägende Menschen, ja sogar beeindruckende Landschaften wandelte er in literarische Motive um. 

Als junger Mann liebäugelte Charles Dickens mit der Schauspielerei, arbeitete in einer Anwaltskanzlei und als Gerichtsreporter. 1836 veröffentlichte er unter dem Pseudonym Boz seine Skizzen (s.o.) und machte sich einen ersten Namen als Schriftsteller. In diesem Jahr heiratete er auch Catherine Hogarth, mit der er zehn Kinder bekam. 1858 trennte Dickens sich von Catherine, unter anderem wegen seiner heimlichen Geliebten Ellen Ternan. 

“Die Pickwickier”, die 1837 herauskamen, machten Charles Dickens berühmt. Seine Zeitgenossen schätzten an ihm und seinen Werken den manchmal grotesken Humor, die überquellende Phantasie, rührselige Schicksale, düster und makaber geschilderte Verbrechen, Kritik an sozialen oder politischen Missständen. Mit Charles Dickens konnten sie lachen, spotten, mitfühlen und weinen, sich empören, sich gruseln oder vor Spannung zittern. Und so verdiente Dickens an seinen Romanen, Erzählungen und Bühnenstücken sehr gut. 

Viele der Großen seiner Zeit kannte Dickens, er hatte Freunde in politischen Kreisen, in der feinen Gesellschaft, unter Schriftstellern und Journalisten, weltweit. Egal, welchen viktorianischen Roman ich lese, sein Autor oder seine Autorin war mit Dickens bekannt. Vielleicht lag es daran, dass Dickens Interesssen breit gestreut waren, er spielte Laientheater, reiste gern und häufig und stellte sich und seine Werke auf Tourneen durch England, Schottland, Irland und Amerika vor. 

1870 starb Dickens, überarbeitet und geschwächt, mit nur 58 Jahren an einem Schlaganfall.

So, das ist mein wahrhaft “Kurzer Blick auf Leben und Werk” des Charles Dickens, einem so vielseitigen und an vielem interessierten Menschen könnte man einen kompletten Blog widmen und viele Jahre daran arbeiten

Die heutigen Meinungen über Charles Dickens gehen weit auseinander, viele halten seine Romane ihn für schwerfällig, zäh, kompliziert, übertrieben sentimental, weitschweifig, langweilig, etc.. Vielleicht braucht man bei Werken aus früherer Zeit generell eine andere Herangehensweise, muss sich erst einen Zugang suchen.

Mit “Bleak House”, das ich Euch Donnerstag vorstellen möchte, hatte ich anfangs auch zu kämpfen, ich musste mich regelrecht in den Sprachfluss einlesen, hineinfühlen. Aber danach lief es wie geschmiert und ich konnte mich von der Handlung kaum noch losreißen.Vermutlich rühren unsere Probleme daher, dass wir heute innerlich ein anderes Tempo haben, an anders strukturierte Sprache und “geglättete” Charaktere gewöhnt sind. 

Es lohnt sich auf jeden Fall, “Bleak House” mit seinen verästelten Handlungszweigen und der bunten Vielfalt von Charakteren, der Kritik an viktorianischer Justiz und viktorianischem Kapitalismus, dem Lob menschlicher Fürsorge, mit zwei Morden und tragischen, z.T. makaberen Todesfällen für sich zu entdecken und erobern.

Vielleicht kann ich einige von Euch am Donnerstag neugierig machen. Bis dahin – eine gesunde Zeit…….

Mein Leseexemplar:

Charles Dickens, “Bleak House”, 1031 Seiten, übersetzt von Richard Zoozmann, Illustrationen von Phiz (Hablot K. Browne), erschienen 1988 im Insel Verlag Frankfurt am Main und Leipzig