Charles Dickens: “Italienische Reise”

von | 10.03.2020 | Buchvorstellung

Autor(en): Dickens, Charles

1842 hatte Charles Dickens Amerika besucht, im Sommer 1844 reiste der viktorianische Schriftsteller mit seiner Familie nach Italien. Er brauchte eine Auszeit, Erholung vom Londoner Trubel und wollte in Ruhe, ohne Druck seiner Verleger, einen Roman schreiben.

Dazu kam es nicht, die literarische Ausbeute des Urlaubs in Italien waren die sozialkritische Weihnachtsgeschichte “The Chimes” (auf Meine Leselampe im Dezember 2019 vorgestellt) und die Beschreibung seiner Eindrücke in “Italienische Reise”.

Es ist kein Reiseführer der üblichen Art, Charles Dickens geht auch hier seinen eigenen Weg. Gleich zu Beginn seiner “Italienischen Reise” schreibt er, dass er weder geschichtlich noch kunsthistorisch belehren möchte und auch nicht die Politik und Religion des Landes kritisch beleuchten wird – nein, er möchte seine eigenen und unmittelbaren Eindrücke und Empfindungen schildern. Und das tut er auf die typisch Dickens’sche Art: phantasievoll, bildhaft, symbolisch.

Erste Station nach der Anreise über Paris, Chalon, Lyon, Avignon und Marseille ist Genua, hier hielten sich der Schriftsteller und seine Familie (die Dickens nur wenig erwähnt) insgesamt am längsten auf.

Die Stadt macht auf Dickens einen malerisch-düsteren und heruntergekommenen Eindruck, er und seine Familie haben in ihrem ersten Domizil gehörig unter Mäusen und Flöhen zu leiden. Trotzdem wächst Dickens die Stadt ans Herz, er lobt die schönen Spazierwege und die Abwechslungen, die Genua dem Reisenden bietet.

Mit Dickens lernen wir Parma, Bologna, Venedig, Verona, Mailand, Rom, Neapel, Pompeji kennen, um nur einige Stationen zu nennen. Wir riechen brackiges Hafenwasser und die modrige Luft alter Gemäuer, sehen Mehltau an Pflanzen, hören Menschen fluchen und lachen, atmen staubige Luft, beobachten gerührt ein einsames Glühwürmchen, so genau und plastisch vermittelt Dickens uns, was er auf seiner “Italienischen Reise” sieht, riecht, hört und dabei empfindet.

Bei historischen Bauwerken oder bei den Kunstwerken großer Meister teilt Dickens nicht das Urteil der Sachverständigen, er lobt nur, was ihm gefällt und in diese Kategorie gehört Michelangelo für den englischen Schriftsteller eindeutig nicht.

So enttäuscht uns der schiefe Turm von Pisa unweigerlich, denn Dickens erscheint er viel kleiner und unbedeutender als in den Schulbuch-Abbildungen.

In Rom erleben wir mit ihm das Karnevalstreiben, sehen den Papst beim Ostersegen und – krasser Gegensatz – wohnen einer Hinrichtung durch die Guillotine bei – Dickens beschreibt das grausige Schauspiel erstaunlich sachlich und ungerührt (und ziemlich detailliert).

Wir besteigen mit ihm und seiner Familie den rauchenden Vesuv und blicken über den vereisten Kraterrand in die glühende Lava – eine nicht ungefährliche Tour, es gab einige Verletzte bei dem Unterfangen.

Venedig erleben wir dank Dickens als einen Traum – allgegenwärtiges glitzerndes Wasser, schwarze Gondeln in dunklen engen Kanälen……..

Italien ist für Charles Dickens ein Land der Gegensätzlichkeiten, am Ende seiner Reisebeschreibung fasst er seine unterschiedlichen Eindrücke treffend zusammen:

“Scheiden wir in Mitleid von Italien wegen all seines Elends und seiner Missstände, scheiden wir in Bewunderung für die überreichen Schönheiten seiner Landschaft und seiner Kunst, scheiden wir in Liebe für sein von Natur aus so liebenswürdiges, geduldiges und gutherziges Volk.”

(Zitat aus “Italienische Reise”, S. 317-318, s.u.)

Meine Leselampe-Fazit:

Es ist nicht nur eine “Italienische Reise”, für uns ist es auch eine Zeitreise in ein Italien, das es heute so nicht mehr gibt. Die lebendigen Eindrücke und Bilder des Charles Dickens vermitteln den Lesern fast das Gefühl, als wären sie mit Doctor Who und der TARDIS unterwegs und mittendrin im Geschehen….

Charles Dickens “Italienische Reise”: bestens geeignet gegen schlechtes Wetter, Stubenhocker-Depressionen und Corona-bedingt geplatzte Urlaubsträume…..!

Charles Dickens, “Italienische Reise”, Reisebericht, 318 Seiten (ohne Nachwort), aus dem Englischen übersetzt von Noa Kiepenheuer und Friedrich Minckwitz, mit einem Nachwort von Werner Hermann, erschienen im Hoffmann und Campe Verlag, kein Datum (ist aus einem Antiquariat, also schon älter).

Das Florenz-Foto stammt von Rolanas Valionis/Pixabay.

Meine Leselampe-Vorschau:

In der nächsten Woche stelle ich Edward Bulwer-Lytton (1803-1873) und seinen Roman: “Vril – oder eine Menschheit der Zukunft” (“The coming race”) vor. Eines der ersten utopischen Werke überhaupt.

Bulwer-Lytton: “Vril oder Eine Menschheit der Zukunft”