»Sternhageljung« – der mutige und schonungslos offene Roman des österreichischen Autors David Maislinger geht mir nicht mehr aus dem Sinn, seit ich das Rezensionsexemplar gelesen habe…

Was macht das mit einem jungen Menschen, was löst das in seiner Psyche aus, nicht gesehen, nicht gehört zu werden? Passt er sich an, um dazuzugehören? Wird er depressiv? Aggressiv? Oder kehren Betroffene sich von der Realität ab und fliehen in eine Scheinwelt? Oder Schlimmeres?
(Bild links: eigenes Foto)
Inhalt
»Sternhageljung« – ein Zitat zum Auftakt
»Du, mein lieber David, hast keinen Zugang zu Deinem Inneren Selbst. Du hast Dich irgendwo in Deinem Verstand verrannt und findest den Ausgang nicht mehr.«
aus: Maislinger, David, »Sternhageljung«, Großebersdorf (Österreich), 2026, S. 11.
Die »Wilde Henne«, Psychologielehrerin einer Salzburger Maturaklasse (Abitursklasse), scheint wilder denn je. Sie stellt David bloß mit ihren Abwandlungen der Freudschen Theorie vom Es, Ich und Über-Ich [1]. Vor den Mitschülern zerlegt sie David in vier Teilpersönlichkeiten: David verstecke sein Ego, lebe seine Gefühle nicht aus – die »Wilde Henne« befürchtet, dass David dadurch in sich einen bösen Schatten nährt, der sich irgendwann verselbstständigen könnte. Davedave nennt die Dame diesen Schatten. Und neben David und Davedave macht sie noch einen Davidl und einen El Davido aus…
Leider sollen die Sätze dieser (in meinen Augen unverantwortlich agierenden) »Pädagogin« die nächsten Jahre Davids Leben beeinflussen und ihn weiter in Richtung Abgrund lenken. Denn Davids Seele ist bereits tief verletzt. Weil er klüger war als sie, wurde er von Mitschülern gemobbt. Von seinem Freund und WG-Kollegen Marcel sowie der gemeinsamen Bekannten Isa fühlt er sich lediglich geduldet und das Verhältnis zu seiner Mutter ist von der Angst belastet, sie zu enttäuschen, nicht der brave Junge zu sein. Obwohl ja auch sie ihn nicht sieht, nicht wahrnimmt. Wie all die anderen eben.
»Sternhageljung« – wie es weitergeht
Als David sein Matura-Zeugnis endlich in Händen hält, hofft er, beflügelt von einem Joint, auf einen Neustart: Freigeist will er sein, ein Künstler, der etwas bewirkt und nicht ein Hamster im Laufrad der bürgerlichen Alltäglichkeit. Doch der Optimismus und der Überschwang kommen vom THC, nicht aus Davids Seele.
Alkohol und Drogen erhöhen sein Selbstwertgefühl, machen ihn mutig – er wird zum »König der Nacht«. Dann muss er sich nicht mehr spüren, seine Wertlosigkeit nicht ertragen. Auch das Bild von sich selbst als Künstler fungiert letztendlich als Schutz.
Alkohol und Drogen – immer mehr und immer mehr – rufen die Geister des Wahns herbei, die David in den nächsten Jahren verfolgen werden.
(Bild rechts: eigenes Foto)

Zugedröhnt spürt und sieht David eines Abends auf der Toilette eines Szene-Clubs einen Schatten – seinen Schatten Davedave, riesig und abstoßend. Der von nun an das Regiment über Davids Wahrnehmung und Handeln übernimmt. David wird zur Marionette seines Schatten-Ichs. Doch nicht nur Davedave wütet in ihm …

… ein Dämon erscheint und folgt David, ergreift Besitz von ihm und von Bekannten, die mit ihm feiern. David sieht es ganz genau: das Böse, das in ihren Augen aufblitzt! Sich in ihren Körpern zeigt!
(Bild links: eigenes Foto)
Wem kann er vertrauen? Wer ist Freund, wer ist Feind? Viele wenden sich von ihm ab, denn David, angetrieben von seinen Dämonen, verhält sich immer absonderlicher.
Bei der Mutter, ihrem Tee mit Birnenschnitzen und ihren dauernden Ermahnungen, er solle sich eine Arbeit suchen, findet David auch keinen Halt. Im Gegenteil, er macht sie verantwortlich für sein Scheitern:
»Du hast mich fallen gelassen. […] Ich habe dir gesagt, dass ich Künstler werden will, und du hast dich von mir abgewandt. Du hast dich nicht hinter mich gestellt. Du hast mir deine mütterliche Liebe verwehrt.«
aus: Maislinger, David, »Sternhageljung«, Großebersdorf (Österreich), 2026, S. 180-181.
Der Zwerg Salemthume versucht, David zu helfen. Eine rettende Traumgestalt?
Schulden, Leben auf der Straße, Aufenthalt in der Psychatrie, eine niederschmetternde Diagnose, zurück in den »goldenen Käfig« bei der Mutter. Kurzfristige Linderung erfährt Davids Seele bei Spaziergängen durch die Wälder und während er bei seinem ehemaligen Zeichenlehrer lernt, sein Inneres in Bildern auszudrücken.
Doch auch das ist nicht von Dauer, David greift immer wieder zur Flasche. Und sein Schatten und der Dämon lassen nicht ab von ihm. Hat David überhaupt eine Chance, sich aus diesem Albtraum zu befreien? Einfache Antwort: Nur wer »Sternhageljung« liest, wird es erfahren…
Wissenswertes über die Story und ihren Autor [2] gibt es schon jetzt, denn
David Maislinger hat einige meiner Fragen beantwortet.
(Bild rechts: zur Verfügung gestellt von David Maislinger)

»Sternhageljung« – das Interview
Meine Leselampe: Wieviel von David Maislinger steckt in der Figur des »Sternhageljung«-David? Zumindest zwei Dinge teilen Sie: die künstlerische Ader und das Talent, Unterbewusstes und Träume in surrealen Bildern einzufangen (anzuschauen unter: surreale-kunst.com, da findet Ihr tatsächlich auch jene Bilder, die der fiktive David malt!!) sowie die Vorliebe für Waldspaziergänge.
David Maislinger: Mehr als mir manchmal lieb ist. Die Einteilung der Psyche Davids in die unterschiedlichen Subpersönlichkeiten ist Resultat jahrelanger Selbstreflexion. So muss ich mir eingestehen, dass die jahrelange Trinkerei mit den einhergehenden Unsinnshandlungen genauso Teil meines Lebens waren wie der gesellschaftliche Absturz. All das teile ich als Autor mit der Figur des Romans und rückblickend gibt es viele Situationen, auf die ich nicht stolz bin und die ich bereue.
Meine Leselampe: Was hat Sie inspiriert oder angetrieben, den Entwicklungs- oder Selbstfindungsroman »Sternhageljung« zu schreiben?
David Maislinger: Das Geschichtenerzählen war schon immer meine größte Leidenschaft, ursprünglich im Medium Film. Irgendwann genügten mir die Kurzfilme nicht mehr und ich wollte längere Formate füllen. Der Einfachheit halber wechselte ich zu diesem Zeitpunkt das Medium und begann zu schreiben. In der ersten Version des Buches hatte die Figur noch einen anderen Namen. Es ging um einen jungen Salzburger Dichter, der auf der Straße lebte und sich als Freigeist sah. Je länger ich an dem Text arbeitete, desto mehr wurde mir klar, dass die Stellen, in denen ich auf meine eigene Erfahrung zurückgreifen konnte, mehr Sog erzeugten und so füllte ich das Buch mit immer mehr Begebenheiten aus meinem persönlichen Leben.
Meine Leselampe: Beeindruckend finde ich die Szene, in der David Jesus begegnet – sind Sie ein gläubiger Mensch?
David Maislinger: Ja, ich denke, ich kann mich als gläubigen Menschen bezeichnen, auch wenn ich mich zu keiner Religion eindeutig bekennen kann. Für mich ist Jesus eine historische Figur, die in der feinstofflichen Welt weiterhin präsent ist und zu der ich Kontakt aufnehmen kann. Er verbreitet Liebe und Barmherzigkeit und hat mir geholfen, mein Leben neu zu bewerten. Durch ihn hat sich meine Perspektive auf die Welt verändert und so kann ich voller Zuversicht in die Zukunft blicken.
Meine Leselampe: Wie lang haben Sie an der Geschichte Davids geschrieben?
David Maislinger: Zirka 13 Jahre. Der jetzigen Version des Buches gingen drei andere voraus.

(Bild links: eigenes Foto)
Meine Leselampe: Mich begeistern die Kapitelüberschriften in Hashtag-Nummerierung und natürlich das Cover von »Sternhageljung«.
Es ist im Stil der Neunziger gehalten mit einer – ich zitiere aus Ihrem Blog – »Pixelschrift im Retro-Gaming-Style» und weiter: »Der Übergang vom Bild in die Quadrate deutet die Vergänglichkeit dieser Zeit an.»
Ich nehme an, Cover-Idee und -Entwurf stammen von Ihnen, richtig?
David Maislinger: Das ist korrekt.
Meine Leselampe: Sie waren ja schon immer kreativ tätig: Sie haben in Salzburg MultiMediaArt studiert und später noch einmal Regie; Sie haben Kurzfilme gedreht – so auch den Trailer für »Sternhageljung« [3] –, in der IT- und Medienbranche sowie für einige Fernsehsender gearbeitet. Bereits 2013 haben Sie sich dem Schreiben zugewandt. Liegen in Ihrer Schublade weitere Romane oder Erzählungen, die darauf warten, veröffentlicht zu werden?
David Maislinger: Ja, da gibt es einige Ideen und angefangene Manuskripte auf meiner Festplatte.
Meine Leselampe: Die hoffentlich veröffentlicht werden, wenn es soweit ist! Welchen Stellenwert wird die Malerei künftig einnehmen, Herr Maislinger? Und da mir Ihre Bilder ausnehmend gut gefallen, mich wirklich ansprechen (obwohl ich bisher kein Freund der surrealen Malerei war), gleich noch die Frage, ob sie käuflich zu erwerben sind?
David Maislinger: Ich möchte am Malen genauso wie am Schreiben dranbleiben. Für mich ergänzen sich die beiden Tätigkeiten sehr gut. Es freut mich sehr, wenn Ihnen die Bilder zusagen und ja, sie sind käuflich zu erwerben.
Meine Leselampe: Herzlichen Dank, Herr Maislinger, für »Sternhageljung« und dafür, dass Sie sich Zeit für das Interview genommen haben.
»Sternhageljung« – mein Fazit und Bezugsquellen
Die Lektüre klingt lange nach, geht mir auch jetzt noch nicht aus dem Kopf. Es ist ein ganz eigener, faszinierender Erzählstil, den David Maislinger pflegt.
Der die Stimmung und die Szene der Neunziger (und folgenden Jahre) in Salzburg lebendig einfängt. Der auf jegliche Rührseligkeit verzichtet. Der den fiktiven David realistisch und glaubhaft in Sprache, im Denken und Handeln darstellt. Der mir erlaubt, einerseits gespannt und gebannt dessen Schicksal über zwei Jahrzehnte zu begleiten und andererseits eine Art schützende Distanz zu wahren, um nicht in die wahnhaften Situationen mit hinein gesaugt zu werden.
Obwohl ich gestehen muss, dass ich manchmal unsicher war, ob tatsächlich alle Kräfte, die sich in »Sternhageljung« manifestieren, aus Davids Unterbewußtsein stammen. Könnte es nicht doch sein, dass es mehr Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, als unsere Schulweisheit es sich träumen lässt? (Ja, ja, ich weiß, dieses Shakespeare-Zitat ist mittlerweile recht abgenutzt, passt aber so gut).
Auf jeden Fall muss ich für mich herausfinden, wie es in David Maislingers Entwicklungsroman um manche Erscheinungen bestellt ist… Ich werde das Buch sicher ein zweites Mal lesen!
Euch lege ich ans Herz, »Sternhageljung« wenigstens einmal zu lesen, denn der Roman ist wahrlich sternhagelstark!!! Und verrate Euch gleich noch die Bezugsquellen:

David Maislingers Entwicklungsroman »Sternhageljung«, 352 Seiten, Großebersdorf, 2026, könnt Ihr als Hardcover, als Taschenbuch und als E-Book im Buchhandel erwerben oder über den »Buchschmiede«-Shop bestellen:
https://www.buchschmiede.at/app/book/386225-David-Maislinger-Sternhageljung;bookType=PB.
Mit einer Bestellung bei der Buchschmiede [4] unterstützt Ihr den Autor, der in dem Fall etwas mehr Provision erhält!
»Sternhageljung« – Weblinks
[1] Psychotherapie: Sigmund Freud – Psychologie – Gesellschaft, Claudia Heidenfelder, 22.06.2020, online: https://www.planet-wissen.de/gesellschaft/psychologie/psychotherapie/sigmund-freud-108.html.
[2] Hier der Link, der zu David Maislinger, seinem Buch und seinen Bildern führt: https://davidmaislinger.com/.
[3] Den Trailer könnt Ihr hier anschauen: https://www.youtube.com/watch?v=AfbtB6q5Toc und hier: https://davidmaislinger.com/.
[4] Informationen zum Selfpublisher-Verlag »Buchschmiede«: https://www.buchschmiede.at/.
A propos: Drogenprobleme und Wahnvorstellungen – davon konnten auch manche Viktorianer ein Lied singen, bzw. Essays darüber verfassen: https://www.meineleselampe.de/buchtitel/bekenntnisse-eines-englischen-opiumessers/ sowie https://www.meineleselampe.de/suspiria-de-profundis/.
