Robert Louis Stevenson: “Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde”

von | 21.02.2020 | Buchvorstellung

Robert Louis Stevenson (1850-1894), schottischer Schriftsteller aus der viktorianischen Zeit, hat mit “Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde” ein sehr vielschichtiges Werk geschaffen. Die Novelle vereint Elemente aus Kriminalroman, Horrorgeschichte, Psychoanalyse und Gesellschaftskritik – vermutlich fesselt sie deshalb seit ihrer Veröffentlichung im Jahre 1886 die Leser-Generationen.

Robert Louis Stevenson habe ich am Dienstag vorgestellt:  “Stevenson: Kurze Biographie“, jetzt komme ich (endlich mal) zur Story.

Mr. Gabriel John Utterson ist Rechtsanwalt. Äußerlich wirkt er grau, unnahbar und kühl, im Innersten ist er tolerant, mitfühlend, nicht ohne Humor und seine Freunde haben in ihm einen loyalen Partner.

Eines Sonntags, als Mr. Utterson mit einem entfernten Verwandten namens Richard Enfield den gewohnten Spaziergang macht, kommen sie an einem düsteren, verwahrlosten Haus in einem ansonsten gepflegten Geschäftsviertel Londons vorbei. Enfield zeigt auf dieses Haus und berichtet Untterson von einem erschreckenden Vorfall, der sich hier abgespielt hat.

Ein kleiner, abstoßend und bösartig wirkender Mann habe eines Abends just an dieser Stelle ein Kind niedergetrampelt. Er, Enfield habe ihn gestellt und 100 Pfund als Wiedergutmachung für die Familie des glücklicherweise nicht verletzten Kindes gefordert. Der Täter – ein Mr. Hyde – habe auch bezahlt, zum Teil bar, zum Teil mit einem Scheck, den er hier aus dem Hause geholt habe. Enfield war überrascht, dass der Scheck von einem bekannten Londoner Bürger gezeichnet war, den Namen will er nicht preisgeben. Aber Utterson weiß, wer gemeint ist, die Lage des Hauses hat es ihm verraten.

Wieder daheim, holt Utterson ein Testament hervor, das er für den befreundeten Arzt Dr. Henry Jekyll aufbewahren soll und dessen Inhalt ihm sehr missfällt. Dr. Jekyll, ein geachteter und beliebter Mitbürger (wenn auch mit einem kleinen Hang zum Frivolen), hatte erst kürzlich verfügt, sein gesamtes Vermögen im Falle seines Todes oder Verschwindens einem gewissen Edward Hyde zu übergeben. Utterson ist bei der Sache unwohl. Er besucht Dr. Hastie Lanyon, einen Arzt und gemeinsamen Freund von ihm und Jekyll. Doch Dr. Lanyon verkehrt mit Jekyll schon seit Jahren nicht mehr, seine wissenschaftlichen Ansichten waren ihm zu phantastisch und wirr geworden. Einen Edward Hyde kennt Lanyon nicht, an dieser Stelle kommt Utterson also nicht weiter.

Daher fängt er an, das alte Haus zu beobachten, zu dem der mysteriöse Mr. Hyde den Schlüssel hat und das, durch einen Innenhof getrennt, zu dem Hause Dr. Jekylls gehört. In dem Hinterhaus liegen das Arbeitszimmer Jekylls und ein Laboratorium.

Uttersons Geduld wird belohnt, eines Tages kann er Hyde stellen und seine richtige Adresse erfragen (in Soho, damals das Stadtviertel der Gauner und Mörder). Auch ihn stoßen Hydes Äußeres, seine negative Ausstrahlung und sein Verhalten ab – was hat dieser Mann nur mit seinem Freund Jekyll zu tun?

Eine paar Wochen später wird Utterson von Dr. Jekyll zu einer Dinnerparty eingeladen, als die anderen Gäste gegangen sind, plaudern die beiden noch etwas. Utterson kommt auf das Testament und Edward Hyde zu sprechen. Henry Jekyll beruhigt ihn, zwar sei seine Lage seltsam und peinlich, aber er könne Hyde jederzeit loswerden. Damit muss Utterson sich zufrieden geben.

Ein Jahr vergeht. Eines Abends beobachtet ein Dienstmädchen von ihrem Fenster aus, wie ein kleiner Mann, den sie als Mr. Hyde erkennt, einen entgegenkommenden Spaziergänger mit einem Gehstock brutal zu Tode prügelt. Da das Opfer einen an Mr. Utterson adressierten Brief bei sich trug, wendet sich die Polizei an den Anwalt. Utterson identifiziert die Leiche als Sir Danvers Carew, Abgeordneter und sein Mandant. In der zerbrochenen Hälfte des Tatwerkzeugs erkennt Utterson den Stock, den er einst seinem Freund Jekyll geschenkt hatte. Mit der Polizei begibt sich Utterson zu Hydes Wohnung, er ist nicht da, fehlende Kleidungsstücke verraten seine Flucht, die andere Hälfte des zerbrochenen Spazierstocks seine Schuld.

Nachmittags spricht Utterson mit Henry Jekyll über den Vorfall und warnt ihn, er könne als Protegé Hydes diesen Mord verwickelt werden. Jekyll zeigt Utterson einen Brief Hydes, in dem er sich bei seinem Gönner entschuldigt und ihm versichert, er sei geflohen und werde nicht zu finden sein.

Abends sitzt Utterson mit seinem Schreiber Mr. Guest zusammen. Der Wein lockert seine Zunge und er zeigt Guest, der sich mit Handschriften auskennt, den Brief Hydes. Wie es der Zufall will, wird in dem Augenblick eine Einladung Jekylls abgegeben. Guest studiert auch dieses Schreiben und stellt eine Ähnlichkeit der beiden Handschriften fest. Utterson bittet Guest, darüber zu schweigen.

Nach Hyde wird weiter erfolglos gefahndet. Dr. Jekyll ist aus seiner Isolation ins gesellschaftliche Leben zurückgekehrt, trifft sich mit seinen Freunden und übt sich in Werken der Barmherzigkeit, mehr denn je zuvor. Auch er und Dr. Lanyon pflegen wieder freundschaftlichen Kontakt. Zwei Monate lang scheint alles in bester Ordnung.

Eines Abends, als Untterson seinen Freund Jekyll besuchen möchte, wird er an der Tür vom Butler des Hauses zurückgewiesen, der Doktor könne niemanden empfangen. Das Spiel wiederholt sich noch zwei Mal, Utterson wird unruhig. Er geht zu Dr. Lanyon und erlebt den nächsten Schrecken. Der alte Freund ist krank und wirkt vollkommen zerrüttet, er scheint dem Tode näher als dem Leben. Lanyon erklärt Utterson, er habe etwas derart Schreckliches gesehen, dass er sich davon nicht erholen werde. Auf den ebenfalls kranken Jekyll angesprochen, reagiert Lanyon mit Abscheu und abwehrend. Er sei mit Jekyll für immer fertig und wolle nichts mehr über ihn hören.

Mr. Utterson schreibt noch am gleichen Abend an Jekyll und bittet um Aufklärung. Jekyll antwortet ihm brieflich mit düsteren und wenig erhellenden Worten. Er müsse seinen dunklen Weg allein gehen. Er sei Märtyrer und Sünder zugleich.

Kurz darauf stirbt Dr. Lanyon, er hinterlässt Mr. Utterson einen Brief, der aber erst nach dem Tode Dr. Jekylls geöffnet werden darf. Also auch keine Klarheit. Weitere Besuche bei Jekyll bleiben erfolglos, Poole weist ihn jedesmal ab. Doktor Jekyll gehe es schlecht, er habe sich dauerhaft in sein Arbeitszimmer zurückgezogen, heißt es. Und mit der Zeit stellt Utterson seine Besuche ein.

Eines Tages, als er wieder mit seinem Verwandten Enfield spazieren geht, sehen sie am Fenster des Hinterhauses Dr. Jekyll, er macht einen traurigen und sehr schwachen Eindruck. Utterson und Enfield sprechen ein wenig mit ihm. Doch plötzlich verändert sich Jekylls Gesichtsausdruck auf grauenhafte Weise und er schlägt das Fenster zu. Die beiden Männer sind schockiert, blass und schweigsam setzen sie ihren Weg fort.

Und dann bricht die letzte Nacht an – Poole kommt zu Mr. Utterson und bittet ihn dringlich um Hilfe. Es scheine, dass sein Herr in seinem verschlossenen Arbeitszimmer ermordet worden und der Mörder noch drinnen sei. Utterson begleitet den verschreckten Poole zu Jekylls Haus, gemeinsam brechen sie die Tür zum Arbeitszimmer auf und finden den noch zuckenden, aber toten Edward Hyde am Boden liegend, ein Fläschchen Blausäure in der Hand. Von Jekyll fehlt jede Spur, kein Hinweis, ob er lebt, ermordet wurde oder geflohen ist. Utterson findet jedoch einen an sich gerichteten Brief Jekylls, er nimmt ihn mit zu sich nach Hause. Zuerst öffnet er das versiegelte Schreiben Lanyons und liest, dass dieser die Verwandlung Hydes in Jekyll miterlebt hat, als er dem Freund ahnungslos einen Gefallen erweisen wollte. Dieses Wissen hatte Dr. Lanyon so belastet und verstört, dass er daran zugrunde gegangen ist. Utterson liest nun den Brief Jekylls und erfährt die ganze grausige Wahrheit.

Dr, Jekyll hatte schon immer einen Hang zum ausschweifenden Leben. Um dem schlechten Gewissen und der Verantwortung für diesen Charakterzug zu entgehen, hatte Jekyll die Theorie entwickelt, dass in jedem Menschen das Gute wie das Böse wohne. Mit chemischen Experimenten hatte der Gelehrte versucht, diese Seelen voneinander zu trennen und vom Bösen befreit zu werden. Und es war ihm gelungen, sein übler Teil, Edward Hyde, kam frei. Erst genoss Jekyll die neue Freiheit als Hyde: er konnte einerseits die sündigen Vergnügungen auskosten und andererseits als biederer Saubermann fungieren. Doch Hyde wurde immer boshafter und gewalttätiger in seinen Ausschweifungen, das erschreckte selbst Jekyll. Und eines Tages verwandelte er sich im Schlaf, ganz ohne Droge, in Edward Hyde. Daraufhin nahm Jekyll nach seiner Rückverwandlung zwei Monate keinen Zaubertrank ein und blieb standhaft er selbst. Die Versuchung wurde von Tag zu Tag mächtiger, er gab ihr nach und das Böse in Gestalt Hydes brach sich ungehemmter denn je seine Bahn. In wilder Rage, ja, im Blutrausch ermordete er den zufällig des Weges kommenden Sir Danvers Carew.

Reuevoll versuchte Jekyll danach noch einmal, ein gutes Leben zu führen und den verbrecherischen Hyde zurückzudrängen. Dafür war es allerdings zu spät. Die Verwandlungen verselbstständigten sich immer öfter, einmal geschah es sogar tagsüber in aller Öffentlichkeit. Bei dieser Gelegenheit ersuchte Hyde Dr. Lanyon um Hilfe und besiegelte so dessen Ende.

Doch auch Jekylls Ende war besiegelt. Die Verwandlungen nahmen zu, die Wirkung der Droge ließ immer mehr nach. War es die Gewöhnung oder war eine der Substanzen anders zusammengesetzt als anfangs? Wie dem auch sei, Dr. Jekyll konnte sich nicht mehr in sein besseres Ich verwandeln. Hyde hatte die Oberhand gewonnen. Einen Rest des ursprünglichen Gebräus war noch übrig, Jekyll trank es, um seinem Freund Utterson einen letzten Brief schreiben zu können. Er wisse nicht, was aus Hyde werde, aber es sei ihm auch egal. “Dies ist in Wirklichkeit meine Todesstunde…….Und in dem ich die Feder niederlege und mein Bekenntnis versiegle, beschließe ich das Leben dieses unglückseligen Henry Jekyll.” (S. 79, die letzten Zeilen von Stevensons Novelle)

Meine Leselampe-Fazit:

Robert Louis Stevenson schlägt uns Leser wahrlich in seinen Bann. Sein Dr. Jekyll ist ein Mensch, der das gute und aufrechte Leben liebt und sich gleichzeitig zum Bösen und Ausschweifenden hingezogen fühlt. Der ein Doppelleben führt, wie der Tischler und Stadtrat William Brodie, der Ende des 18. Jahrhunderts tagsüber ein angesehener Bürger und nachts ein Verbrecher und Mörder war (und gehenkt wurde). Stevenson hatte sechs Jahre zuvor mit einem Kollegen ein Bühnenstück über Brodie verfasst, das Thema hat ihn wohl umgetrieben.

Doch es gibt noch so viel mehr Aspekte in “Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde”: die Persönlichkeitsspaltung, das Überschreiten ethischer Grenzen in der medizinischen Forschung wie bei “Frankenstein”. Seit dem Erscheinen ist das Werk immer wieder analysiert, interpretiert worden. Aber eigentlich ist es auch egal, die Novelle ist spannend und zeitlos und gibt einem viel Stoff zum Nachdenken. Ein Klassiker der viktorianischen Literatur eben.

Meine Lese-Exemplar:

Robert Louis Stevenson, “Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde”, Novelle, 79 Seiten, übersetzt von G. Rambach, erschienen “Im Insel-Verlag zu Leipzig, 1930” (ich liebe diesen Stil), Insel-Bücherei Nr. 301.

Meine Leselampe-Vorschau:

Machen wir einen Sprung vom Horror ohne Happy End zu einer versöhnlichen Geschichte aus etwas neuerer Zeit. Unter Gary Paulsen: “Das Camp” findet Ihr meine Besprechung einer Herz erwärmenden Geschichte über einen kleinen Jungen, der mutterseelenallein zu seiner Großmutter in einem Holzfäller-Lager nahe der kanadischen Grenze reist…..