Daniel Kehlmann “Die Vermessung der Welt”

von | 19.09.2019 | Buchvorstellung

Autor(en): Kehlmann, Daniel

Die Wissenschaftler und Forscher Carl Friedrich Gauss (1777-1855) und Alexander von Humboldt (1769-1859) waren schon zu Lebzeiten Superstars………

und konnten unterschiedlicher nicht sein. Ihr Denken und Wirken beschreibt Daniel Kehlmann sehr witzig und lebendig in seinem Roman “Die Vermessung der Welt”.

Schon ihre Herkunft trennt die beiden Zeitgenossen, Gauß stammt aus einfachen Verhältnissen, Humboldt aus einem reichen Offiziershaus. Gauß hat früh selbst Familie, Humboldt bleibt allein. Kehlmann schildert Gauß als kränklich, selbstmitleidig, zynisch, ungeduldig und oft schlecht gelaunt, Humboldt als kultiviert, humanistisch, staatsmännisch und von erstaunlicher Konstitution. Der eine vermisst die Welt im Kopf, der andere in der Ferne. Gauß beobachtet die naturwissenschaftlichen Grundsätze der Welt zuhause, er entwickelt daraus mit seinem genialen Verstand mathematische, astronomische und physikalische Regeln.

Gauss in der Stube, Humboldt in der Wildnis

Es scheint in Kehlmanns Roman, als flösse die Erkenntnis der Gesetzmäßigkeiten quasi in Gauß hinein, ihm reichen Papier, Schreibtisch und der Blick in den Himmel. Und damit macht er in Braunschweig und Hannover Karriere. Humboldt dagegen sieht die Natur als Großes und Ganzes, als Schöpfung, die man entdecken muss. Er geht in die Welt hinaus, um die Natur zu fühlen, zu riechen und zu sehen, zu vermessen und zu beschreiben. Mit dem Franzosen Aimé Bonplant bereist er Süd- und Mittelamerika, besteigt den Chimborazo, leidet unter Höhenkrankheit und Moskitos, sammelt Pflanzen und Tiere, findet die Verbindung zwischen Amazonas und Orinoco.

Choreografisch anmutende Kapitelführung

Den Aufbau dieser so verschiedenen Lebensläufe konzipiert Kehlmann in seinem Roman “Die Vermessung der Welt” sehr kunstvoll. Am Anfang reist Gauß mit seinem Sohn Eugen zum Deutschen Naturforscherkongress in Berlin und wird dort von Humboldt empfangen. Von da an schildert Kehlmann in getrennten, abwechselnden Kapiteln Jugend, Entwicklung und Erlebnisse der beiden Wissenschaftler und zeigt dabei ihre Unterschiede in Lebensführung und Forschungsansatz auf. Im letzten Drittel des Buches führt er die Leser zum Naturforscherkongreß nach Berlin zurück und vereint Gauß und Humboldt in erdachten Gesprächen und Erlebnissen: sie spüren die Last des Alterns, die Flüchtigkeit mancher Erkenntnisse ihrer Zeit und die Bedeutung des Erdmagnetismus. Dann entlässt Kehlmann die beiden wieder in ihre eigenen Kapitel. Gauß wendet sich daheim dem Magnetismus, der Experimentalphysik zu, Humboldt bricht auf nach Russland zu neuen Vermessungen. Sie bleiben diesmal gedanklich verbunden. Im letzten Kapitel dreht sich alles um Eugen Gauß und seinen Weg in die neue Welt, in der Humboldt ja schon war: Amerika.

Meine Leselampe-Fazit:

Manche der Fakten des Buches sind geschichtlich belegt, viele aber auch vom Autor frei erfunden – vermutlich würde das Buch sonst nicht so viel Spaß machen. Kehlmanns Erzähl-Stil ist erfrischend knapp und ohne Schnörkel. Er schreibt “Die Vermessung der Welt” in kurzen Sätzen (auch seine langen Sätze sind meist eine Aneinanderreihung kurzer Sätze), auf diese Weise entsteht ein atemberaubendes Lese-Tempo, das Spannung erzeugt: man möchte und muss weiter und weiter und weiter lesen. Ein wissenschaftlicher historischer Roman, niemals trocken, sehr philosophisch, oft witzig, weltweit gelesen, in mehr als 40 Sprachen übersetzt, mit vielen Preisen bedacht, nicht nur in Humboldts 250. Geburtsjahr eine Lese-Freude!!!!!

Mein Lese-Exemplar:

Daniel Kehlmann, “Die Vermessung der Welt”, Roman, 301 Seiten, erschienen 2008 im Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg, 46. Auflage 2018.