Noble Literatur – was bitte ist das?
Inhalt
Noble Literatur – Vorwort
»Noble Literatur – Ein Lese-Parcours durch 125 Jahre Literaturnobelpreis« lautet der vollständige Titel des »gefährlichen« Buchs der österreichischen Schriftstellerin Christine Piswanger-Richter. Es ist sogar »äußerst gefährlich«, denn im Anschluss möchte man so viele der vorgestellten Werke lesen (eigentlich alle), dass keine Zeit für andere Dinge bleiben würde. Ich weiß, wovon ich spreche, denn ich durfte schon vorab in «Noble Literatur» schmökern und war begeistert.
Zudem ist der »Lese-Parcours durch 125 Jahre Literaturnobelpreis» keineswegs ein trockenes Sachbuch mit chronologisch aneinandergereihten Fakten und Daten, das mich als Leserin auf Distanz hält wie es manchmal bei Fachliteratur der Fall ist.
Nein, bei »Noble Literatur« ist alles miteinander verwoben, die Schriftsteller und ihre Werke sind nach verschiedenen Kriterien in Kapitel eingeteilt und so kann ich mich mit der Autorin auf eine persönliche, höchst lebendige und oft auch amüsante Lesereise gegeben und werde in das Buch der vielen Bücher »hineingezogen«.
Um Euch das noble Buch ein wenig vorzustellen, habe ich mich einfach an Christine Piswanger-Richter gehalten und sie dazu befragt.
Noble Literatur – Das Interview
MeineLeselampe: Christine, seit 125 Jahren werden Literaturnobelpreise verliehen, hast Du für Dein Buch tatsächlich alle Autorinnen und Autoren gelesen, die diese Ehrung erhielten?
Christine Piswanger-Richter: Ja, ich hab nichts ausgelassen. Obwohl ich zugebe, manche Bücher hätte ich nicht ausgelesen, wenn ich mir nicht dieses Projekt vorgenommen hätte. Die Vorgabe, die ich mir selbst verordnet hatte, lautete: „Von jedem Laureaten ein Buch, wenn ich mit dem gar nichts anfangen kann, ein zweites.“ Es waren auch Autorinnen und Autoren darunter, die mich gar nicht mehr losließen, und von denen habe ich noch viele weitere Bücher gelesen. Aber in meinem Buch wurde dann zumeist nur eines ausführlich besprochen. Es sollte ja überschaubar bleiben.

Die Werke der Nobelpreisträger – überschaubar im heimischen Regal angeordnet!
(Foto links: © Karl Piswanger)
MeineLeselampe: Wann hast Du mit der Lese- und Schreib-Arbeit begonnen und was brachte Dich auf die Idee, ein solches Mammutprojekt in Angriff zu nehmen?
Christine Piswanger-Richter: Schuld ist José Saramago! Sein Roman „Stadt der Blinden“ hat mich so begeistert, dass ich unbedingt noch mehr von ihm lesen wollte. Erst nach der Lektüre bemerkte ich, dass er 1998 den Literaturnobelpreis erhielt. Meine „Lieschen Müller-Theorie“: Wenn mir der eine so taugt, vielleicht auch die anderen? So habe ich einmal die häusliche Bibliothek nach Nobelpreis-geehrter Lektüre durchforstet, und immer im Oktober, wenn der Literaturnobelpreis vergeben wird, habe ich mir die passende Lektüre besorgt. Im Herbst 2012 beschloss ich dann: Jetzt les‘ ich sie alle.
MeineLeselampe: Wie bist Du all an die Werke gekommen? Ich könnte mir vorstellen, dass einige Bücher längst vergriffen sind.
Christine Piswanger-Richter: Der Anfang war leicht. Nach dem ich meinem Mann mein Vorhaben verraten hatte, schenkte er mir die 20bändige Sammlung des Axel Springer Verlages von 2011. Die enthält viele Standardwerke, die man auch ohne konkretes Interesse am Literaturnobelpreis lesen kann. Viele Bücher, die nicht mehr aufgelegt werden, konnte ich antiquarisch erstehen. Das war zeitaufwendig, so lange ich das noch persönlich in den diversen Antiquariaten Wiens machte. Manche gaben mir auf meine Frage nach Nobelpreis-gewürdigten Autoren die simple Antwort mit großer Geste auf ihr ebenso großes Buchlager: „Schau’n’s halt, was‘ finden.“
Als ich dann Plattformen entdeckt hatte, die antiquarische Bücher vertreiben, wurde es einfacher.
Manche Bücher hab ich als erste aufgeschlagen, obwohl sie rund ein Jahrhundert alt waren und vielleicht schon in vielen Bücherschränken gestanden hatten, waren manche Seiten noch nicht voneinander getrennt. Das hat mich sehr gerührt: Einen Nobelpreis zu bekommen, heißt nicht automatisch, dass auch die Werke gelesen werden.
MeineLeselampe: Warum schreibst Du im Untertitel »Lese-Parcours«? Parcours bezeichnet ja eine Strecke mit Hindernissen, gab es für Dich »Lese-Hindernisse«?
Christine Piswanger-Richter: Manche Hindernisse hab ich mit Leichtigkeit und großer Freude übersprungen, aber ja, da gab es schon auch einige, die mir schwer zu schaffen machten. Ich hab keinen starken Draht zu Lyrik, wenn ich da seitenlange Epen lesen musste, kostete mich das schon Überwindung. Oder meine erste Lektüre von Jean-Paul Sartre: Ich fand einen Essay-Band in unsere Bibliothek. Ein dünnes Bändchen, aber kleinst und engst bedruckt. Ich hab es gelesen und nichts verstanden. Da wurde mir klar, dass ich gewissermaßen Tango tanzen wollte, bevor ich gehen gelernt habe. Also habe ich zunächst – die nicht nobelpreisgewürdigte Autorin – Sarah Bakewell zu Rate gezogen und „Das Café der Existenzialisten“ gelesen, und danach war die Lektüre von Sartres „Der Ekel“ erhellend.
Generell möchte ich mit meinem Buch zum Lesen animieren. Ich war als Kind schwere Legasthenikerin und hatte große Mühe Lesen und Schreiben zu erlernen. Aber es war immer klar, dass Lesen neue Welten eröffnet, und die wollte ich unbedingt erobern. Diese Lesebegeisterung und den Wunsch, sowohl Neues als auch Vergessenes zu entdecken, möchte ich weitervermitteln.
Die angenehme Seite der Arbeit: Lesen unter der Sonne Portugals…
(Foto rechts: © Karl Piswanger)


Der anstrengende Teil: Recherche am heimatlichen Computer…
(Foto links: © Karl Piswanger)
MeineLeselampe: Du widmest Dich eingangs dem Stifter des Literaturnobelpreises Alfred Bernhard Nobel (1833-1896), der Dir nicht recht zusagt, so kam es mir jedenfalls vor. Wenn es so ist – was missfiel Dir an dem Mann?
Christine Piswanger-Richter: Kommt das so an? Interessant! Mir wurde in der Schule seinerzeit vermittelt, dass dieser Alfred Nobel einfach ein toller Typ war: Erfinder, Selfmade-Millionär und dann auch noch Stifter des renommiertesten und am besten dotierten Preises für Literatur – nebst den weiteren bekannten Kategorien. Erst bei der Lektüre seiner Biografie entdeckte ich auch einige weniger schöne Seiten an seinem Charakter und Handeln. Er ist für mich dadurch aber auch menschlicher geworden.
MeineLeselampe: Und ich habe gelesen, dass Du (genau wie ich und sicher viele andere) nicht immer mit den Entscheidungen des Nobelpreiskomitees einverstanden bist. Ich nenne als Beispiel Paul Heyse (1830-1914), aus dessen belletristischem Roman »Beatrice« Du unter anderem diese wenig hehren Worte zitierst: »… ich weiß nur, daß du bei mir bist und ich bei dir, und daß ich nun nie mehr unglücklich werden kann.« (Christine Piswanger-Richter, Noble Literatur – Ein Lese-Parcours durch 125 Jahre Literaturnobelpreis, Großebersdorf (Österreich) 2026, S. 203.)
Christine Piswanger-Richter: Ja, ich habe mir erlaubt, ein ganzes Kapitel den „Geschmacksfragen und (für mich) unverständlichen Entscheidungen“ zu widmen. Es zeigt, dass sich der Literaturbegriff in den vergangenen 125 Jahren gewandelt hat und dass das Nobel-Komitee sehr unterschiedliche Zeichen setzt und setzte, wie es mit Politik und Gesellschaft umgeht.
Und Geschmack und Vorlieben sind nun mal verschieden. Ein Buch wird nicht schlechter, nur weil es mir nicht gefällt. Jeder ist eingeladen, sich selbst eine Meinung zu bilden.
MeineLeselampe: Ganz anders sieht es bei Autorinnen und Autoren wie Rudyard Kipling (der als erster englischer Schriftsteller den Literaturnobelpreis 1903 erhielt), Sigrid Undset, Thomas Mann, Pablo Neruda, Heinrich Böll, Elias Canetti (und so vielen mehr) aus, bei ihnen kann man nachvollziehen, warum oder wofür sie geehrt wurden. Hast Du einen besonderen Favoriten?
Christine Piswanger-Richter: Ja. Der Auslöser dieses Lese- und Schreibprojektes José Saramago ist noch immer einer meiner bevorzugten Autoren. Mittlerweile habe ich nahezu sein gesamtes Œuvre gelesen. Aber auch Nagib Mahfuz war für mich eine sehr bereichernde Entdeckung oder Orhan Pamuk. Und da ich meistens nicht sehr für Lyrik zu begeistern bin, möchte ich Wislawa Szymborska nennen, die mir zeigte, dass auch mich Lyrik ansprechen kann.
Noble Literatur – Ein fast viktorianischer »Schlenker«
MeineLeselampe: Mein Favorit ist John Galsworthy (1867-1933, vom Geburtsjahr her also ein waschechter Viktorianer!), der den Literaturnobelpreis 1932 erhielt für »die vornehme Schilderungskunst, die in The Forsyte-Saga ihren höchsten Ausdruck findet«. (Christine Piswanger-Richter, Noble Literatur – Ein Lese-Parcours durch 125 Jahre Literaturnobelpreis, Großebersdorf (Österreich) 2026, S. 99.)
Galsworthy schildert das Leben und Streben einer englischen Familie reinsten Blutes, reich, vornehm, von sich eingenommen (»britische Schnösel«, wie Du sie charmant-treffend titulierst) und absolut überzeugt, dass keiner vom Stamme Forsyte sterben muss. Eine verblüffende Einbildung…
Übrigens: Nach der Lektüre Deines Buches »Noble Literatur – Ein Lese-Parcours durch 125 Jahre Literaturnobelpreis« habe ich mir »Die Forsyte-Saga« aus den Tiefen des Bücherschranks hervorgeholt (die Ausgabe meiner Eltern von 1961), um sie nach über 30 Jahren wieder zu lesen. Das Vorwort, das John Galsworthy einst für seine dreibändige Saga verfasst hatte, ist in dieser Ausgabe abgedruckt und folgenden Satz möchte ich zitieren: »Die menschliche Natur ist und wird unter den wechselnden Forderungen und Kleidern immer viel von einem Forsyte haben und könnte schließlich ein noch viel schlimmeres Geschöpf sein.«(Galsworthy, John, Die Forsyte-Saga, 1961, Bertelsmann Lesering).
So nimmt es nicht wunder, dass die Forsytes, deren Familienschicksal Galsworthy mit der Glanzzeit und dem Verfall des Viktorianischen Zeitalters verknüpft hat, nach wie vor groß im Rennen sind: 2025 wurde der Stoff bereits zum dritten Mal filmisch umgesetzt mit der Serie »Die Forsytes – Familie verpflichtet« (leider weicht man in einigen Punkten ohne Not von der Vorlage ab). Die erste Serie erschien 1967 und war noch in Schwarz-Weiß gedreht. 1973 wurde sie zum ersten Mal bei uns in deutscher Übersetzung ausgestrahlt und meine Eltern erlaubten mir, sie zu sehen. Kennst Du die Serie auch noch aus Deinen Kinder-Jugend-Tagen?
Noble Literatur – Zurück zum Interview
Christine Piswanger-Richter: Ich dachte zunächst: „ja“, doch dann fiel mir auf, dass ich es mit „Das Haus am Eaton Place“ verwechselt habe. Ich hoffe, MeineLeselampe löscht mir jetzt nicht das Licht aus!
MeineLeselampe: Nein, Dein Licht brennt weiter! «Das Haus am Eaton Place» habe ich natürlich auch mit Begeisterung geschaut! Weg vom Fernsehen – zurück zu Dir. Du hast schon viel geschrieben: zahlreiche kulturgeschichtliche Beiträge für den (ebenfalls) österreichischen Leiermann-Verlag sowie eine (Auto-)Biographie des 2023 verstorbenen Dirigenten Caspar Richter -> https://www.meineleselampe.de/buchtitel/caspar-richter-dirigent-der-vielfalt-werbung/.
Christine Piswanger-Richter: Ja, die Caspar Richter-Biographie ist mir „passiert“. Dieses Buch startete als Auftragswerk von Caspar Richter, doch als wir rund vier Fünftel seines Künstlerlebens gemeinsam durchgesprochen hatten und ich den Großteil davon zu Papier gebracht hatte, verstarb er plötzlich. Mit Hilfe zahlreicher künstlerischer Weggefährten konnte ich das Buch dann abschließen und – seinem Wunsch gemäß – anlässlich seines 80. Geburtstages postum veröffentlichen.
MeineLeselampe: Christine, wann erscheint Dein Buch »Noble Literatur – Ein Lese-Parcours durch 125 Jahre Literaturnobelpreis« und wo kann man es bestellen?
Christine Piswanger-Richter: Die Printversionen in Hard- und Softcover kann man bereits bestellen: Noble Literatur von Christine Piswanger-Richter | Buchschmiede.
Die E-Book-Version folgt.
(Foto rechts: © Karl Piswanger)

Und dann sind natürlich auch wieder Lesungen geplant.

Infos dazu gibt es dann auf meiner Homepage https://www.pr-pr.at
(Foto links: © Karl Piswanger)
MeineLeselampe: Christine, ich danke Dir, dass Du Dir die Zeit genommen hast! Ich hoffe, durch unser Interview lernen viele Dein fantastisches Buch kennen!
Noble Literatur – Mein Fazit
Es ist ein rundum wunderbares Buch, das Lust auf Literatur macht und zudem jede Menge Wissen nicht nur rund um den Literaturnobelpreis vermittelt. Ich würde es auf jeden Fall mir schenken (wenn ich nicht schon hätte lesen dürfen) und ich werde es anderen schenken – Weihnachten kommt schneller als man denkt!!
(Foto rechts: Ch. Piswanger-Richter/Liliya Butenko, gilt auch für das Beitragsbild)

Also, hier noch einmal der Titel für die Bücher-Merkliste:
Christine Piswanger-Richter, Noble Literatur – Ein Lese-Parcours durch 125 Jahre Literaturnobelpreis, Großebersdorf (Österreich) 2026, 399 Seiten (ohne Lebensläufe und ohne eine gewisse heitere Bitte sowie ohne die Ankündigung eines optimistischen Zukunftsprojektes gerechnet), Großebersdorf (Österreich) 2026.
Zum guten Schluss möchte ich die helfenden Hände erwähnen, die mitgewirkt haben, dieses großartige Buch großartig zu gestalten: Das Titelbild stammt von Liliya Butenko (https://www.facebook.com/liliya.butenko.7), das Lektorat und Korrektorat besorgte Andrea Strobl (https://www.dielektorin.com/), die technische Umsetzung Eva Denk (https://www.outlinegrafik.at). Ihre Lebensläufe und Christines Vita findet Ihr in »Noble Literatur – Ein Lese-Parcours durch 125 Jahre Literaturnobelpreis«. Und last but not least: Druck und Vertrieb übernahm die Buchschmiede von Dataform Media Gmbh (www.buchschmiede.at).
Noble Literatur – Kleiner Nachschlag
Und den Fans des viktorianischen Zeitalters möchte ich ein Werk eines der noblen Laureaten empfehlen:
Galsworthy, John, Die Forsyte Saga, Romantrilogie, übersetzt von Luise Wolf und Leon Schalit, erschienen 1961 im Bertelsmann Lesering.
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