W.M.Thackeray: “Jahrmarkt der Eitelkeit”

von | 31.07.2019 | Buchvorstellung

Der viktorianische Spötter William Makepeace Thackeray (1811-1863) nimmt in seinem “Jahrmarkt der Eitelkeit” die feine englische Gesellschaft in’s Visier, jedoch augenzwinkernd und versöhnlich. War er doch selbst ein Darsteller auf diesem Jahrmarkt: schon seine Karriere als junger Gentleman startete er wie so viele seinesgleichen damit, sein ererbtes Vermögen zu verschleudern.

Auf Thackeray bin ich schon vor einigen Jahren gestoßen. 2011 jährte sich der Geburtstag des englischen Romanschriftstellers zum 200sten Mal und Thackeray war in den Schlagzeilen und im öffentlichen Bewusstsein. “Jahrmarkt der Eitelkeit“, “Vanity Fair” im Original, ist sein bekanntestes Werk. (Ja, der Name einer englisch sprachigen Modezeitschrift ist von Thackerays “Vanity Fair” inspiriert, ein Fall von Selbstironie?)

In “Jahrmarkt der Eitelkeit” schildert Thackeray den Lebensweg zweier junger Frauen in der englischen Gesellschaft in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Amelia ist sanft, herzensgut und milde gesagt, sehr einfach gestrickt. Rebekka dagegen ist ehrgeizig, raffiniert und eine Blenderin. Die beiden haben sich in einem Erziehungsinstitut für junge Damen kennengelernt und befreundet, Becky, weil sie sich von der begüterten Familie Amelias Vorteile erhofft, Amelia, weil sie der mittellosen Waise Becky helfen möchte. Leider schafft es Becky nicht, sich den reichen, aber recht trägen Bruder Amelias zu angeln, sie muss eine bezahlte Stelle als Gesellschafterin annehmen.

Unglückselige Hochzeiten im Doppelpack

Gesellschafterin ist kein Erfolgsmodell auf dem “Jahrmarkt der Eitelkeit”, doch Rebekka macht das Beste daraus: sie gewinnt den jüngeren Sohn des Hauses, Offizier Rawdon Crawley für sich und heiratet ihn. Eine Fehlspekulation, denn die reiche Erbtante, deren Liebling Rawdon war, verstößt die beiden wegen der unpassenden Herkunft Rebekkas.

Amelia liebt George Osborne, einen Jugendfreund, die beiden sind einander lange schon versprochen. Als Amelias Familie verarmt, heiratet George sie gegen den Willen seines Vaters. Auch dieses Paar wird verstoßen und muss allein zurechtkommen. Und dann ist da noch Hauptmann Dobbin, ein Freund George Osbornes, der Amelia heimlich liebt und in den Wirrungen der nächsten Jahre seine Hand schützend über sie hält. Nach recht kurzer Ehezeit fällt George Osborne bei der Schlacht von Waterloo, gerade als er die schwangere Amelia verlassen und mit ihrer Freundin Becky durchbrennen will. Amelia hat den Flirt zwischen Ehemann und Freundin bemerkt, verdrängt ihre dunklen Ahnungen aber und trauert jahrelang um den von ihr idealisierten George. In großer Armut zieht sie den vergötterten gemeinsamen Sohn auf. Rebekka wird ebenfalls Mutter, kümmert sich aber nicht um ihren Sohn, er ist ihr bei ihrem Kampf um gesellschaftliche Anerkennung lästig. Doch sie überspannt den Bogen, ihr Mann entdeckt, dass sie ihn um Geld betrogen hat und ein zu enges Verhältnis zu ihrem Gönner Lord Steyne pflegt, Rawdon verlässt Becky……

Wie das Leben der beiden Frauen verläuft, ob es für die beiden am Ende noch gut ausgeht, verrate ich nicht, das müsst/dürft Ihr herausfinden.

Meine Leselampe-Fazit:

Nicht die Lebens- und Liebesgeschichte von Amelia und Rebecca an sich macht “Jahrmarkt der Eitelkeit” so lesenswert, es ist die spitzzüngige und entlarvende Darstellung der gehobenen englischen Gesellschaft, in der Schein mehr gilt als Sein. Das gilt für die Familien des alteingesessenen Adels als auch für die neureichen Großindustriellen und Bankiers. Thackeray’s Charaktere und ihre Dialoge führen das herz- und geistlose Treiben der feinen Schicht gekonnt vor. Wer verarmt, wird fallen gelassen und hat keine Freunde mehr. Wer arm aber clever ist, die Fasson wahrt und zu Lasten der Händler und Dienstboten auf Pump lebt, darf beim Reigen der Eitelkeit weiter tanzen.

Heutige Parallelen gibt es allemal: so wäre das Bestreben einiger an Geld und Ruhm knappen Promis, sich unter entwürdigenden Aufgabenstellungen im Dschungel zu sanieren, Thackeray sicher eine Geschichte wert.

Mein Lese-Exemplar:

William Makepeace Thackeray, “Jahrmarkt der Eitelkeit”, übersetzt von Theresia Mutzenbacher, mit Zeichnungen des Autors aus der Erstausgabe von 1848, 916 Seiten, Winkler-Verlag in München, 1965. (Es gibt Ausgaben und Neuauflagen verschiedener Verlage).