Charles Dickens: “Die Geschichte des armen Verwandten”

von | 14.11.2019 | Buchvorstellung

Autor(en): Dickens, Charles

Weihnachten 1853: Charles Dickens veröffentlicht in der ersten Ausgabe von “Household Words” seine Erzählung “Die Geschichte des armen Verwandten” und “Die Geschichte des Schuljungen”.

Bis 1859 leitet Dickens die Zeitschrift “Household Words”, dann wechselt er nach einem Streit die Verleger und wird Herausgeber der Wochenzeitschrift “All the Year Round”.

Die Geschichte des armen Verwandten

Ein Weihnachtsabend im viktorianischen England. An einem behaglich prasselnden Kaminfeuer sitzen die Gäste eines Hauses. Bestimmt haben sie gut gegessen und getrunken, nun wollen sie sich Geschichten erzählen. Beginnen soll der arme Verwandte Michael. Ihm ist das peinlich,

doch all sein Zaudern nutzt ihm nichts. So schildert er sein armseliges Leben, das er in einem unbeheizten Hinterzimmer fristet. Für Vergnügungen fehlt ihm das Geld. Seine einst glänzenden Aussichten haben sich zerschlagen: von Onkel Chill wegen einer geplanten Liebesheirat enterbt, von der Braut Christiana deshalb verlassen, vom Freund und Partner John Spatter aus der eigenen Firma gedrängt.

Ab und zu hat Michael einen kleinen Neffen zu Besuch, an dem er sehr hängt, doch der kleine Frank wird demnächst fort in ein Internat geschickt. “Seelischer und materieller Bankrott” und “Michael, der Versager”, werden die zuhörenden Verwandten an dieser Stelle sicher denken. Doch so wie es aussieht, ist das alles nicht.

Michael spricht auf einmal von dem prächtigen Schloss, in dem er mit seiner Familie lebt. Christiana hat damals zu ihm gestanden und ihn geheiratet, auch ohne Geld. Sein Freund und Partner hat ihn nicht im Stich gelassen, er hat mit ihm gemeinsam ein erfolgreiches Unternehmen aufgebaut. Michaels älteste Tochter ist mit John Spatters ältestem Sohn verheiratet, eine muntere Enkelschar hat sich eingestellt. Michael schließt seine Erzählung: das sei sein wirkliches Leben in seinem wirklichen Schloss…….in der Luft.

(Ups!)

Die Geschichte des Schuljungen

Wir bleiben mit Charles Dickens in dem gemütlichen Kaminzimmer, wo sollte man einen Weihnachtsabend angenehmer verbringen? Lauschen wir den Geschichten, nach Michael ist jetzt ein ganz junger Mann an der Reihe. Er hat ein Internat besucht, eines von der Sorte, das den Eltern viel Geld aus der Tasche zieht und den Jungen schlechtes Essen und wenig Pflege angedeihen lässt. Einer der Jungen, genannt der alte Cheeseman, gehört zu den ganz armen Teufeln. Die anderen Jungens haben das schwächste Glied in der Kette erkannt und lassen ihre Launen an ihm aus. Mal schlagen sie ihn, mal beschenken sie ihn. Nach ein paar Jahren wird Cheeseman Lehrer an der Schule. Seine ehemaligen Mitschüler sehen ihn als Verräter und setzen ihm übel zu. Einzig die Hausangestellte Jane hält zu Cheeseman. Da sie bei den Jungen sehr beliebt ist, hassen und mobben sie Cheeseman dafür umso mehr. Eines Morgens ist Cheeseman fort, seine Peiniger bekommen es mit der Angst zu tun. Hat er sich umgebracht, weil sie ihm so zugesetzt haben?

Nein, er lebt und er hat geerbt! Cheeseman sei ein reicher Mann, verkündet der Reverend. Cheeseman kommt noch einmal zu Besuch. Statt sich an den Jungen zu rächen, bedankt er sich bei ihnen, spricht von Zuneigung und lässt für sie fürstlich auftischen. Alle sind zutiefst beschämt. Cheeseman heiratet Jane, beide besuchen oft die Schule und achten auf das Wohl der Zöglinge. An diesem Happy End-Punkt beendet der junge Mann seine Erzählung, voll des Lobes auf Cheeseman und Jane.

Zurück blicken ohne Zorn, Böses mit Gutem vergelten, das sind die Botschaften der Geschichte des armen Verwandten (Nobody’s Story) und der Geschichte des Schuljungen (The Schoolboy’s Story). Charles Dickens plädiert in seiner Weihnachtserzählung dafür, zu verzeihen und statt Rache Milde walten zu lassen. Das erste Opfer, Michael, scheitert an seiner Gutherzigkeit und Gutgläubigkeit. Das erlittene Unrecht verarbeitet er, in dem er sich eine Phantasiewelt schafft statt in Selbstmitleid und Hass zu stagnieren.

Cheeseman, das zweite Opfer, wird vom Schicksal für seine elenden Jahre entschädigt und zeigt als reicher Mann Größe und Güte gegenüber seinen früheren Peinigern, die das tief beschämt. So läuft es leider nur in Dickens Weihnachtserzählung, im wahren Leben sollten sich Mobbing-Opfer unbedingt professionelle Hilfe holen.

Meine Leselampe-Fazit

Schade, ich hätte mich gefreut, wenn auch der arme Verwandte belohnt worden wäre. Mr. Charles Dickens, hätten Sie an Weihnachten nicht spendabler seien können? Sonst waren Sie in dieser Jahreszeit die Güte und Harmonie in Person. Vielleicht lag es ja an Ihren Gesundheitsproblemen in dem Jahr…Trotzdem ist es stets eine große Freude und ein Genuss, Ihre stimmungsvollen Erzählungen zu lesen oder vor zu lesen, wie es zu Ihren Zeiten üblich war und wie Sie es gern getan haben. Weihnachtsstimmung pur!!

Mein Lese-Exemplar:

Charles Dickens, “Weihnachtserzählungen”, daraus “Die Geschichte des armen Verwandten” und “Die Geschichte des Schuljungen”, 25 Seiten, bearbeitet, übersetzt und herausgegeben von D. P. Johnson, (überarbeitete Gesamtausgabe unter Verwendung der Übertragungen von Karl Kolb und Julius Seybt), mit Illustrationen der Erstausgabe, Magnus Verlag Essen (kein Erscheinungsdatum).