Charles Dickens: “Mugby Junction”

von | 24.10.2019 | Buchvorstellung

Autor(en): Dickens, Charles

“Der Eisenbahnknotenpunkt bei Mugby”, so lautet die Weihnachtserzählung von Dickens, die er 1866 in der Zeitschrift “All the Year Round” veröffentlicht hat.

Vorbild für das fiktive Mugby war die Stadt Rugby, die im viktorianischen Zeitalter zu einem Eisenbahnknotenpunkt heranwuchs. (Und ja, die Sportart wurde dort auch erfunden). Es gibt insgesamt acht Kapitel, vorstellen möchte ich die zwei, die von den “Gebrüdern Barbox” berichten.

Gebrüder Barbox – dann war es nur noch einer

…und der heißt Jackson Junior, einer von Charles Dickens verlorenen Helden, ein Mann, der seine Ideale durch die Wechselfälle des Schicksals verloren hat. Nicht mehr jung, aber auch noch nicht zu alt. Er steigt auf der Reise nach nirgendwo spontan in Mugby aus dem Zug.

Gespenstisch die Beschreibung des Bahnhofs in der Nacht bei Regen und Wind: dunkle schemenhafte Gestalten, durchfahrende Züge, das Kreischen von Eisen, das rote Glühen herabfallender Kohle, auf Transportzügen eingepferchtes, gepeinigtes Vieh. Das Leben des Reisenden fährt an ihm als Zug vorbei mit all den verlorenen Möglichkeiten zum Glücklichsein.

Ein Lampenwärter taucht auf, er nimmt sich des Reisenden an und führt ihn in seinen kleinen Verschlag, damit er dort auf Träger warten kann, die ihn und sein Gepäck zu einer Unterkunft bringen. Das Gespräch der beiden Männer dreht sich um Tätigkeiten, die man ausüben muss, obwohl man es gar nicht will. Dann kommen die Träger und bringen den Reisenden und sein Gepäck zu einer  Herberge.

Am frühen Morgen werden wir Zeugen der Selbstgespräche, die Mr. Jackson Junior führt: über sein liebloses Elternhaus, Strenge und Zucht, der Zwang, einen ungeliebten Beruf in der Firma “Gebrüder Barbox” auszuüben, der Verrat der Geliebten und des Jugendfreundes. Nun ist der Mitinhaber der Firma gestorben, Jackson Junior hat alles verkauft und ist ungebunden. Er will ein paar Tage in Mugby bleiben und die Zuglinien zu erkunden.

Auf seinen Spaziergängen entdeckt er ein Häuschen, aus dem viele Kinder kommen. Im Fenster scheint ein Gesicht zu liegen, Hände bewegen sich. Immer wieder läuft Jackson Junior an dem Haus vorbei, bis er sich traut, das Gesicht anzusprechen. So lernt er Phoebe kennen. Sie liegt gelähmt auf einem Sofa, unterrichtet die Kinder Mugby’s, singt und klöppelt. Wie sich herausstellt, ist ihr Vater der Lampenwärter vom Bahnhof. Die Mutter ist tot. Der Vater arbeitet hart und für wenig Geld, trotzdem ist er – wie seine behinderte Tochter – ein froher Mensch.

Jackson Junior fühlt sich bei den beiden wohl, er besucht Phoebe öfter und klagt ihr sein Leid. Er sagt, dass er vor seinem Geburtstag fliehe und bittet Phoebe, ihm bei der Entscheidung zu helfen, welche der insgesamt sieben Bahnlinien er für seine Weiterreise nehmen soll. Um Phoebe eine Freude zu machen, fährt er in die nächstgrößere Stadt und kauft ihr ein handliches Musikinstrument, das sie im Liegen spielen kann.

Gebrüder Barbox und Ko

Jackson Junior, ehemalige Hälfte der “Gebrüder Barbox”, hat sich auf den Weg in die Nachbarstadt gemacht, wo er für Phoebe Tage zuvor ein Instrument gekauft hatte. Sie hatte ihm empfohlen, diese Route für seine Weiterreise zu nehmen. (Charles Dickens nutzt Jacksons Betrachtungen der Menschen der Stadt für ein Loblied auf die Arbeiterklasse und einen kleinen Seitenhieb auf die hochnäsigen Bessergestellten).

Mitten im Gewühl auf den Straßen bittet ein kleines kesses Mädchen Jackson um Hilfe, sie habe sich verlaufen. “Gebrüder Barbox” kümmert sich um die Kleine, bringt sie in sein Hotel, gibt ihr zu essen. Plötzlich taucht die Mutter des Mädchens auf. Sie ist seine ehemalige Geliebte, die ihn mit seinem Jugendfreund betrogen und diesen geheiratet hat. Ihre kleine Tochter Polly hat sie als eine Art “Köder” geschickt, nun bittet sie ihn um Verzeihung für sich und ihren kranken Mann. Sie beide hätten ihr Unrecht von damals eingesehen und seien mit dem Verlust fast all ihrer Kinder dafür gestraft worden. Ihr Mann habe Angst, dass auch die kleine Polly sterben müsse.

Jetzt liegt es an Barbox, das eigene und das Schicksal andere Menschen zu verbessern. Er söhnt sich mit seinem Jugendfreund aus. Als ein verwandelter Mensch kehrt Jackson zurück nach Mugby, um Polly alles zu erzählen, fortan andere Menschen und sich glücklich zu machen und friedlich am Eisenbahnknotenpunkt zu leben.

Ende gut, alles gut

Charles Dickens wusste, welch ein Ende eine Weihnachtserzählung haben muss. In die zwei Kapitel “Gebrüder Barbox” hat er seine sehr gegensätzlichen Stilelemente eingearbeitet.

Eine atmosphärisch-düstere Landschaft, raues Wetters, armselige Gebäude bringen die Kritik an den sozialen Missständen der industriellen Revolution zum Ausdruck und uns zum Gruseln. Der Held der Geschichte hat sich verloren, sich selbst entfremdet durch Trauer, Enttäuschung und verpasste Möglichkeiten. Ihm gegenüber stehen Menschen, die ihre Schicksalsschläge mit einer ruhigen Heiterkeit und inneren Zufriedenheit meistern und als Vorbild dienen.

Tja, und weil Weihnachten ist, löst Dickens die Gegensätze zum Wohle aller Beteiligten auf und beendet seine Erzählung harmonisch mit einem gekonnt dosierten Hauch von Kitsch.

Mein Leselampe-Fazit:

Die Erzählung “Der Eisenbahnknotenpunkt bei Mugby” hat, wie schon erwähnt, acht Kapitel (vier davon aus Dickens Feder). Mein altes und wohl auch nicht so aufwändig verlegtes Buch (war halt günstig), bringt davon nur drei. Das Kapitel “Hauptlinie: Der Junge in Mugby” ist etwas verwirrend, hier wird recht zynisch die offenbar lieblose englische Dienstleistung mit dem hervorragenden französischen Service verglichen. Da ich nicht ganz verstehe, was Dickens damit an Weihnachten erreichen will, lasse ich das Kapitel aus. Geschrieben ist es wunderbar und recht skurril!

Die “Gebrüder Barbox” sind schön zu lesen, überaus stimmungsvoll in dieser Jahreszeit! Ein bisschen Grusel und Schauer, sehr viel Menschlichkeit und Wärme….

Mein Lese-Exemplar:

Charles Dickens, “Weihnachtserzählungen”, daraus “Der Eisenbahnknotenpunkt bei Mugby” mit “Gebrüder Barbox” und “Gebrüder Barbox und Ko”, 55 Seiten, bearbeitet, übersetzt und herausgegeben von D. P. Johnson, (überarbeitete Gesamtausgabe unter Verwendung der Übertragungen von Karl Kolb und Julius Seybt), mit Illustrationen der Erstausgabe, Magnus Verlag Essen (kein Erscheinungsdatum).