“Mrs Beeton’s Household Management”: Menu-Abfolgen und Dienstboten

von | 09.06.2020 | Buchvorstellung

Autor(en): Beeton, Isabella

“Mrs Beeton’s Household Management” – seit 1861 ist das viktorianische Standardwerk zur Haushaltsführung ein Dauerbrenner im englischsprachigen Raum. Und es ist ein Stück Kultur- und Zeitgeschichte. Die Autorin Isabella Beeton hat in nur zwei Jahren mehr als 2751 Rezepte, Ratschläge und Erläuterungen zu allen Bereichen der Haushaltsführung zusammengetragen, überarbeitet und ergänzt.

Hier könnt Ihr die bisherigen Posts zu “Mrs Beeton….” auf Meine Leselampe nochmal nachlesen:

Isabella Beeton: Kurze Biographie

Mrs Beetons Household Management”: Rezepte und Menuabfolgen

In der vergangenen Woche hatte ich ein Rezept für “Spargel(creme)suppe” übersetzt und vorgestellt sowie Menu-Vorschläge für das Familienessen unter der Woche (Plain Family Dinners), die der viktorianischen Hausfrau die Planung erleichtern sollten. Alles schön auf den jeweiligen Monat abgestimmt!

Heute möchte ich Euch zeigen, wie zur viktorianischen Zeit ein offizielles Dinner für 18 Gäste gestaltet wurde – ohne professionelle Hilfe war das nicht zu schaffen!!!!! Und was professionelle Hilfe im Haushalt denn so kostet, darüber informiert Mrs Beeton auch!

Menu-Abfolgen

Was serviert man 18 Gästen? “Mrs Beeton’s Household Management” schlägt auf Seite 897, Dinners And Dining für den Juni ihre Nr. 1997 vor:

1. Gang

  • Spargelsuppe, gefolgt von geräuchertem Lachs (gekräuselt oder in Wellen gelegt serviert)
  • Seezunge an feinen Kräutern
  • Fadennudelsuppe, gefolgt von Weißfisch
  • Gurnet-Filets (Gurnet ist laut wikipedia identisch mit “Knurrhahn”)

Zwischengang/Fleischgang

  • Lamm-Koteletts mit Erbsen
  • Kalbsbrustknorpelstücke (Kalbsranken) in jungem Gemüse gegart
  • Kalbsbrieschen, gespickt
  • Hummerpastetchen

Dritter Gang

  • Lammrücken und/oder Zunge
  • Kapaun, gekocht
  • Schinken und/oder Kalbskopf, gekocht
  • Stubenküken, geröstet

Vierter Gang

  • Hase, gefolgt von gefrorenem Pudding (aus süßen und bitteren Mandeln, Milch, Eiern und Zucker)
  • Weingelee
  • Kiebitzeier / (Obst-)Törtchen / Eiercreme in Gläsern
  • Junge Gans, gefolgt von Fondues in Förmchen (Käse, geschmolzen und gebacken)
  • Mandelpudding
  • Garnelen / Käsekuchen / Windbeutel gefüllt mit Erdbeeren und Sahne

Zum Abschluss serviert “Mrs Beeton” Desserts und Eis (nicht näher ausgeführt!) Dazu reicht die viktorianische Hausherrin Fingerschalen mit Wasser.

Wichtig: mit den Fingerspitzen hineintippen und nicht – wie es manche Herren zu tun pflegen – zwecks Finger-Reinigung den Zipfel der Serviette befeuchten. Und bitte nicht nachahmen, was die Franzosen und andere Einwohner des Kontinents zu viktorianischer Zeit in Mode gebracht haben: den Mund ausspülen!!! So etwas tut ein “English Gentlewoman” sogar des niedrigsten Standes nicht!!!!!!!

Die verschiedenen Gerichte werden bei jedem Gang im Uhrzeigersinn um eine Vase mit Blumen plaziert!

Bei einem Menu serviert die viktorianische “mistress” zuerst die schweren, gehaltvollen Gerichte, zum Ende hin werden die Speisen immer leichter. Beim Wein ist es genau umgekehrt: man beginnt mit den leichten Weinen und arbeitet sich zu den schweren und/oder aromatisierten Tropfen vor.

Dienstboten, Domestic Servants

Allein für die hier aufgeführte Art des Dinierens benötigt frau auf jeden Fall Hilfe. Mindestens eine Köchin muss her, ein Spülmädchen sowieso und ein Lakai zum Servieren wäre geschickt (und macht was her).

Doch was kosteten dienstbare Geister im Jahre 1861 im viktorianischen England?

Wird den männlichen Hausangestellten eine Livree gestellt, erhalten sie weniger Geld pro Jahr. Tragen sie selbst Sorge für eine Uniform, ist ihr Gehalt höher.

Die weiblichen Angestellten bekommen laut “Mrs Beeton’s Household Management” weniger Lohn, wenn sie Tee, Zucker und Bier auf Kosten des Arbeitgebers konsumieren dürfen und mehr, wenn sie sich diese Leckereien selbst kaufen müssen.

Im Durchschnitt kostete ein Butler einen viktorianischen Haushalt 20 bis 50 Pfund im Jahr, ein Koch 20 bis 40 Pfund (eine Köchin 11 bis 30 Pfund, Frauen verdienten also schon damals für die gleiche Arbeit weniger Geld!!). Ein Lakai schlug mit 15 bis 40 Pfund zu Buche, eine Zofe mit 10 bis 25 Pfund, ein Küchenmädchen mit 8 bis 14 Pfund im Jahr.

Dazu muss ich sagen, dass ein Pfund in viktorianischer Zeit mehr wert war als heute, so ungefähr das achtzig-fache.

Mit einem jährlichen Einkommen von 300 Pfund konnte eine Mittelschicht-Familie sich ein “Mädchen-für-alles” (9 bis 14 Pfund jährlich) sowie ein Kindermädchen (5 bis 12 Pfund) leisten. Bei 150 bis 200 Pfund Einkommen im Jahr war allemal noch ein “Mädchen-für-alles”drin.

In diesen Klassen gab es sowieso keine Dinner für 18 Personen, es sei denn, man lebte als Blender auf betrügerischem Pump – wie manche der Figuren des W. M. Thackeray. (Meine Leselampe-Link W.M.Thackeray: “Jahrmarkt der Eitelkeiten”)

Meine Leselampe-Fazit

Ich könnte noch so viel aus “Mrs Beeton’s Household Management” erzählen, es ist eine Quelle der Inspiration und lässt die vergangene viktorianische Epoche aufleben.

Vieles könnt Ihr heute problemlos nachkochen, einige Methoden zur Hausreinigung sind ökologisch voll im Trend ebenso wie Mrs Beeton’s Empfehlung, frisch beim regionalen Erzeuger zu kaufen.

Gut, die meisten Anmerkungen zu Dienstboten, Kleidungsstil, Etikette (naja, einiges sollte man ruhig beherzigen), Medizin oder Recht sind überholt. Es ist aber sehr charmant, darüber zu lesen und sich in die Zeit hinein zu versetzen. Und Mrs Beeton’s Hinweis, dass Hygiene, eine gesunde Ernährung sowie frische Luft in den Räumen Erkrankungen vorbeugt, gilt in Corona-Zeiten allemal wieder.

Gönnt Euch Mrs Beeton’s Household Management”, es bereitet viel Vergnügen!!!!! (Und bildet!!)

Mein Lese-Exemplar:

Isabella Beeton, “Mrs Beeton’s Household Management”, UT: “A classic of domestic literature”, 1109 Seiten, 2006 neu herausgegeben von Wordsworth Edition Limited, Ware, Hertfordshire.

Als Übersetzungshilfe dienten der “Oxford Advanced Learner’s Dictionary” und Langenscheidts Fremdwörterbuch Englisch-Deutsch.