Inhalt
Albert Nobbs –
wurde geboren als Frau,
hat gelebt als Mann,
fühlte sich als ein „Dazwischen“.
Und Letzteres ist für mich die wahre Tragödie der/des Albert Nobbs.
Albert Nobbs – Zum Inhalt
Albert Nobbs – er gilt als der fleißigste und zuverlässigste Etagenkellner in Morrison’s Hotel in Dublin. Albert Nobbs – er ist eine Frau, die einst in die Rolle eines Mannes schlüpfte, um mehr Geld verdienen zu können. Eine Frau, die zu einem Mann wurde, zu Albert Nobbs, und dadurch zu jenem «Dazwischen»:
«Ihre Kleidung erstickte die Frau in ihr, sie dachte und fühlte nicht mehr so wie früher, als sie noch Unterröcke trug, und weder dachte noch fühlte sie wie ein Mann, auch wenn sie Hosen anhatte. Was also war sie? Ein Nichts, weder Mann noch Frau.»
aus: Moore, George, Albert Nobbs, Bielefeld 2026, S. 41.

Um das Elend ihrer Jugend hinter sich zu lassen und sich den Traum von einem eigenen Tabakwarenladen (mit Zuckerwarenverkauf!) ermöglichen zu können, spart Albert eisern, gönnt sich nichts, legt Gehalt und Trinkgeld zurück und nimmt das Dasein als «Dazwischen» in Kauf für das große Ziel.
So geht es Tag für Tag und Jahr um Jahr – bis eines Tages der umherziehende Maler Hubert Page eine Übernachtungsmöglichkeit benötigt und die Hotelchefin ihm einen Platz in Alberts Bettstatt anbietet. Albert kann das nicht verhindern ohne sich den Zorn ihrer Chefin zuzuziehen, denn Page erledigt turnusmäßig Anstricharbeiten für das Hotel und ist dort wohl gelitten.
Die gemeinsame Nacht hätte glimpflich verlaufen können, denn Page fällt müde ins Bett und schläft sogleich ein. Jedoch ein von ihm mitgebrachter Floh wechselt über zu Albert, bringt beißend Unruhe in deren Nachtruhe und weckt auch Page auf, der einen Blick auf Alberts zum Teil enthüllten Körper und deren wahres Geschlecht erhascht.
Glück im Unglück: auch Hubert Page gibt sich als Frau zu erkennen, die wie Albert aus wirtschaftlichen Zwängen ihren Mann steht. Mit einem Unterschied: Hubert ist mit einer Frau, die ihr Geheimnis kennt, glücklich verheiratet und kann zwischen ihren Touren in ein liebevolles Heim zurückkehren.
Statt Einsamkeit Zweisamkeit! Das ersehnt sich Albert von nun an auch und richtet in ihrer Phantasie von den ersparten und künftigen Trinkgeldern den nun gemeinsamen Tabakwarenladen ein, die gemütliche Stube dahinter mit einem Sofa vor dem Kamin oder einem Ofen mit zwei Sesseln rechts und links für Abende in trauter Zweisamkeit, einer Uhr auf einem Sims, bunten Vorhängen und Tapeten…
« …und plötzlich wurde Albert gewahr, dass eine Veränderung in ihrem Leben eingetreten war. Der äußere Anschein war geblieben, nach wie vor trug sie Tabletts treppauf und treppab […], doch dahinter spross neues Leben, mit dem äußeren nur insoweit verbunden, als dieses sich unterordnen musste.»
aus: Moore, George, Albert Nobbs, Bielefeld 2026, S.45.
Albert beginnt, die Stubenmädchen im Hotel zu beobachten und überlegt, welche für ihre Pläne geeignet sein könnte. Ausgerechnet auf Helen Dawes fällt ihre Wahl, ein dickliches, hasenzähniges Küchenmädchen, in deren Augen manchmal «Rachgier» aufblitzt. Jemand wie sie wäre resolut genug, um den Laden allein zu führen, sollte Albert ihre Arbeit als Etagenkellner vorerst behalten wollen!
Obwohl Helen mit dem Küchenjungen Joe verbandelt ist, lässt sie sich von Albert ausführen, denn wie jede und jeder im Hotel weiß sie, dass «der Hagestolz» viel Geld gespart haben muss – wo er bisher doch so gegeizt hat! Drei Monate folgen, in denen Helen ihrem Albert erfolgreich Geschenke für sich und für den Habenichts von Küchenjungen abverlangt.
Ganz wohl fühlt Albert sich nicht in ihrer Haut. Von ihren Plänen für ein eigenes Geschäft hat sie Helen erzählt, doch wie soll sie ihr sagen, dass sie eine Frau ist? Wenn sie um ihre Hand bittet, müsste sie das doch. Wie hat Hubert Page das damals bei ihrer Frau gemacht? Zu dumm, dass die Malerin an jenem Morgen bereits abgereist war, während Albert noch schlief und daher nicht danach fragen konnte.
Auch die berechnende Helen ist nicht sicher, wie sie sich verhalten soll:
«Entweder Alberts Antrag abzulehnen oder mit Joe zu brechen, sie musste sich für eins von beiden entscheiden, aber der Verlust des andern würde als Enttäuschung zurückbleiben.»
aus: Moore, George, Albert Nobbs, Bielefeld 2026, S. 66.
Albert und Helen – werden die beiden ein Paar? Findet Albert ihr Glück, sei es als Mann, sei es als Frau? Das wird sich euch erst enthüllen, wenn die Novelle «Albert Nobbs» im September erscheint und ihr das Buch lesen könnt…
Albert Nobbs – Über den Autor
George Augustus Moore, geboren am 24. Februar 1852 auf dem Familienbesitz Moore Hall in Irland, gestorben am 21. Januar 1933 in London, führte seine lesenden Zeitgenossen sozusagen aus der viktorianischen Ära in die Moderne. Er machte sie bekannt – besser gesagt: konfrontierte sie – mit den Strömungen des Naturalismus, Realismus und des Symbolismus und in der bildenden Kunst mit dem Impressionismus. Musikalisch war Moore ein Verehrer Wagners.
Ursprünglich wollte Moore Maler werden und da er finanziell nach dem Tod des Vaters als Erbe des Familiensitzes gut gestellt war, studierte er ab 1873 in Paris Kunst, jedoch mit mäßigem Erfolg. Doch immerhin lernte er die großen Maler dieser Zeit kennen: Monet, Manet, Renoir, Degas – um nur einige wenige zu nennen. Die eigentliche Begabung Moores lag in der Schriftstellerei und er holte sich in seiner Pariser Zeit Anregungen unter anderem von Zola und Balzac.
Es ist erstaunlich, dass Moore heutzutage nur noch wenig bekannt ist, bedenkt man sein umfangreiches Werk: über 60 Werke – Romane, Autobiographien, Essays, Kurzgeschichten, Gedichte und Theaterstücke – veröffentlichte Moore. Ab den 1880er Jahren zählte er in Irland und England zu den bedeutendsten Literaten [1], auch wenn er die sittsame Gesellschaft zunächst mit der Absage an die viktorianische Vormachtstellung des Mannes und mit der Thematisierung von gleichgeschlechtlichen sowie außerehelichen Beziehungen, Prostitution und sogar Inzest schockiert hatte. Ich stelle mir das so vor: seine Leser und Leserinnen wurden sozusagen erwachsen oder erwachten und fanden allmählich Geschmack an Moores realistischer und schonungsloser Darstellung.
Geheiratet hat Moore nie, er pflegte mit Frauen eher platonische Beziehungen, verkehrte oft sogar nur schriftlich mit ihnen. Er starb als sehr reicher Mann, jedoch vereinsamt – lag es an dem, was einer seiner Bekannten über ihn gesagt haben soll: «Es war unmöglich, ein Freund von ihm zu sein, weil er nicht dankbar war.» [2]
Wir werden es nicht mehr erfahren. Jedoch können wir sein Werk kennenlernen – vielleicht beginnen wir mit der Novelle «Albert Nobbs», die der Pendragon Verlag in einer sehr schön gestalteten Hardcover-Ausgabe jetzt im September auf den Markt bringen wird. Moores Text wurde sorgfältig bearbeitet: lektoriert von Lea Dunkel, übersetzt von Stefan Weidle, der außerdem ein informatives Nachwort beigesteuert hat. Ach, wie schön, wenn kluge und einfühlsame Menschen am Werk waren und keine KI!
Albert Nobbs – Mein Fazit
Der Stoff war mir bekannt dank der beeindruckenden Verfilmung aus dem Jahr 2010, in dem eine großartige Glenn Close den/die Albert Nobbs gab. Jetzt durfte ich das Buch vor der Neuveröffentlichung lesen, da mir der Pendragon Verlag [3] ein Rezensionsexemplar zugeschickt hat. Herzlichen Dank an dieser Stelle dafür!!!
Die Geschichte der/des Albert Nobbs ist zweifelsohne traurig oder gar tragisch. Sie wird jedoch von George Moore – zwar durch die Augen eines Malers – dennoch auf eine sachliche Art geschildert, so dass ich innerlich nicht mitleiden musste wie bei manchen Werken des großen und genialen, dabei oft recht pathetisch-rührseligen Charles Dickens [4]. Ich fühlte mich eher wie eine zwar sehr gebannte, dennoch seelisch distanzierte Zuschauerin.
Erstaunt hat es mich, dass wir den Vornamen, den Albert als Mädchen hatte, vom Autor nicht erfahren. Wir kennen Albert nur als Albert, einen wenig schönen, dafür zielstrebigen Menschen.
Als Mann verkleidet heraus aus dem Elend – die einzige Möglichkeit, um während des viktorianischen Patriarchats einen angemessenen Lebensunterhalt auf anständige Weise zu verdienen.

Liebe in ihrem wahren Sinn kennt Albert nicht, kann sie nicht empfinden. Das merke ich daran, dass sie, nachdem erste zarte Neigungen vom Schicksal im Keim erstickt wurden, bei der Suche nach einer Partnerin eher praktische Maßstäbe anlegt. Ihre Wünsche und Träume zielen auf Unabhängigkeit und ein wenig menschliche Nähe in Form einer Verbündeten (Sex spielt dabei übrigens keine Rolle) und darauf, nicht länger ein «Dazwischen» zu sein. Ob Moore ihr dieses kleine Glück erfüllt, lasse ich offen.
Verwirrt hatten mich zunächst der Beginn und das Ende der Novelle. Ein Mann, der als «Euer Ehren» tituliert wird, erzählt einem gewissen «Alec» von Albert, den er als Kind in den 1860er Jahren in Morrison’s Hotel kennengelernt haben will (und der ihn geängstigt hat). Sollte es euch beim Lesen im September wie mir ergehen, blättert einfach zum Nachwort von Stefan Weidle, er erklärt die Zusammenhänge.
«Albert Nobbs» ist ein wunderbares Buch von einem wunderbaren Schriftsteller in wunderbarer Aufmachung (den Einband ziert ein Gemäldeausschnitt von Éduard Manet, den Moore kannte), das ich Euch ans Herz legen möchte. Dreimal wunderbar – mehr geht nicht!
Albert Nobbs – Quellen und Weblinks
[1] Über George Moore: https://victorianweb.org/authors/mooreg/bio.html, eine biografische Skizze von Dr. Andrzej Diniejko (Universität Warschau), 05.07.2012.
[2] Über Moore als Freund: Wikipedia/George Moore, 12.01.2026.
[3] Hier geht es zum Pendragon Verlag: https://www.pendragon.de.
[4] Ein Beispiel für die herzerwärmende (zumindest mein Herz erwärmende) Rührseligkeit des Charles Dickens findet ihr neben vielen anderen Dickens-Titeln auf Meine Leselampe: https://www.meineleselampe.de/buchtitel/dombey-und-sohn/.
Albert Nobbs – Mein Lese-Exemplar

Moore, George, «Albert Nobbs», Novelle, Hardcover, 107 Seiten (mit Nachwort), Bielefeld, erscheint am 07.09. 2026.
Albert Nobbs – Bezugsquellen
Ihr könnt das Buch unter anderem bei www.beck-shop.de oder www.lehmanns.de sowie bei einigen anderen Fachadressen bereits vorbestellen.
Die geniale Verfilmung von 2010 mit Glenn Close in der Rolle der/des Albert findet Ihr als DVD oder Blue-Ray unter anderem bei Amazon – zum Verkürzen der Wartezeit:
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